Ernährung: Jeden dritten Deutschen plagen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten

Ernährung: Jeden dritten Deutschen plagen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten

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Tomaten, Paprika und Pilze an einem Gemüsestand

Joghurt, Orangen, Vollkornbrot: Gesunde Lebensmittel können krank machen. Jeden dritten Deutschen plagen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. Ein Millionengeschäft für Lebensmittelhersteller.

Uwe Rau weiß, was Fehldiagnosen sind. Auf Suche nach dem Auslöser seiner immer wiederkehrenden Bauchschmerzen tippten Ärzte mehr als 20 Jahre lang abwechselnd auf nervösen Magen, Gastritis oder Pilze. „Weil nichts half, musste schließlich gar der Blinddarm raus – ohne Erfolg“, sagt der Neusser Unternehmer. Erst 2006 brachte ein Komplettcheck im Krankenhaus Klarheit: Der Körper des 41-Jährigen verträgt keinen Milchzucker. Seit der Diagnose ist nichts mehr wie es war: Von Latte Macchiato bis Buttercroissants sind für Rau seither alle Lebensmittel tabu, die Milch enthalten, selbst Tabletten, die als Trägersubstanz Milchzucker enthalten.

Ähnlich wie Rau reagieren rund zwölf Millionen Deutsche mit teils massiven Magen-Darm-Problemen auf Milchprodukte. Das belegen neueste Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Dabei ist die sogenannte Laktose-Intoleranz nur eine von mehreren Lebensmittel-Unverträglichkeiten, unter denen Menschen vor allem in Industrieländern leiden. Hunderttausende stresst das Eiweiß Gluten, das in Getreiden enthalten ist – mit manchmal lebensbedrohlichen Folgen. Fast jedem dritten Deutschen bereitet Fruchtzucker in Obst, Limonaden und Honig Probleme. Andere wiederum reagieren auf den Botenstoff Histamin, der in gereiften Lebensmitteln wie Wein, Käse oder Sauerkraut zu finden ist. Und die Zahl der Geplagten steigt. Fast jeder hat inzwischen Betroffene im Freundes- oder Bekanntenkreis. Lebensmittel-Unverträglichkeiten entwickeln sich gerade zu den neuen Volksleiden.

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Bis zu 80 Prozent der Betroffenen wissen nichts on ihrer Erkrankung

So groß die Zahl der Problemfälle ist, so gering ist das Wissen über die Ursache der Beschwerden: Bis zu 80 Prozent der Betroffenen wissen nichts von ihrer Erkrankung. Und bis zur Diagnose dauert es teils Jahre: Denn die Störungen sind selbst „vielen Ärzten nicht bekannt“, sagt Imke Reese, Ernährungswissenschaftlerin aus München.

Hinzu kommt, dass zahlreiche Symptome der Unverträglichkeiten wie etwa Hautrötungen, Juckreiz, Schnupfen, Husten und Asthma, auch bei Allergikern auftreten. Ein Drittel der Deutschen glaubt deshalb, an Nahrungsmittelallergien zu leiden. „Tatsächlich sind aber nur bei zehn Prozent solche Allergien nachweisbar“, sagt Reese.

Die verbleibenden 90 Prozent sind keineswegs Simulanten. Sie leiden an sogenannten pseudoallergischen Reaktionen, wie Mediziner Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten auch nennen. Der Unterschied: Bei Allergien reagiert das Immunsystem schon auf geringste Mengen eigentlich harmloser Bestandteile des Essens, als wären diese gefährliche Eindringlinge in den Körper. Die von der Körperabwehr ausgeschütteten Antikörper lassen dann die Haut jucken, die Nase laufen, Schleimhäute anschwellen oder den Darm rebellieren. Wer dagegen Nahrungsmittel nicht verträgt, leidet zwar unter ähnlichen Symptomen, weil der Verdauungsvorgang an entscheidenden Stellen gestört ist. Das körpereigene Abwehrsystem ist jedoch nicht beteiligt, und das Immunsystem bildet keine Antikörper.

Besonders ärgerlich:  Eine der häufigsten Unverträglichkeiten trifft ausgerechnet die Milch, das erste Nahrungsmittel des Menschen. Doch die Natur hat nicht vorgesehen, dass Erwachsene dauerhaft Milch trinken. Deswegen geht ihnen die Fähigkeit verloren, den Milchzucker darin zu spalten und Milch zu verdauen. Erst als vor 10.000 Jahren Menschen begannen, Nutztiere zu halten, entwickelten einige durch zufällige Veränderungen im Erbgut das Enzym Laktase, das Milchzucker spaltet. Bis heute sind die Träger dieser Gene in der Minderheit: In Südostasien fehlen 98 Prozent der Bevölkerung das Enzym Laktase, in Südamerika 70 Prozent, in Deutschland 15 bis 20 Prozent.

In den seltensten Fällen ist Laktasemangel angeboren. Die meisten Menschen verlieren die Fähigkeit, Milchzucker zu verdauen, mit dem Alter. „Ab 50 ist jeder Zweite mehr oder weniger stark betroffen“, schätzt Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner der Universität Hohenheim. Der Anteil nimmt in einer alternden Gesellschaft weiter zu. Und anders als bei Allergien gibt es keine wirksamen Therapien gegen die Unverträglichkeiten. So haben Betroffene keine andere Wahl, als Laktose, Gluten oder Fruktose ganz oder zumindest weitgehend von ihrem Speiseplan zu verbannen. Ihr einziger Ausweg ist Spezialkost.

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