Axel Haverich im Interview: "Tabubruch als Regel"

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InterviewAxel Haverich im Interview: "Tabubruch als Regel"

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In den von Axel Haverich gegründeten Laboratorien für Biotechnologie und künstliche Organe gelang es, eine biologische Herzklappe für Kinder herzustellen, die mit dem Patienten wächst

von Susanne Kutter

Der Herzchirurg und Organzuchtpionier hält es für möglich, dass das Klonen in 15 Jahren ebenso akzeptiert sein wird wie heute die Gentests.

WirtschaftsWoche: Professor Haverich, Sie versuchen seit Jahren Organe wie Herzen oder Lebern im Labor nachwachsen zu lassen. Wären geklonte menschliche Stammzellen, wie sie gerade von US-Forschern geschaffen wurden, dabei hilfreich?

Haverich: Aus Sicht der Patienten, die solche Organe später einmal eingepflanzt bekommen werden, möglicherweise schon. Es wäre ein zusätzliches Verfahren, um Gewebe aus patienteneigenen Zellen zu gewinnen. Nur so lassen sich Ersatzorgane züchten, die der Körper später nicht abstößt.

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Klappt das bisher noch nicht?

Mit den embryonalen Stammzellen, die wir früher benutzten, hätte es nicht funktioniert. Denn diese in Zelllinien immer weiter vermehrten Zellen stammen ja von fremden Individuen. Doch seit 2008 arbeiten wir mit induzierten pluripotenten Zellen, also zurückprogrammierten Körperzellen – etwa aus der Haut des Patienten. Mit diesen IPS-Zellen können wir schon sehr gut patienteneigenes Gewebe herstellen.

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Transplantationschirurg Axel Haverich Quelle: PR

Auch ganze Organe?

Noch sind die Gewebestücke, die wir züchten, zu klein, um damit schon Teile des Herzens oder ein ganzes Herz zu ersetzen. Wir müssen die Technik noch optimieren. Dabei macht es aber keinen Unterschied, woher die Zellen kommen.

Worin unterscheiden sich geklonte und rückprogrammierte Zellen?

Die rückprogrammieren IPS-Zellen haben den großen Vorteil, dass sie ethisch völlig unproblematisch sind. Sie werden aus Körperzellen des betroffenen Patienten gewonnen, ohne dass ein Forschungsembryo mithilfe einer Spendereizelle hergestellt werden muss. Das wäre beim therapeutischen Klonen anders. Diese Debatte brach schon vor 17 Jahren bei dem Schaf Dolly los, dem ersten geklonten Säugetier. Ich hielt das immer für kritisch. Und schon damals fragten mich Feministinnen, wo ich die ganzen Eizellen herbekommen wollte.

Haben die geklonten Eizellen denn aus technischer Sicht irgendwelche Vorteile?

Das ist derzeit noch nicht klar. Sicher ist nur, dass sie noch ein zweites Problem haben: Denn auch wenn die Spendereizellen entkernt sind und der Zellkern des Patienten dort hinein gebracht wird, enthalten die Eizellen noch eigene, sogenannte epigenetische Informationen. Die können sich später bemerkbar machen. Und das hat meist negative Folgen. So werden vor allem diese epigenetischen Faktoren dafür verantwortlich gemacht, dass Dolly nicht alt geworden ist.

Sie sind also gar nicht wild auf diese geklonten Zellen?

Nein, derzeit nicht. Ich will aber nicht ausschließen, dass es noch ein Aufholmanöver gibt. Vielleicht haben sie Vorteile, die wir jetzt noch nicht erkennen.

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