Auszug "Der Sündenfall": Betrug und Fälschung leicht gemacht

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Auszug "Der Sündenfall": Betrug und Fälschung leicht gemacht

Auf vielerlei Weise also sind abgeschriebene, geschönte, gefälschte oder frei erfundene Forschungsergebnisse auch hierzulande die Konsequenz des modernen Wissenschaftsbetriebes und seiner Krankheiten .

Doch damit nicht genug: Dieselben Krankheiten führen nicht nur zu Betrug und Fälschung – sie erleichtern sie auch und erschweren überdies ihre Aufdeckung. Was von immenser Bedeutung ist: Je einfacher die handwerkliche Seite der Manipulation zu bewerkstelligen ist, je niedriger zudem die Gefahr der Entdeckung ausfällt, desto größer wird die Bereitschaft, dem Druck oder der Versuchung nachzugeben, desto eher werden auch noch vorhandene Hemmschwellen überschrit­ten. Betrug und Fälschung werden am Ende so zum gut kalkulierbaren Risiko – im wahrsten Sinne des Wortes leicht gemacht durch ein System, "das auf dem besten Wege ist, selbstreferentiell zu werden", und dessen interne Schutzmechanismen längst kollabiert sind.

Auch dieses letzte zu beschreibende Problem ist zunächst und vor allem ein Problem der immer ausufernderen Expansion des Wissenschaftsbetriebes. So wie in den USA ist Wissenschaft auch in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes zur endless frontier, zum unendlichen Unternehmen geworden, quantitativ wie qualitativ. Die Fragmentisierung des Wissens schreitet immer weiter voran und führt zur Herausbildung immer kleinerer Forschungsgebiete, deren Zahl sich längst nicht mehr genau beziffern läßt. Schätzungen jedenfalls gehen in die Tausende. Logische Folge: Das unendliche Unternehmen wird immer unüberschaubarer – und immer unverständlicher. In manchen der fragmentisierten Forschungsgebiete hat die Spezialisierung des einzelnen Forschers inzwischen einen Grad erreicht, daß selbst die Kollegen der eigenen Arbeitsgruppe seiner Arbeit fachlich nicht mehr in allen Punkten folgen können. Schon immer waren Forscher Spezialisten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet. Inzwischen aber ist mancher von ihnen auf seinem Ge­biet der einzige Spezialist, und zwar weltweit. Was es ihm im Falle eines Falles erheblich erleichtert, beispielsweise den immer härteren Kampf um staatliche Fördergelder mit geschönten Projektskizzen und Antragsunterlagen zu führen, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit die Gutachter der Förderorganisationen gewiß immer weniger zu beurteilen vermögen.

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Immer mehr Publikationen

Was hier nur angedeutet ist, läßt sich anhand der unendlichen Flut der wissenschaftlichen Veröffentlichungen besonders deutlich aufzeigen: der Zusammenbruch des Gutachterwesens als wichtigste Kontrollinstanz der Wissenschaft. Auch dies ist zunächst ein Problem der großen Zahl: Sowohl die Menge der publizierten Beiträge als auch die der Publikationen steigt beständig weiter an. Vier Millionen biomedizinischer Fachartikel jährlich, zehntausende neuer Forschungsergebnisse pro Tag, über 100000 Fachjournale weltweit, davon alleine mehr als 60000 in den Natur- und Biowissenschaften – die Dimensionen sprengen jede Vorstellungskraft und machen die Wahrscheinlichkeit manipulierter Veröffentlichungen längst nur noch zur mathematischen Übung. Daß sich von den immer zahlreicheren Fachjournalen immer mehr erst gar kein System der peer review leisten oder leisten können, daß gerade bei kleineren Blättern der Herausgeber auch den Part des Gutachters übernimmt und bei der Durchsicht der eingereichten Manuskripte nicht nur jede fachliche Kompetenz vermissen läßt, sondern zumeist den ökonomischen Erfolg oder das schlichte ökonomische Überleben über alle inhaltlichen Erwägungen stellt – das ist die offenkundigste qualitative Seite des Problems. Sie macht es für jeden halbwegs geschickten Betrüger gleichsam zum Kinderspiel, gefälschte Daten und Resultate in den Publikationskreislauf einzuspeisen.

Weitaus alarmierender aber ist, daß selbst die Gutachtersysteme angesehener Zeitschriften inzwischen immer häufiger kollabieren, wie hierzulande gerade die beiden spektakulärsten Fälschungsfälle gezeigt haben. Und dieser Kollaps wird von den Journalen und ihren peers inzwischen auch bereitwillig zugegeben. So konstatierte etwa ein renommierter Botaniker, der auf Einladung von nature eine der am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung manipulierten Forschungsstudien begutachtet und zur Veröffentlichung empfohlen hatte: "Wenn jemand fälscht, hast du keine Möglichkeit, das zu erkennen." Auch dies ist zunächst die direkte Folge der fortschreitenden Fragmentisierung der Wissenschaft, die selbst den hochspezialisierten Gutacher "schnell zum wissenschaftlichen Analphabeten" macht, "sobald die Grenzen seiner Subspezialisierung überschritten sind".

Keine Zeit zum Prüfen

Zur inhaltlichen Überforderung hinzu kommt freilich ein zweites Phänomen, das von immer mehr Gutachtern beklagt und als nicht zu unterschätzende Gefahr angesehen wird: Die zu begutachtenden Beiträge werden immer zahlreicher und umfangreicher, was zur logischen Folge hat, daß für das einzelne Manuskript immer weniger Zeit und Sorgfalt aufgebracht werden kann. Für die Virologin Karin Mölling etwa läßt sich nur so erklären, warum hochangesehenen Gutachtern bei Veröffentlichungen von Friedhelm Herrmann schlichtweg entgangen ist, was nach dem Bekanntwerden des Skandals praktisch auf den ersten Blick ersichtlich war – daß nämlich ein und dieselbe Abbildung als Beleg für völlig unterschiedliche Meßreihen aufgeführt wurde. Um wieviel geringer ist da erst das Risiko, daß noch weniger auffällige Manipulationen vor der Publikation entdeckt werden?!

Mindestens ebenso stark wie die peers der Fachjournale leiden auch die Fachgutachter der Förderorganisationen unter dem Problem der fehlenden Zeit. Ja, im Grunde leiden sie noch stärker darunter. Während ein einzelner Fachartikel noch halbwegs überschaubar ist, kann ein einziger Förderantrag leicht mehrere hundert Seiten umfassen. Und Anträge zur Finanzierung ganzer Forschungsgruppen sind in der Begutachtung noch weit aufwendiger. Eine solche große Begutachtung kann für die beteiligten Wissenschaftler sehr wohl das Durcharbeiten mehrerer Aktenordner bedeuten. "Man kann in einem solchen Antrag nicht jede Seite lesen, das geht gar nicht", räumt die Biochemikerin Ulrike Beisiegel aus eigener Erfahrung ein – und schätzt sich zu Recht glücklich, auf diese Weise noch nicht das Opfer eines geschickten Betrügers geworden zu sein, der die Zeitnöte der peers für sich zu nutzen weiß. Andere Gutachter hatten da weniger Glück.

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