Eberhard Hipp im Interview: "Ins Gesicht schauen"

Eberhard Hipp im Interview: "Ins Gesicht schauen"

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MAN-Forschungschef Eberhard Hipp

MAN-Forschungschef Eberhard Hipp über elektronische Assistenzsysteme, die den Lkw-Verkehr auf den Autobahnen in kürzester Zeit wesentlich sicherer machen könnten.

WirtschaftsWoche: Herr Hipp, jede Woche passieren auf Deutschlands Autobahnen schwere Verkehrsunfälle, weil Lastzüge in Stau-Enden rasen. Ließen sich solche Katastrophen durch Fahrer-Assistenzsysteme nicht vermeiden?

Hipp: Glauben Sie mir: Wir leiden mit, wenn wir von solchen Unfällen Kenntnis erhalten. Denn tatsächlich ließe sich viel Leid vermeiden, wenn die Fahrer-Assistenzsysteme, die wir und andere Lkw-Hersteller entwickelt haben, schon in größerer Zahl auf dem Markt wären. Wir bieten für unsere Fahrzeuge schon seit sechs Jahren das Abstandsradar ACC und das videogestützte Spurhaltesystem LGS an. Die Einbauraten sind noch niedrig, aber mit ansteigender Tendenz. Es dauert leider, bis sich neue Technologien durchgesetzt haben.

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Wie hoch sind die Einbauraten der Systeme?

Die Quote liegt bei etwa fünf Prozent bei allen Bestellungen von Fernverkehrs-Lkws und erreicht etwa zehn Prozent bei Fahrzeugbestellungen aus Deutschland. Hierzulande scheint man inzwischen mehr Wert auf Sicherheit zu legen.

Was verhindert noch höhere Raten?

Die Systeme kosten natürlich einen Aufpreis. MAN bietet für 2950 Euro ein Sicherheitspaket an, das ACC, LGS sowie das Elektronische Stabilitätsprogramm ESP enthält.

Dennoch sparen viele Spediteure das Geld?

Weil es bei vielen Unternehmen auf jeden Cent ankommt. Aber ich denke, dass gerade ein Umdenken erfolgt. Ich habe eine Reihe von Spediteuren kennengelernt, die Abstandsradar und Spurhaltesystem vorschreiben und ihre Fahrer anhalten, die Technik auch zu nutzen, um durch die Harmonisierung der Geschwindigkeit für einen guten Verkehrsfluss zu sorgen.

Die Fahrer könnten die Technik auch dazu nutzen, um den Laster rollen zu lassen und sich derweil einen Kaffee zu kochen.

Er sollte so etwas nicht tun. Ich glaube auch nicht, dass dies häufig vorkommt.

Polizeibilder legen einen anderen Schluss nahe.

Gegen einen Missbrauch von Systemen ist man nie gefeit. Doch die große Mehrheit der Fahrer handelt verantwortungsvoll.

Könnte ein ACC-System Auffahrunfälle wie den am Kamener Kreuz verhindern?

Systeme heutiger Bauart können dies nicht, denn der Abstandsradar kann stehende Objekte nicht identifizieren. Er bremst nur ab, wenn sich ein vorausfahrendes Fahrzeug bewegt.

Warum ist das so?

Es hat mit der Radartechnologie zu tun, aber auch mit der Interpretation von Daten. Wir haben durchaus schon heute ein System, das auch stehende Objekte bewerten kann. Aber das funktioniert bislang nur im Labor und auf der Teststrecke. Ziel ist die Entwicklung eines akustischen Notbrems-Warnsystems. Dieses analysiert die Verkehrssituation und warnt den Fahrer in drei Stufen vor brenzligen Situationen. Dann muss der Fahrer handeln.

Es erfolgt nicht automatisch eine Bremsung?

Bei dem System noch nicht. Das wird später kommen – wenn gewährleistet ist, dass der Rechner die Objekte mit einer hohen Sicherheit erkennt und richtig bewertet. Der Hinweis, dass ein Gegenstand auf der Fahrbahn liegt, darf noch kein Grund sein, eine Notbremsung auszulösen. Da müsste das System schon mehr wissen, damit der Laster angemessen reagieren kann. Dazu braucht es eine aufwendige bildgebende Sensorik.

Wann wird das Bremssystem serienreif sein?

Das wird wohl noch ein paar Jahre dauern.

Und das angesprochene Warnsystem?

Kommt voraussichtlich Ende 2009.

Ist der Eindruck richtig, dass im Pkw-Bereich der Fortschritt schneller erfolgt?

Ich würde behaupten, das Gegenteil ist richtig: Wir haben in der Forschung schon sehr früh an solchen Assistenzsystemen gearbeitet. Denn die Vorteile, die sich hier aus der Technik ergeben, liegen auf der Hand: Über 26 Prozent aller Verkehrsunfälle mit Lastern sind Auffahrunfälle. Das ist der höchste Anteil unter allen Unfallarten, darum haben wir uns darauf als Erstes konzentriert. Nach einschlägigen Untersuchungen lassen sich wenigstens 28 Prozent solcher Unfälle mit einem Abstandsradar-System verhindern.

Müsste die Technik dann nicht schnellstmöglich gesetzlich vorgeschrieben werden?

Vor einer solchen Pflicht würden wir uns nicht fürchten. Denn MAN bietet die Systeme schon seit Jahren an. Sorge macht mir allerdings die Forderung von EU-Kommissar Verheugen, der Industrie bestimmte Produkte bis 2012 vorzuschreiben, auch solche wie den Notbrems-Assistenten. So etwas kann man aber nicht einfach im Zubehörhandel kaufen und anschrauben. Der Maßnahmenkatalog scheint mir noch nicht zu Ende gedacht.

Werden in der Industrie noch Pläne verfolgt, Lkws auf der Autobahn mithilfe einer sogenannten elektronischen Deichsel zu koppeln?

Ja, in unserem Projekt „Konvoi“ untersuchen wir auch das Folgefahren von Lkws mit kurzem Abstand und die Aspekte einer Serienanwendung.

Und wann kommt es auf die Straße?

Die sicherheitstechnischen Anforderungen sind sehr hoch, will man ein solches System in Serie bringen. Vor einer Markteinführung müssten auch Gesetze geändert werden, die heute die Bildung von Lkw-Konvois mit Fahrzeugabständen von unter 50 Metern verbieten. Außerdem muss anderen Verkehrsteilnehmern an Autobahnein- und -ausfahrten die Möglichkeit zum Durchscheren gegeben werden, das heißt, der Konvoi muss sich gezielt auflösen können.

Das klingt eher nach erhöhter Unfallgefahr.

Wir fahren Versuche auf einer noch nicht für den Verkehr freigegebenen Strecke. Klar könnte man mit einem solchen System Unfälle vermeiden helfen. Aber es fragt sich, ob es praxistauglich ist: In Deutschland gehen 80 Prozent der Lkw-Fahrten über Entfernungen von unter 200 Kilometern. Dementsprechend oft müssten die Lkw-Konvois aufgelöst und neu gebildet werden.

Was halten Sie von Systemen, die den Zustand des Fahrers überwachen?

Wir benutzen solche Systeme, die dem Fahrer ins Auge schauen, in unserem Fahrsimulator. Für das Serienfahrzeug werden wir sie nicht entwickeln. Denn Kontrollmechanismen führen nur dazu, dass sie umgangen werden. Ich finde, wir dürfen die Menschen nicht entmündigen.

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