Energie: Solarindustrie - Kunden sind die Gewinner der Krise

Energie: Solarindustrie - Kunden sind die Gewinner der Krise

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Aufdach-Solarkraftwerk aus First Solar Dünnschichtmodulen

Die Solarindustrie steckt in der Krise. Jedes vierte Unternehmen wird vom Markt verschwinden. Doch für Verbraucher sind das gute Nachrichten: Strom aus der eigenen Solaranlage wird bald billiger sein als Netzstrom.

Reinigen, ätzen, beschichten, härten, elektrische Kontakte auftragen und immer wieder prüfen: Die Fertigung einer Solarzelle, die Licht in Strom umwandelt, ist ein schwieriger Prozess. Über 250 Meter erstrecken sich die Produktionsstraßen in den Hallen des weltgrößten Solarzellenherstellers Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen, der viertgrößten Stadt Sachsen-Anhalts. In acht Stunden wird hier aus einer hauchdünnen Siliziumscheibe ein Stromspender. 20 Mechaniker überwachen und steuern die Produktion pro Schicht – den Rest erledigen Roboterarme.

In diesen Tagen ist es unter den Hallendächern ruhiger als sonst. Wegen Auftragsmangel hat das Unternehmen die Hälfte der Bänder stillgelegt, ein Großteil der 2300 Beschäftigten wurde in Kurzarbeit geschickt. Und keiner weiß genau, wann es wieder aufwärtsgeht.

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Die Lage des ostdeutschen Zellspezialisten ist typisch für die Branche: Jahrelang machten Solarzellenhersteller glänzende Geschäfte. Die Nachfrage legte schneller zu, als die Unternehmen produzieren konnten. Doch nun sind die goldenen Zeiten vorbei. Seit November vergangenen Jahres brechen den Herstellern in atemberaubendem Tempo die Aufträge weg: Die Bostoner Marktforscher von Lux Research erwarten, dass die Umsätze der Branche 2009 von 36 auf 29 Milliarden Dollar schrumpfen werden – ein Minus von fast 20 Prozent. Experten schätzen, dass in den nächsten Jahren jedes vierte Unternehmen vom Markt verschwinden wird.

Fehlkalkulation hinterlässt tiefe Spuren

Doch wer wird das sein? Wie muss sich die Branche wandeln, um mit dem zunehmenden internationalen Wettbewerb standhalten zu können? Welche Unternehmen sind am besten auf die Zukunft vorbereitet? In einer exklusiven Studie für die WirtschaftsWoche haben die Fotovoltaikexperten des Bonner Beratungshauses EuPD Research die gesamte Branche analysiert und nach Antworten auf diese Fragen gesucht.

Ein umfangreiches Projekt. Denn die deutsche Solarindustrie ist ein unübersichtliches Feld. Seit der Einführung der garantierten Einspeisevergütung für Solarstrom im Jahr 1991 ist zwischen der Ostsee und dem Bodensee ein dichtes Netz aus 10.000 Fotovoltaikunternehmen entstanden, darunter 130 Hersteller von Zellen, Modulen und Siliziumrohlingen, die Fachleute auch Wafer nennen.

Die Unternehmen beschäftigten im vergangenen Jahr rund 48.000 Menschen und setzten gut sieben Milliarden Euro um – fast die Hälfte davon im Ausland. In Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Solarwirtschaft sogar zu einem der wichtigsten Industriezweige geworden.

Und sie sollte noch wichtiger werden. Denn die Branche hatte mit einem ungebremsten Wachstum geplant. Auf einmal aber haben fast alle Spieler im Marktmit Absatzproblemen zu kämpfen. Die Wirtschaftsflaute hat die Investoren von Sonnenstromanlagen verschreckt: Unternehmen, Hausbesitzer und Bauern schieben geplante Anschaffungen auf, und Banken prüfen die Finanzierung großer Solarparks doppelt. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich Investoren so schlagartig zurückziehen“, sagt Anton Milner, Vorstandschef von Q-Cells.

Die Fehlkalkulation hinterlässt tiefe Spuren. Primus Q-Cells musste zum dritten Mal in wenigen Monaten seine Jahresprognose senken. Statt des angepeilten Umsatzes von bis zu 2,1 Milliarden Euro rechnen die Bitterfelder für das laufende Geschäftsjahr nur noch mit Einnahmen von 1,3 bis 1,6 Milliarden Euro. Die Berliner Solon häufte im ersten Quartal 2009 einen Verlust von 20,7 Millionen Euro an. Und für die Hamburger Conergy und ihre rund 1700 Beschäftigten geht es sogar ums Überleben. Zu tief sind die Löcher, die der Abschwung einerseits und unternehmerische Fehlentscheidungen andererseits in die Firmenkasse gerissen haben.

Die Unternehmen leiden schon jetzt unter massiven Überkapazitäten. Sie werden in diesem Jahr weltweit Anlagen mit einer Gesamtleistung von gut fünf Gigawatt verkaufen. Das entspricht der Leistung von sechs großen Steinkohlekraftwerken. Produzieren aber könnten sie doppelt so viel. Und in den nächsten Jahren werden diese Überkapazitäten noch zunehmen. Das drückt auf die Preise und die Margen der Hersteller. Für den Analysten der Westdeutschen Landesbank, Sebastian Zank, ist klar: „Die Branche steht vor einer scharfen Konsolidierung.“

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