Burkhard Rauhut hat die Zukunft seiner Universität täglich vor Augen. Von seinem Schreibtisch aus blickt der Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen auf das Modell einer Wissenschaftsstadt, die sich mit lang gezogenem Schwung über das Gelände eines Güterbahnhofs am Rande der Stadt legt. Auf dem Gelände, das die Bahn aufgegeben hat, will die Universität eine Art Campus errichten, auf dem Hochschulgelehrte, Nachwuchswissenschaftler und Unternehmensforscher Tür an Tür Spitzenprodukte für morgen entwickeln und sich dabei in ihrer Arbeit gegenseitig befruchten. Der enge Dialog und das anerkannt hohe Niveau der Aachener vor allem in den Ingenieurfächern soll, mehr noch als heute schon, die Crème de la Crème der Industrie aus dem In- und Ausland anlocken. „Solch ein Wissenschaftspark, von einer Hochschule und der Wirtschaft gemeinsam getragen, wäre einmalig in Deutschland“, begeistert sich Rauhut für das Milliardenprojekt. Bisher steht allerdings weder die Finanzierung, noch hat die Bahn schon ihre Schienen abgebaut. Den Optimismus des Rektors trübt das nicht: „Die Resonanz aus Unternehmen und der Politik ist außerordentlich positiv, wir kriegen das in den nächsten zehn Jahren hin.“ Der Blick nach vorn tröstet die Aachener über eine herbe Enttäuschung hinweg: Als vor knapp drei Wochen im Rahmen der Exzellenzinitiative der Bundesregierung Deutschlands Eliteuniversitäten gekürt wurden, fehlte die RWTH. Zwar stuften die Gutachter zwei Forschungsverbunde („Exzellenzcluster“) und eine Graduiertenschule zur Ausbildung von Doktoranden als förderungswürdig ein. Doch insgeheim hatten die selbstbewussten Aachener, die sich in einer Liga mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) sehen, fest damit gerechnet, auf Anhieb zum erlauchten Kreis deutscher Topuniversitäten gezählt zu werden. Stattdessen gab es nur Trostpreise. Aus der zweiten Runde des Elite-Castings, die im Oktober 2007 entschieden wird, wollen die RWTHler aber unbedingt als Sieger hervorgehen. Das Konzept der Wissenschaftsstadt soll ihrer Bewerbung den Pep verleihen, den das internationale Gutachtergremium in der ersten Runde offenbar vermisste. Das Motto der Aachener „Von der Idee zum Produkt“ fand die Jury „zu unoriginell“ und „zu wenig innovativ“. „Vielleicht haben wir unseren Ansatz zu bescheiden und zu defensiv vertreten“, übt Rauhut leise Selbstkritik. „Das wird uns nicht noch einmal passieren.“ Wie man eine Jury für sich einnimmt, hat der Rektor der viel kleineren Universität Karlsruhe, Horst Hippler, dem großen Konkurrenten vorgemacht. Die Badener punkteten mit dem Plan, sich mit dem vom Bund finanzierten Forschungszentrum Karlsruhe zum „Karlsruher Institut für Technologie“ (KIT), zu verbünden. Die sprachliche Nähe des Kürzels zum weltberühmten MIT sei nicht ganz zufällig, sagt Hippler, der hofft, dass beide Institutionen schon bald in einem Atemzug genannt werden. Die Fusion reißt in Deutschland erstmals die Schranken zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung ein. „Die Bündelung der Ressourcen und Fähigkeiten verleiht uns international eine viel größere Schlagkraft“, schwärmt Hippler.
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Die Aachener haben diese Karte nicht gespielt, obwohl sie längst mit dem Forschungszentrum Jülich, dem Pendant zu Karlsruhe, eng kooperieren, etwa bei der Nutzung teurer Geräte und Laboranlagen. Zudem gibt es 18 gemeinsame Professuren und viele gemeinsame Forschungsprojekte. Auch sonst brauchen die Aachener ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen: Als in den Siebzigerjahren der Kontakt zur Wirtschaft in den meisten Hochschulen noch als höchst anrüchig galt, suchte die RWTH bereits die enge Zusammenarbeit mit der Industrie. Daraus hervorgegangen sind unter anderem die Forschungsgesellschaft für Energietechnik und Verbrennungsmotoren (FEV), die mit inzwischen 1300 Beschäftigten für alle führenden Autohersteller zukunftsweisende Antriebskonzepte entwickelt. Ob Dreiwegekatalysator, Direkteinspritzung, Rußfilter, variable Ventilsteuerung oder neuerdings der Hybridantrieb – an allen Entwicklungen war das Unternehmen der RWTH-Professoren Franz und Stefan Pischinger maßgeblich beteiligt. Vater Franz ist inzwischen emeritiert. Einen ebenso guten Ruf genießt das Institut für Kraftfahrwesen (Ika) von Professor Henning Wallentowitz, das unter Leitung des ehemaligen Mercedes- und BMW-Spitzenmanagers zum Beispiel für Ford und DaimlerChrysler komplette Auto-Prototypen entwickelt. In den Ingenieurwissenschaften kommen mehr als 80 Prozent der Hochschullehrer aus der Industrie. „Aus diesem Austausch kennen wir die Bedürfnisse der Wirtschaft wie keine zweite Universität“, glaubt Rauhut. Aachen erhält denn auch mit Abstand das meiste Geld aus der Industrie. Der hohe Praxisbezug förderte früh das Gründen von Unternehmen, das die Hochschule mit einem ausgeklügelten Fördersystem inzwischen perfektioniert hat. Seit 1982 sind rund 1250 Unternehmen entstanden, die an die 30.000 Arbeitsplätze bieten. Bekanntester Name ist die börsennotierte Aixtron, weltweit führender Anbieter von Anlagen zur Beschichtung von Computerchips für die Produktion von optoelektronischen Bauteilen wie Leuchtdioden. Um sich an die Spitze des Fortschritts in Schlüsseltechnologien zu setzen, bilden die Aachener Forschungsverbunde mit Spitzenuniversitäten in aller Welt, darunter die Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und die Tongji-Universität in Shanghai. Ihre wissenschaftliche Exzellenz hat die RWTH trotz ihrer Lage am Rand der Republik zu einem Magneten für Weltkonzerne gemacht. Ford, Philips, Ericsson, Mitsubishi und Microsoft haben sich mit Forschungszentren angesiedelt. Anfang dieses Jahres gab der Stromgigant E.On bekannt, die Gründung eines Forschungsinstituts für Energie in den nächsten zehn Jahren mit mindestens 40 Millionen Euro zu unterstützen. „Diese Stärken werden wir noch besser ausspielen“, kündigt Rauhut an. Die Exzellenzinitiative, lobt er, habe ungemein geholfen, verkrustete Strukturen im deutschen Hochschulwesen aufzubrechen, zum Beispiel das System von Gleichheit auf Elite umzupolen. Bange vor der wachsenden Konkurrenz ist es ihm nicht: „Wir gehören auf unseren Gebieten zu den Top Fünf der Welt.“ Und nächsten Oktober, da ist er ganz sicher, werden sie auch in Aachen die Sektkorken knallen lassen können. „Ich sehe beste Chancen für uns, doch noch Eliteuni zu werden.“











