Forschung: Die Wunder-Joghurts

Forschung: Die Wunder-Joghurts

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Bäuerin beim Melken: Der Markt für Lebensmittel mit Gesundheitsnutzen boomt

Danone forscht an Milchprodukten, die nicht nur gesund sind, sondern auch schöner und klüger machen. Doch der Nutzen der Wunder-Joghurts ist umstritten.

Er ist ein Star. Sein Name klingt allerdings etwas sperrig: Bifidobacterium animalis DN-173 010. Attraktiv ist er auch nicht: Unter dem Mikroskop sieht er aus wie ein missratenes Gummibärchen. Aber im Magen ist er Spitze: Er übersteht das Säurebad und macht im Darm anderen schlechten Bakterien den Garaus, verhindert Durchfall und stimuliert das Immunsystem.

Mit dem patentierten Bazillus, der Milch zu Joghurt vergärt, der unter dem Markennamen Activia verkauft wird, liegt der französische Lebensmittelkonzern Danone voll im Trend. Der Markt für Functional Food, für Nahrungsmittel mit Gesundheitsnutzen, boomt. Das Zukunftsinstitut Kelkheim prognostiziert, dass die Umsätze mit den Produkten sich von heute 2,5 Milliarden Euro bis 2010 verdoppeln werden.

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Danone-Chef Franck Riboud hatte da offenbar den richtigen Riecher, als er vor über zehn Jahren seinen Forschern den Auftrag gab, Lebensmittel mit Zusatzfunktionen zu entwickeln. Seitdem brummt es in dem konzerneigenen, 30 Kilometer südlich von Paris gelegenen Forschungszentrum Vitapole wie in einem Bienenstock. In dem verschachtelten Gebäude aus Beton und Glas versuchen 500 Lebensmitteltechnologen, Biologen und Chemiker Milchprodukte zu kreieren, die nicht nur gut schmecken, sondern auch das Wohlbefinden bessern, die Gesundheit stärken und vielleicht sogar das Leben verlängern können. „Die Fantasie kennt bei uns keine Grenzen“, sagt Forschungschef Gérard Denariaz.

Die Fantasien kreisen dabei um einen Kühlschrank. Neben dem Bifidobacterium schlummern dort 3500 verschiedene Bakterienstämme bei eisiger Kälte von Minus 80 Grad Celsius. Täglich werden es mehr. Erst kürzlich hat Danone eine Kooperation mit einem russischen Forschungsinstitut geschlossen, um Zugang zu dessen Sammlung von Milchsäurebakterien zu erhalten.

Bis heute ist der Großteil der tiefgefrorenen Bakterien noch unerforscht. Jenes Bifidobacterium, das den Activia-Joghurt zum Verkaufsschlager machte, schlummerte fast zehn Jahre lang in der Kälte, ehe 2003 bei Versuchen zufällig die positive Wirkung des Bazillus auf die Verdauung erkannt wurde. Heute kommt man schneller zum Ziel: In den Labors stehen Automaten, die das Erbgut der Bakterien in nur drei Tagen analysieren können. „Je genauer wir hinschauen, desto häufiger finden wir Stämme mit Gesundheitsnutzen“, sagt Denariaz.

Die jüngste Entdeckung war das Lactobacillus Casei DN-114001. Die Danone-Forscher schufen daraus einen mit Borretsch-Öl, Grüntee-Extrakt, Vitamin E und Anti-Oxidantien aufgemotzten Super-Joghurt, der seinem Konsumenten Schönheit verspricht. Regelmäßig gelöffelt soll der Joghurt den Menschen von innen heraus fit und ansehnlich machen. Der Essensis genannte Beauty-Joghurt steht bereits in französischen Supermarktregalen.

Neben der Kosmetik zum Trinken soll Danacol-Joghurt den Cholesterinspiegel senken, Activia die Verdauung regulieren und Actimel die Abwehr stärken. Selbst über Joghurts, die die Intelligenz von Kindern fördern, denken die Wissenschaftler nach. Mütter wünschen sich nach Erhebungen der Marktforscher angeblich so ein Wundermittel.

Die Frage ist nur, wem die Milchprodukte aus dem Labor mehr helfen – den Konsumenten oder dem Hersteller. Denn die sogenannten Probiotika — lebende mikrobische Nahrungsmittelbestandteile, die eine gesundheitsfördernde Wirkung besitzen, weil sie die Darmflora positiv beeinflussen können — siedeln sich im Darm nicht dauerhaft an. Die probiotischen Bakterien müssen deshalb täglich eingenommen werden, wenn sie eine Wirkung zeigen sollen. Den Herstellern ist dies nur recht. Denn Probiotika sind leicht und billig zu produzieren, aber teuer zu verkaufen.

Und trotz jahrelanger Forschung ist sich die Wissenschaft noch längst nicht einig, was sie von probiotischen Joghurts halten soll. „Es gibt bis heute keine gesicherten wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirksamkeit funktioneller Lebensmittel“, warnt Ursula Marschall, Leiterin des Kompetenzzentrums Gesundheit der Barmer Ersatzkasse in Wuppertal. Es gebe bisher lediglich Hinweise, dass probiotische Kulturen die Darmflora verbessern könnten.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat die Europäische Union im April das Forschungsprogramm Metahit gestartet. Bis 2012 soll mit einem Etat von knapp zwölf Millionen Euro geklärt werden, welche Bakterien den menschlichen Darm besiedeln und welche Funktion diese haben. Danone ist natürlich mit von der Partie.

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