Fahrbericht: Die rollende Fabrik

Fahrbericht: Die rollende Fabrik

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WirtschaftsWoche-Redakteur Andreas Wildhagen auf dem 20-Tonnen-Ungetüm

Der WirtschaftsWoche-Reporter Andreas Wildhagen und seine ungewöhnliche Testfahrt mit einem 20-Tonnen-Ungetüm.

Das Vergnügen, einen Mähdrescher zu fahren, läuft so: Der Testfahrer – in diesem Fall ich, Reporter der WirtschaftsWoche – klettert eine zwei Meter hohe Leiter hinauf in das Führerhaus, das der Glaskanzel eines Airport-Kontrollturms gleicht. Rechts neben dem Sitz ragt ein Steuerknüppel aus der Armlehne. Ich merke: Die Designer des Mähdreschers wollten dem Fahrer jegliches Gefühl rauben, ein Bauer zu sein.

Der Mann soll sich wie ein Pilot fühlen. Doch die Bedienung ist viel einfacher. Die Beschriftung teilt simpel mit, was zu tun ist: „Vor“, „Halt“ und „Rück“ – mehr braucht der Landwirt nicht. Übrigens ist Mähdrescherfahren Männersache – „Bäuerinnen fahren lieber Traktoren“, sagt ein Claas--Werks-tester. Zu den wenigen Lexion-Fahrerinnen gehört die 32-jährige Cathrina Claas, Miteigentümerin des Landmaschinenkonzerns, die gelegentlich selber testet.

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Das tue ich nun auch: Ich schalte auf „Vor“. Das 20-Tonnen-Ungetüm rumpelt langsam los, erreicht in zehn Sekunden die Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h. „Das finde ich zu langsam“, sage ich später. „Da merkt man gleich, dass Sie kein Landwirt sind“, sagt der Claas-Verkäufer verschnupft. „Das ist eine rollende Fabrik.“

Für die klare Anordnung der Instrumente vergebe ich eine Eins. Außer dem Steuerhebel sind noch zwei Tasten wichtig: eine, die auf Fingerdruck in dem riesigen Kastenaufbau hinter dem Fahrer ein Grummeln in Gang setzt – das Dreschen –, die andere Taste öffnet ein gekühltes Getränkefach. Im Drescher zu sitzen macht durstig, besonders wenn Halmreste in die Kabine fliegen. Erstaunt bin ich über die Wendefähigkeit des 586-PS-Brummers.

Er dreht auf den Hinterrädern und damit um die eigene Achse. Ich will jetzt nicht die schlechte Übersichtlichkeit beklagen. Niemand parkt mit dem Ding rückwärts ein – außer in Bierlaune beim Schützenfest. Die Stärke des Lexions, deshalb empfehle ich ihn jedem Bauern, besteht in Komfort und Mäheffizienz. Laut Display drischt er 70 Tonnen Getreide pro Stunde. Dabei ist der Komfort fast zu groß. Man langweilt sich, wenn er GPS-gesteuert seine Bahn zieht. Dreschen mit Flegeln kostete in grauer Vorzeit viel mehr Schweiß.

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