Xing: Riskante Öffnung

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Das deutsche Online-Kontaktnetzwerk Xing, früher OpenBC, will wachsen – und gefährdet damit das erfolgreiche Geschäft mit Bezahldiensten im Internet.

Das deutsche Online-Kontaktnetzwerk Xing, früher OpenBC, will wachsen – und gefährdet damit das erfolgreiche Geschäft mit Bezahldiensten im Internet.

Facebook weiß, wie man Geld spart. Die Macher des amerikanischen Internet-Kontaktnetzwerkes ließen einfach ihre Nutzer die Arbeit machen: 2000 Mitglieder übersetzten die wichtigsten Funktionen ins Deutsche. Das Ergebnis holpert manchmal zwar noch, „Zurück zum Postfach“ heißt beispielsweise „Back to Postfach“. Dafür ist Facebook aber seit Anfang März auch auf Deutsch am Start. Konkurrent Linkedin will im Laufe des Jahres folgen.

Der Schritt über den Atlantik von Facebook und Linkedin wird zum Lackmustest für ein Unternehmen, das im Rummel um die neueren Internet-Portale etwas untergegangen ist: Xing, der Pionier der Online-Kontaktnetze in Deutschland. Im Gegensatz zu Facebook oder StudiVZ, das wie die WirtschaftsWoche zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, verlangt Xing von seinen Premiumnutzern Geld – und zählt damit zu den seltenen Web-Unternehmen, die mit Bezahldiensten gut verdienen.

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Doch dieses Geschäftsmodell gerät unter Druck. 2003 unter dem Namen OpenBC gestartet und seit 2006 an der Börse, muss Xing, getrieben von Anlegern, den Umsatz immer weiter steigern. Als neue Erlösquellen wurden kostenpflichtige Stellenanzeigen und Werbung eingeführt. Um möglichst viele Anzeigen zu bekommen, muss Xing schnell die Zahl der Nutzer und deren Aktivität erhöhen. Um das zu erreichen, sollen bislang kostenpflichtige Funktionen umsonst angeboten werden. „Wir werden Xing Schritt für Schritt für Basiskunden weiter öffnen“, sagt Xing-Chef Lars Hinrichs – also für Kunden, die nichts bezahlen. Fragt sich nur, warum dann noch jemand Geld für Xing lockermachen soll?

Grundprinzip aller Kontaktnetzwerke ist das Kleine-Welt-Phänomen: Nach dieser Theorie des US-Psychologen Stanley Milgram kennt jeder Mensch jeden anderen Erdenbürger über sechs Ecken. Der Nutzer einer Kontaktbörse erstellt zunächst sein Profil: Alter, Beruf, Hobbys und mehr. Dem fügt er Freunde, Bekannte und Geschäftspartner mit deren Daten hinzu. Diese machen es genauso und ermöglichen die Kontaktaufnahme zu weiteren Personen.

So richtig funktioniert das virtuelle Netzwerken bisher nur für Premium-Mitglieder, die knapp sechs Euro im Monat dafür berappen. Denn wer nichts bezahlt, kann nicht einmal den eigenen Kontaktpersonen von sich aus eine Nachricht schreiben. Doch daran soll sich in den nächsten Wochen einiges ändern. Um neue Mitglieder anzulocken, will Hinrichs kostenlos erweiterte Suchmöglichkeiten anbieten, „vielleicht auch eingeschränkte Nachrichtenfunktionen“. Sie sollen Xing so besser nutzen können, auch ohne dafür zu bezahlen.

Um keine zahlenden Mitglieder zu verlieren, soll es für Premiummitglieder neue Funktionen geben. Seit Kurzem erlaubt bereits eine Status-Funktion, dass die Nutzer im Profil ergänzen, was sie gerade machen. Thomas sieht dann beispielsweise, dass Katja zur Cebit fährt oder Christian einen Job sucht. Für solche und andere Funktionen sollen die Kunden weiter zahlen.

Eine gefährliche Gratwanderung beginnt Hinrichs mit dieser Strategie. Sind die neuen Angebote nicht attraktiv genug, bleiben die Nutzer bei den kostenlosen Diensten. Statt wie versprochen zu steigen, ist der Anteil der Zahler seit dem Börsengang schon von 13 auf 8 Prozent gefallen. Der Grund ist jedoch, dass Xing für etwa 15 Millionen Euro zwei spanische Netzwerke sowie eines in der Türkei übernommen hat. Das brachte zwar fast 1,5 Millionen neue Mitglieder, drückten jedoch die Zahlerquote, weil dort die Mitgliedschaften kostenfrei sind. Die Kunden des kleineren spanischen Netzwerks, sind inzwischen zu Xing überführt. Die Umwandlung der anderen Plattformen soll bald folgen. Dann muss Hinrichs seinen neuen Kunden das Bezahlen schmackhaft machen.

Auch das Werbegeschäft ist schwierig. Da Premiumkunden für ihre Mitgliedschaft bezahlen, wollen sie nicht von Anzeigen behelligt werden. So hagelte es Proteste, als Xing Anfang des Jahres Werbung auf den Profilseiten der Zahler schaltete, auch wenn diese nur für die Basiskunden sichtbar war. Hinrichs musste zurückrudern und sich bei seinen Kunden entschuldigen. So bleiben dem Xing-Chef nur die Basiskunden, um an den wachsenden Online-Werbebudgets mitzuverdienen. Hinrichs will daher die Nichtzahler öfter auf seine Seite holen. Sein Kalkül hinter der Öffnung lautet: „Die Nichtzahler werden aktiver, und wir können höhere Werbeeinnahmen erzielen und mehr Geld in die Weiterentwicklung der Plattform investieren.“

Noch liegt Xing im Wettbewerb der Kontaktnetze wirtschaftlich weit vorn. Mit fünf Millionen Nutzern ist das Unternehmen verhältnismäßig klein, erzielte jedoch 2007 einen Umsatz von fast 20 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen betrug fast sieben Millionen Euro. Der kostenlose Konkurrent Facebook kam nach Branchenschätzungen mit zwölfmal so viel Nutzern nur auf den fünffachen Umsatz.

Als Konkurrenz betrachtet Hinrichs Facebook trotzdem nicht. Die Seite werde vor allem privat genutzt, Xing dagegen konzentriert sich auf berufliche Zwecke. „Beides harmoniert nicht“, sagt Hinrichs, „denn Sie wollen nicht, dass Ihr geschäftliches Netzwerk Ihre privaten Urlaubsfotos sieht oder etwa über Ihre sexuellen Vorlieben informiert wird.“

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