Aquaponik: Mit Tomatenfisch die Welt ernähren

Aquaponik: Mit Tomatenfisch die Welt ernähren

, aktualisiert 06. April 2014, 11:59 Uhr
Bild vergrößern

Der Biologe Werner Kloas mit einem seiner "Tomatenfische". Kloas leitet das Projekt, bei dem durch ein Aquaponik-System Fischzucht und erdfreie Pflanzenzucht kombiniert wird.

Quelle:Handelsblatt Online

Gemüse und Fisch: Würde man sie gemeinsam in einem geschlossenen, nachhaltigen Kreislaufsystem produzieren, könnten viele Hungrige satt werden – für kleines Geld. Berliner Wissenschaftler arbeiten daran.

BerlinNein, es geht nicht um Fischkonserven in Tomatensoße, wenn Werner Kloas vom „Tomatenfisch“ spricht. Der Biologe hat dabei nicht weniger als einen Ansatz zur Sicherung der Welternährung im Blick: Mit Fischen und Nutzpflanzen – in diesem Fall: Tomaten – in einem geschlossenen, nachhaltigen Produktionssystem.

Am beschaulichen Müggelsee im Südosten von Berlin arbeiten Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) an der Perfektionierung eines solchen Systems. „Aquaponik“ heißt der Ansatz, der Fischzucht (Aquakultur) und erdfreie Pflanzenzucht (Hydroponik) miteinander kombiniert.

Anzeige

Im Forschungsgewächshaus sprudelt Wasser in fast mannshohe Fischbassins und in der Mitte ranken lange Reihen Tomaten aus Bottichen empor. Die Behälter sind durch Rohre und Schläuche verbunden, im Hintergrund brummen Bio-Kläranlagen und Bakterien-Filter. Es ist so warm, dass sich Wasser am Glasdach absetzt – auch das ist Teil des Kreislaufkonzepts.

Kloas nimmt das Schutznetz von einem Bassin, wo sich sofort Dutzende Buntbarsche an die Oberfläche drängeln. Sie wollen Futter. „Unsere Fische wachsen stressfrei. Es dürfen nicht zu viele in einem Bassin sein, aber auch nicht zu wenige. Sie mögen den Kuscheleffekt“, erklärt Kloas.

Frischwasser sprudelt in die Bassins, verbrauchtes Wasser mit Fischexkrementen wird abgeleitet. „Es enthält giftiges Ammonium. Aber mit Hilfe von Bakterien wird es in Nitrat umgewandelt – und das ist optimaler Pflanzendünger“, sagt Kloas.

Das aufbereitete, nährstoffreiche Wasser wird in die Pflanzenbehälter geflutet, daumenhoch umspielt es die freiliegenden Wurzeln: Die Tomaten gedeihen prächtig – und produzieren sauberen Wasserdampf, der sich in einer Kältefalle am Dach absetzt. Von dort aus tröpfelt es über Rohre zurück ins System und kommt als Frischwasser wieder in die Fischbassins.

Die Idee der Aquaponik gibt es seit Jahrzehnten, und sie wird weltweit verfolgt, teils sogar in kommerziell genutzten Anlagen. Auch an der Universität in Rostock, wo es einen Lehrstuhl für Aquakultur gibt, wird an einem speziellen Fischglashaus geforscht, um Fische ressourcenschonend auf Landwirtschaftsflächen zu produzieren.


200 Kilogramm Fisch pro Jahr

„Wir haben das System so weiterentwickelt, dass es hocheffizient ist und fast kein zusätzliches Wasser benötigt“, sagt Kloas. Nur drei Prozent der Wassermenge müssen zugesetzt werden. „Für ein Kilogramm Freilandtomaten im spanischen Almeria müssen 180 Liter Grundwasser eingesetzt werden, mit Aquaponik braucht man nur 35 Liter und ein Fünftel der Fläche.“ Auch die Ernährung der Fische ist nachhaltig und kostengünstig: Mit proteinreichen Mücken- und Fliegenlarven.

Nutzt man für die Wärmezufuhr im Treibhaus nun noch die Abwärme von Biogasanlagen oder Solarpanels – wie am IGB der Fall –, so funktioniert das Ganze emissionsfrei. „Fische wachsen schnell, sie liefern hochwertige und leicht verdauliche Proteine“, betont Kloas.

Noch effizienter kann das System werden, wenn es den Forschern gelingt, statt der Buntbarsche Arapaimas zu züchten – riesige Amazonas-Süßwasserfische, die in kurzer Zeit mehr als zwei Meter lang und weit über 100 Kilogramm schwer werden.

„Unsere Technologie kann zur Lebensmittelsicherheit im 21. Jahrhundert einen wichtigen Beitrag leisten“, sagt Kloas. In Entwicklungsländern etwa könne für rund 1000 Euro ein Basissystem aus speziell beschichteten Regentonnen und einer Pumpe 200 Kilogramm Fisch pro Jahr liefern.

Das Berliner Verfahren wird unter Federführung des IGB deshalb nun auch im großen Maßstab erprobt: Rund sechs Millionen Euro gab die EU im Februar, damit Experten in Deutschland, Spanien, Belgien und China in großflächigen Versuchsanlagen die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens testen und verbessern. Bald könnte sich der „Tomatenfisch“ also weltweite Verbreitung finden.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%