Elektronikmesse CES: Neues Smartphone von Palm

Elektronikmesse CES: Neues Smartphone von Palm

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Palm-Manager Matias Duarte präsentiert den neuen Palm Pre

Der Handheld-Pionier Palm hat auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas sein neues Smartphone vorgestellt: den Palm Pre. Und der hat das Zeug, der Marke wieder zum alten Kultstatus zu verhelfen und dem iPhone gefährlich zu werden – falls Palm bis zur Markteinführung nicht das Geld ausgeht.

Zwei schlechte Nachrichten vorweg: Wann der Pre nach Deutschland kommt, ist noch völlig offen – und zu welchem Preis ist nicht minder unklar. Doch damit soll es mit der Kritik erst einmal gut sein.

Denn das neue Smartphone, das der Handheld-Pionier Palm in Las Vegas vorgestellt hat, hat tatsächlich das Zeug den trudelnden einstigen Marktführer wieder ins Spiel zu bringen. Jahrelang ließ Palm die Konkurrenz scheinbar hilflos davon ziehen, Jahre in denen Blackberrys, iPhones und Nokias Business-Telefone immer erfolgreicher in Palms Gefilden wilderten und das Unternehmen allenfalls noch durch die Konstanz seiner Verlustquartale von sich reden machte. Jetzt hat der frühere Trendsetter seine vermutlich letzte Chance auf ein zweites Leben genutzt.

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Der Pre, etwas kompakter und rundlicher geraten als das iPhone, dafür (wegen der integrierten Schiebe-Tastatur) etwas dicker, wird  voraussichtlich ab Mai in den USA zunächst exklusiv beim Netzbetreiber Sprint zu haben sein. Das Warten dürfte sich lohnen, denn er ist tatsächlich der erhoffte große Wurf ­– und ein handliches Schmuckstück dazu.

Seit dem Debut des iPhone müht sich die Handy-Branche, dem Apple-Schönling ein konkurrenzfähiges Gerätekonzept entgegen zu setzen. Zuletzt präsentierte Nokia mit dem N97 seine jüngste Interpretation des Themas „iPhone-Killer“ – schön aber nicht wirklich zwingend. Der Pre aber hat das Potenzial. Basierend auf dem komplett neuen Betriebssystem „webOS“ (Codename: Nova) erweist sich der neue Palm als radikal vernetzt  gedachtes Kommunikationsgerät, das konsequenter als die Konkurrenz zuvor die Integration von mobiler Technik und Internet ermöglicht.

Kontakte aus unterschiedlichen Quellen, von Outlook bis Googlemail von Facebook bis zum lokalen Adressbuch des Geräts – der Pre führt alles zusammen. Ebenso beim Kalender: Wer endlich den Überblick gewinnen will, wie er privat und beruflich verplant ist, welche Kontakte welche Termine in Social Networks vermerkt haben, der Pre integriert die Kalender, überlagert sie und blendet Unnötiges auf Wunsch aus.

Wenn das in der Realität tatsächlich so einfach und komfortabel sein wird, wie es in Las Vegas auf der Präsentationsbühne aussah – es wäre eine Sensation.

Vorher war zweifelhaft, ob Palm der Befreiungsschlag gelingt. Nach dem Auftritt auf der CES lässt sich fast schon selbstverständlich vermerken, dass sich der neue Palm „natürlich“, ähnlich dem iPhone, über Fingergesten auf dem berührungsempfindlichen Display steuern lässt, dass er auf Neigung des Gerätes „natürlich“ umgehend die Ansicht des 480x320-Pixel-Displays und aller darauf laufenden Anwendungen dreht. Alle Programme, ob Kalender oder Web-Browser, werden in Form so genannter Cards auf dem Bildschirm dargestellt und können per Fingerzeig aktiviert, vergrößert, verkleinert oder verschoben werden. Auch Multi-Touch, also die von Apple bekannte Gestensteuerung mit zwei Fingern, ist integriert. Alle Anwendungen laufen dabei parallel, womit beispielsweise auch die Live-Nutzung von Instant-Messenging-Diensten im Hintergrund möglich wird, was das iPhone verweigert.

Genau weil die Nutzung von Informationen aus dem Netz integraler Bestandteil von Palms neuem Software- und Gerätekonzept ist. Wenn der Nutzer beispielsweise beginnt ein Wort einzutippen, durchforstet der Pre zunächst die lokalen Anwendungen, zeigt passende Namen, Adressen oder Programmbezeichungen um dann automatisch ins Web zu wechseln und bei Google, Wikipedia oder Googlemaps weiter zu suchen.

Hochgradig und erstmals so weitgehend integriert ist – wie erwähnt – auch die Verwaltung von Adressen und Terminen. Egal ob der Nutzer seine Kontakte im selbst Pre pflegt, ob er bei Facebook mit Freunden vernetzt ist oder Termine im Google-Kalender verwaltet, alle Daten holt sich Palms neues webOS in Echtzeit aus den unterschiedlichen Quellen zusammen und präsentiert sie unter einer einheitlichen Oberfläche. Selbst Änderungen in den Kontaktdaten, verspricht Palm-Vorstandschef Ed Colligan, soll der Pre automatisch in allen genutzten Diensten synchronisieren. Das ist noch ein Versprechen, aber auch das wäre (wenn es denn funktioniert) ein mittlerer Geniestreich, den so noch kein Konkurrent bieten kann.

Nicht minder innovativ ist das Konzept, mit dem der Pre die verschiedenen Kommunikationswege zusammenführen soll. Wer einem Freund eine SMS geschickt hat und von diesem eine Antwort per E-Mail bekommt, findet alle verbundenen Nachrichten in einem einheitlichen persönlichen „Gesprächsfaden“ angezeigt. Selbst Nachrichten aus unterschiedlichen E-Mail-Konten oder Social-Networks lassen sich so personenbezogen zusammenfassen. Auch das ist bisher einzigartig.

Und es ist eine beeindruckende Reminiszenz an das einst so geschätzte „Zen of Palm“. Es war jenes Credo, dass alle Anwendungen ebenso eingängig wie funktional sein müssen, das einst den Erfolg von Palms Handhelds begründet hat. Dass Palm auch heute noch Quartal für Quartal Zehntausende von Abnehmern für seine Treo- und Centro-Smartphones findet, die auf dem mittlerweile fast sechs (!) Jahre alten Betriebssystem PalmOS 5 basieren, belegt wie richtungsweisend die Plattform damals war. Palms neues webOS und der neue Pre haben das Zeug, an diese fast schon vergangene Erfolgsgeschichte noch einmal anzuknüpfen und der Legende ein zweites Leben einzuhauchen.

Vorausgesetzt, Palm erlebt die Markteinführung seines Hoffnungsträgers überhaupt noch. Denn das Unternehmen hat in den vergangenen Quartalen der Software- und Produktentwicklung so anhaltend Geld verbrannt und Marktanteile verloren, dass Palms Großinvestor Elevation Partners kurz vor Weihnachten noch einmal 100 Millionen Dollar nachschießen musste. Wie lange das reichen wird, ist unklar.

Kurz vor Weihnachten kündigte Unternehmenschef Colligan angesichts der klammen Kassen bereits an, seine Vertriebs- und Marketingmannschaften aus Asien abzuziehen und in den USA zu konzentrieren. Außerdem wolle Palm das Europageschäft zusammenzufassen. Inzwischen deutet sich an, dass damit für Europa de facto eine personelle Null-Lösung gemeint ist und auch die europäischen Vertriebsabteilungen weitgehend der Finanznot zum Opfer fallen.

Und dass sich Palm offenbar ausgerechnet zur ersten Präsentation der Hoffnungsträger Pre und webOS in Las Vegas nicht einmal mehr einen Live-Webcast leisten konnte, weckt noch mehr die Besorgnis: Sollte dem einstigen Branchenprimus mit seinen beiden Neuheiten zwar ein doppelter Geniestreich gelungen sein, beides aber womöglich zu spät kommt, um Palm noch zu retten?

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