
BERLIN. Das Motorrad sieht zwar schnittig aus - aber irgendwas ist anders. Erst auf den zweiten Blick wird klar: Die Maschine hat keinen Tank, keinen Auspuff, kein Getriebe. Die "Zero S" des US-Herstellers Zero Motorcycles fährt allein mit Strom. Sie bringt nun den Elektroantrieb serienmäßig auf die Straße. Ab Ende Juli bietet der Hersteller seine Stromer auch in Deutschland an.
Das Elektrobike knattert nicht laut los, sondern surrt, so leise, dass auch bei höherer Geschwindigkeit das Rasseln der Antriebskette und Abrollgeräusche der Reifen hörbar bleiben. Neben einer Enduro und einem Cross-Modell gibt es nun auch eine Straßenmaschine. Sie ist 100 Kilo schwer, kommt 100 Kilometer weit und fährt mit 100 Stundenkilometern ganz schön schnell.
"Unser Ziel war, ein leistungsstarkes Elektromotorrad für den Straßenverkehr zu entwickeln, das die Branche grundlegend verändert", sagt Neal Saiki, Erfinder und Gründer von Zero Motorcycles. Er beschreibt das elektrisch angetriebene Bike als komplett alltagstauglich. Vor allem aber: "Das bedeutet nie wieder Tanken." Die Betriebskosten sollen weniger als 1 Cent pro Kilometer betragen.
Die Batterie soll fünf Jahre halten
Das für Motorräder eher ungünstige Mehrgewicht durch schwere Akkus wurde durch einen patentierten Rahmen aus Flugzeug-Aluminium kompensiert. Der Lithium-Ionen-Mangan-Akku selbst ist eine Neuentwicklung. "Dabei handelt es sich um eine salzähnliche Trockenzellenbatterie, die feuersicher ist und wesentlich weniger Hitze erzeugt als Flüssigkeitszellenbatterien, die andere Anbieter verwenden", erklärt Edwin Belonje, Verkaufschef in Europa.
Der Energiespeicher ist weitgehend schadstofffrei, kommt ohne Schwermetalle wie Kobalt, Nickel, Blei oder Quecksilber aus und ist wie fast alle verwendeten Materialien des E-Bikes wiederverwertbar. "Im Schnitt hält die Batterie fünf Jahre und ist für insgesamt rund 1 000 Ladungen ausgelegt. Das ist gleichbedeutend mit rund 80 000 Kilometern Strecke", erläutert Belonje.
Die Maschine kann an jeder herkömmlichen Haushaltssteckdose aufgeladen werden. Das dauert rund vier Stunden und kostet etwa 80 Cent. Ein Schnäppchen ist das Motorrad allerdings nicht: Knapp 10 000 Euro plus Versand müssen Biker dafür hinblättern.
Allerdings beruhigen die Elektromaschinen das Umweltgewissen. Während Verbrennungsmotoren höchstens ein Drittel der Energie aus Kraftstoffen umsetzen und der Rest als Wärme verpufft, nutzen Kraftwerke die Primärenergie bei der Stromerzeugung doppelt so effizient aus. Darüber hinaus sind die Motoren so leise, dass die Cross-Maschinen nun auch im freien Gelände genutzt werden, können ohne Wild aufzuscheuchen.
Saiki verspricht sich nach der offiziellen Markteinführung ein gutes Europageschäft und redet von "einer unglaublich positiven Resonanz". Auch Christoph Gatzweiler, Technikexperte beim Industrie-Verband Motorrad (IVM), registriert eine "Aufbruchstimmung" für E-Bikes. Das Angebot sei zwar überschaubar und die Preise für lieferbare E-Motorräder und-Roller seien bedingt durch teure Akkus noch recht hoch, doch der Markt komme in Bewegung, sagt Gatzweiler.
Grundsätzlich eigne sich ein Elektroantrieb gut für Motorräder. Hoffnungsfroh stimmt den Experten vor allem, dass intensiv an besseren Batterien geforscht wird. Da erwarte er rasche Fortschritte. Die seinen unbedingt notwendig, "denn Voraussetzung für den Markterfolg sind nach wie vor Reichweite und Infrastruktur", unterstreicht der Fachmann. "
Weitere Erfolgsfaktoren seien geringe Ladezeiten von nicht mehr als einer Stunde und ein bequemes Handling, so dass Batterien mit einem Klick aus- und wiedereingesetzt werden können. Bei Scootern und kleinen Motorrädern sei ein Durchbruch eher denkbar als bei Autos, sagt Gatzweiler. Dabei helfen wird auch die relativ robuste Technik, denn Vergaser, Auspuff, Kühler und Getriebe fallen weg, womit zudem die Unterhaltkosten sinken.
Für den Fahrspaß will vor allem die US-Firma Mission Motors sorgen, die von ehemaligen Tesla-Mitarbeitern vor zwei Jahren gegründet wurde. Mit dem E-Superbike namens "Mission One" sollen rein elektrisch 240 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit möglich sein. Ebenso weit soll das E-Bike auch mit einer Strom-Ladung kommen - das aber bei weitaus gemäßigterer Fahrweise. Nach zwei Stunden an einer 240-Volt-Steckdose sollen die Lithium-Ionen-Akkus wieder voll sein. Anfang kommenden Jahres werden die ersten Modelle ausgeliefert. Preis: satte 54 000 Euro.
BMW lässt sich noch Zeit
Gemächlicher ist man mit den Elektro-Scootern der US-Firma Vectrix unterwegs, die nun von Berlin aus den Deutschland-Markt aufrollen möchte. Bereits 2008 wurden rund 50 der "Maxi-Scooter" hierzulande für knapp 10 000 Euro verkauft. Im laufenden Jahr sollen es deutlich mehr werden. Zero hat erwartet, 2009 weltweit mehr als 1 000 Modelle zu verkaufen; 2010 sollen es gut 5 000 Einheiten sein.
In dem Markt könnte sich künftig auch BMW-Motorrad tummeln, deren Entwickler ebenfalls an Elektroantrieben arbeiten. Gerade für Fahrten in der Stadt sei der Elektroantrieb zukunftsweisend. Allerdings müsse noch das Verhältnis aus Preis, Leistung und Reichweite in Einklang gebracht werden, lassen die Bayern verlauten. Mit marktgängigen Modellen wird daher nicht vor 2012 gerechnet.
Auch die Vespa von Rollerhersteller Piaggio soll demnächst teilweise elektrisch angetrieben durch die Städte düsen.
Derzeit werden Hybrid-Modelle getestet, bei denen der Viertaktmotor durch einen Elektro-Antrieb unterstützt wird. Allein mit Strom kommt die Vespa nur 20 Kilometer weit.
Unter Strom stehen mittlerweile auch die großen Anbieter wie Honda, Suzuki und Yamaha. Der österreichische Anbieter KTM erprobt derweil ebenfalls eine E-Enduro. Das junge Schweizer Unternehmen Quantya aus Lugano wird Ende des Jahres ein Elektro-Motocrossrad namens Track auf den Markt bringen, das für gut 9 000 Euro zu haben sein wird, wovon allein 2 000 Euro auf die Batterie entfallen. Für IVM-Mann Gatzweiler geht die Fahrt stromaufwärts jedenfalls jetzt richtig los: "Alle großen Hersteller haben etwas in der Pipeline. Die Zahl straßentauglicher E-Motorräder wird sich rasch erhöhen."











