Antibiotika-Resistenzen: Es fehlt an Waffen gegen den Super-Erreger

Antibiotika-Resistenzen: Es fehlt an Waffen gegen den Super-Erreger

, aktualisiert 27. Mai 2016, 14:06 Uhr
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E. Coli-Bakterien, die gegen alle Antibiotika immun sind, wurde in den USA entdeckt.

von Thomas TröschQuelle:Handelsblatt Online

Ein Super-Erreger, gegen den kein Antibiotikum hilft, ist erstmals auch in den USA nachgewiesen worden. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein globales Problem: Eine der effektivsten Waffen der Medizin wird stumpf.

BerlinIn den USA ist erstmals ein sogenannter Super-Erreger entdeckt worden, der gegen alle bekannten Antibiotika immun ist. Der Erreger, ein E-Coli-Bakterium, sei in der Probe einer Frau aus Pennsylvania entdeckt worden, schreiben Forscher im Fachblatt Antimicrobial Agents and Chemotherapy. Die US-Gesundheitsbehörden bestätigten den Fall inzwischen.

Die 49-jährige Patientin hatte sich in einer Klinik wegen einer Harnwegsinfektion behandeln lassen. Die Mediziner dort schickten eine Urinprobe an das Walter Reed National Military Medical Center, wo das Bakterium entdeckt wurde.

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Es besitzt ein Gen namens Mcr-1, das immun gegen die Behandlung mit Antibiotika macht – selbst gegen Substanzen, die speziell bei multiresistenten Keimen wirken sollen. Sogar Colistin – ein älteres Antibiotikum, das bei diesen „Albtraum“-Bakterien normalerweise wirkt – habe in diesem Fall versagt, so Thomas Frieden, Chef der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention).

Colistin war 1959 auf den Markt gekommen, um Infektionen etwa mit E-Coli-Bakterien oder Salmonellen zu behandeln. Wegen seiner nierenschädigenden Wirkung wurde es ab den 80er-Jahren kaum noch zur Behandlung von Menschen verwendet, erst in den vergangenen Jahren kam es wieder häufiger zum Einsatz – nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) als „eine letzte verbliebene Therapieoption“. Umso besorgniserregender ist die Erkenntnis, dass auch dieses letzte Notfallinstrument seine Wirksamkeit zu verlieren droht.

Der Fall in Pennsylvania wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, dem sich Mediziner weltweit gegenübersehen: Antibiotika, eine der stärksten Waffen der Medizin, verlieren zunehmend an Wirkung. Immer häufiger entwickeln Erreger Abwehrmechanismen gegen Substanzen, die früher zuverlässig Behandlungserfolge versprachen.

Den Hauptgrund dafür sehen Mediziner im übermäßigen Einsatz von Antibiotika. Das ist etwa in der Tierzucht der Fall, aber auch in der Humanmedizin, wo die Entwicklung sogenannter Breitbandantibiotika gegen verschiedene Erreger die Tendenz förderte, solche Allzweckwaffen auch in Fällen zu verschreiben, wo eine weniger intensive Behandlung möglicherweise ebenfalls erfolgreich wäre. Auch eine unsachgemäße Einnahme der Medikamente fördert Resistenzbildungen.


Für manche Patienten ist der Medizinschrank schon leer

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO zählen Antibiotika-Resistenzen mittlerweile zu den drängendsten Gesundheitsproblemen weltweit, die Organisation warnt vor einer „Rückkehr in Vor-Antibiotika-Zeiten“. Anfang des Jahres sprach WHO-Direktorin Margaret Chan im Zusammenhang mit Mcr-1 von einer Krise globalen Ausmaßes.

Tatsächlich hat das Resistenz-Gen ein besonders hohes Schadpotenzial, weil es zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist – im Gegensatz zu allen bisher bekannten Colistin-Resistenzen. Es kann von harmlosen Darmkeimen auf Krankheitserreger übergehen und die Behandlung gegen diese erschweren oder sogar unmöglich machen.

Mcr-1 wurde bereits in China und Europa festgestellt, in Deutschland ist das Gen zumindest bei Nutztieren weit verbreitet. Die Patientin aus Pennsylvania kann sich allerdings nicht im Ausland infiziert haben: Laut Thomas Frieden war sie nicht außerhalb der USA unterwegs.

Angesichts der wachsenden Bedrohung durch multiresistente Keime rief der CDC-Chef zur Entwicklung neuer Antibiotika und zu einem vernünftigeren Umgang mit den vorhandenen Medikamenten auf. „Für manche Patienten ist der Medizinschrank inzwischen schon leer“, so Frieden.

Immerhin, die Erkenntnis der Brisanz dieser Entwicklung hat mittlerweile auch die höchste politische Entscheidungsebene erreicht: In der am Freitag veröffentlichten Abschlusserklärung des G7-Gipfels in Japan hieß es, die G7-Staaten wollten eine „Führungsrolle“ bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen übernehmen, weil diese „schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaften haben könnten“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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