Bakterien: Neue Antibiotika sollen Resistenzen vermeiden

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Bakterien: Neue Antibiotika sollen Resistenzen vermeiden

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Züchter verfüttern massenweise Antibiotika an Puten

von Susanne Kutter

Ob bei Mensch oder Tier: In Deutschland werden zu viel Antibiotika eingesetzt, gefährliche Resistenzen entstehen. Ein deutsches Start-up will nun eine neue Wunderwaffe entdeckt haben.

Pute, Gans – oder ganz etwas anderes? Wer sich noch nicht festgelegt hat, was er Weihnachten als Festtagsschmaus essen möchte, sollte sich das zumindest beim Putenbraten gut überlegen. Denn die Chance ist groß, dass mit dem Tier eine gehörige Portion Medikamente gleich auf dem Teller landet.

Den Schluss lässt zumindest eine aktuelle Studie des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen zu: In 93 Prozent aller Fälle behandelten die Züchter ihre Puten gleich mehrfach mit bis zu zehn verschiedenen Antibiotika – auch mit solchen, die für Menschen gedacht und für Geflügel verboten sind.

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Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Das Problem: Die Bakterien gewöhnen sich an die Mittel, sie werden resistent. Befallen sie dann den Menschen, gibt es womöglich keine Rettung. Eine Lungenentzündung ist dann schnell tödlich.

„Solange es Massentierhaltung gibt, werden Landwirte Medikamente einsetzen“, glaubt Markus Matuschka von Greiffenclau. Der Spross einer Adelsfamilie aus dem Rheingau glaubt mit seiner 2009 gegründeten Firma Lysando einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden zu haben: mit einer ganz neuen Klasse von Antibiotika, die keinerlei gefährliche Resistenzen erzeugen soll.

Martin Blaser "Der Urwald in uns"

Antibiotika schaden den guten Bakterien in uns, warnt der US-Biologe. Die Folge: Die Mittel machen uns statt gesund krank – und dick.

Martin Blaser Quelle: NYU School of medicine/Carl Glenn

Die ersten Kunden in der Pharmabranche hat er bereits überzeugt. Im Sommer sicherte sich Boehringer Ingelheim Vetmedica eine Lizenz an den neuen Bakterienkillern und entwickelt sie seither für den Einsatz an Tieren weiter. Und vor Kurzem stieg mit der Siam Cement Group (SCG) aus Thailand eines der größten asiatischen Industriekonglomerate mit einem 20-Prozent-Anteil bei Lysando ein.

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