
Erwachsene, seriös wirkende Menschen, treffen sich nach der Arbeit in einem Seminarraum, kitzeln sich an den Handinnenflächen und in den Ellenbeugen, beginnen zu kichern, dann zu glucksen – bis alle schließlich lauthals lachen. Sie finden das eher peinlich als witzig? Stimmt. Mit Witz und Humor hat die inszenierte Heiterkeit in den weltweit wie Pilze aus dem Boden schießenden Lachclubs nicht das Geringste zu tun. „Lachen ohne Grund“ heißt das Motto der selbst ernannten Helfer, die sogenanntes Lach-Yoga anbieten. Beim Lachen 300 unterschiedliche Muskeln zu bewegen entspannt, entkrampft und fördert die Gesundheit. Gelotologen nennen sich die Forscher, die das Lachen (griechisch „Gelos“) und seine Auswirkungen auf den Körper erforschen. Sie fanden heraus: Lachen hebt die Stimmung durch Ausschüttung von Glückshormonen, stärkt die Abwehrkräfte, senkt den Blutdruck und lindert Schmerzen. Die Berliner Kommunikations- und Lachtrainerin Mia von Waldenfels, zu deren Kunden auch Unternehmen wie DaimlerChrysler und T-Mobile gehören, sagt: „Wer lange richtig herzhaft lacht, wirkt wie berauscht.“ Wer viel lacht, kann konzentrierter arbeiten. Und er ist kreativer, behauptet der Harvard-Psychologe Daniel Goleman in seinem Bestseller „Emotionale Intelligenz“. Den Gang ins Fitnesscenter ersetzen die Lachattacken ebenfalls: Drei Minuten Lachen mit vollem Muskeleinsatz habe denselben Effekt wie 15 Minuten Joggen, behaupten die Lachforscher. Dabei scheint es völlig unerheblich zu sein, was uns zum Lachen bringt: Ein wirklich guter Witz, eine fade Comedy-Show mit eingeblendetem Retorten-Lachen („canned laughter“), die Schadenfreude über ein Missgeschick oder das befreiende Siegeslachen nach dem Sport. Oder eben eine stereotype Lach-Yoga-Übung. Der Grund, warum selbst ein völlig humorfreies Lachen biologische Kräfte entfaltet: Die Grimasse hatte ursprünglich nichts mit Humor und Vergnügen zu tun. Sie hat sich in der Evolutionsgeschichte als universelle Geste der Beschwichtigung etabliert. Die Lachfratze macht dem Gegenüber klar, dass man friedlich gesonnen ist und keine Attacke plant. Ein natürliches Antistressmittel sozusagen. Schon seit der Antike fragen sich die Menschen, warum sie überhaupt lachen, dabei das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verziehen und eigentümliche Laute ausstoßen. Dieser „momentane Anfall von Torheit“, wie der italienische Dichter Giacomo Leopardi es nannte, war den Kirchenvätern im Mittelalter so suspekt, dass sie die Sündhaftigkeit des Lachens geißelten. So verbot der heilige Benedikt seinen Mönchen, laut zu lachen. Wiederholungslachern drohte die Prügelstrafe.
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Eine grundlegende Fehleinschätzung herrschte jahrtausendelang: Der Mensch sei das einzige lachende Wesen auf dieser Welt. Das hatte zwar schon Charles Darwin, der Begründer der Evolutionslehre, im 19. Jahrhundert bestritten. Doch erst seit die Verhaltensforscherin Jane Goodall ab 1960 Schimpansengruppen in Tansania im Freiland beobachtete, wissen wir, dass auch Affen viel und ausgiebig lachen. Sie machen nur keine so affigen Geräusche wie die Menschen, sondern stoßen den Atem rhythmisch, aber leise in kleinen Intervallen aus und machen ihr „Spielgesicht“ dazu. Bei vielen Affenarten sind inzwischen die Laute des Lachens untersucht. Wie beim Menschen sind es Lautfolgen, die im Wechsel von Ein- und Ausatmen bestehen. Weil Affen so ähnlich lachen wie Menschen, wollten die Forscher auch gleich wissen, warum sie nicht so ähnlich sprechen wie Menschen. Und sie fanden heraus: Die menschliche Rede lebt in allen Sprachen ausschließlich vom Ausatmen. Valentin Braitenberg, Hirnforscher und Begründer der Biokybernetik in Deutschland, empfiehlt, es selbst zu probieren: „Tief ausatmen und dann beim Einatmen einen Satz sprechen.“ Es geht nicht. Seine Schlussfolgerung: „Unsere Sprache stammt nicht vom Affen ab, wohl aber unser Lachen.“ Tatsächlich ist das Lachen nicht mal den Menschen und Affen vorbehalten, es ist ein im Tierreich weitverbreitetes Phänomen. Selbst Ratten lachen, wenn man sie kitzelt, fanden Forscher der Bowling Green State University in Ohio heraus. Allerdings tun sie das in so hohen Tönen, dass wir Menschen es nicht hören. Lachen hat eine Signalfunktion im Sozialverhalten vieler Tiere: Wer lacht, droht nicht. Ich will spielen, nicht streiten. Lachen beschwichtigt, wenn Konflikte und Rangeleien in der Gruppe auftreten. Lächeln und Lachen, auch ganz wichtig, signalisieren zudem sexuelle Bereitschaft. Selbst wenn es nicht ganz so weit geht: Ich finde dich nett und will in deiner Nähe sein, sagt ein Lächeln zumindest. Diese Funktion hat das Lachen noch heute beim Menschen, weshalb Forscher wie Carsten Niemitz von der Freien Universität Berlin es als „sozialen Klebstoff der Gesellschaft“ bezeichnen. Der Humanbiologe und Mimikforscher beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen: „Wir lachen, weil etwas lustig ist, aber auch, um soziale Bindungen aufzubauen.“ Eine Reisegruppe, deren Teilnehmer sich untereinander nicht kennen, lacht am ersten Tag häufiger als auf dem ganzen Rest der Reise, sagt Niemitz. Er folgert, dass die Reisenden damit ihr Beziehungsgeflecht klären: „Wer lacht mit wem, wer lacht nicht mit wem? Wer gehört zusammen und wer nicht?“ Dass Babys so gewinnend lachen, hat dieselbe Funktion: So bauen sie eine enge und stabile Beziehung zu dem Menschen auf, der sie in den kommenden Jahren füttern und beschützen soll. Das ist blanker Opportunismus, von Witz keine Spur.











