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InterviewBildung: "Jedes Kind kann rechnen lernen"

von Jürgen Rees

Der Paderborner Mathematikprofessor Wolfram Meyerhöfer hält Rechenschwäche für ein konstruiertes Phänomen: Kinder, die Probleme mit Zahlen haben, leiden an schlechtem Unterricht.

Zeugnis für die Grundschulen

Die Kultusminister wollen über die Grenzen der Bundesländer hinweg für ein einheitliches Lernniveau sorgen. Dies kündigte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Thies Rabe, bei der Präsentation eines neuen Bundesländervergleichs für die Grundschulen an. Seit dem Pisa-Schock vor gut zehn Jahren und dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich sei viel verbessert worden. Jetzt müsse nach den Ursachen geforscht werden, warum es zwischen einzelnen Bundesländern zum Teil noch immer große Unterschiede gebe, sagte Rabe.

Nachdem die KMK rund 30.000 Grundschüler an 1300 Schulen getestet hatte, stand fest: Im Süden Deutschlands - vor allen in Bayern - lernen Grundschüler besser. Danach folgt im Länderranking ein sehr breites Mittelfeld mit nur marginalen Punktunterschieden. Erhebliche Probleme in nahezu allen Bereichen haben dagegen die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg.

Bild: dpa/dpaweb

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Wolfram Meyerhöfer, 42, arbeitet seit 2009 an der Universität Paderborn. Zahlen sind seine Welt. Ihn interessiert, wie Menschen Mathematik lernen. Er untersucht nicht nur die Ursachen der Rechenschwächen von Grundschülern, sondern auch mathematischen Analphabetismus sowie den Zahlenerwerb von Kleinkindern. Und er entwickelt Tests, die mathematisches Verständnis messen.

WirtschaftsWoche: Herr Meyerhöfer, für mich war Mathematik in der Schule Quälerei. Hat mein fast dreijähriger Sohn Chancen, die Welt der Zahlen einmal besser zu verstehen?

Meyerhöfer: Sicher, jedes Kind kann rechnen lernen.

Tatsächlich? Die wachsende Zahl von Berichten über Schüler mit Rechenschwächen lässt eher anderes befürchten.

Nach meiner Überzeugung nicht. Ich halte die Rechenschwäche für ein konstruiertes Phänomen.

Der Zahlen-Meister - Wolfram Meyerhöfer von der Universität Padernborn untersucht, wie Menschen Mathematik lernen. Seiner Meinung nach ist Rechenschwäche ein konstruiertes Phänomen. Quelle: Presse
Der Zahlen-Meister - Wolfram Meyerhöfer von der Universität Padernborn untersucht, wie Menschen Mathematik lernen. Seiner Meinung nach ist Rechenschwäche ein konstruiertes Phänomen. Quelle: Presse

Wollen Sie bestreiten, dass manchen Kindern Mathe schwerer fällt als anderen?

Richtig ist, dass die Kinder mit unterschiedlichen Vorstellungen von Mengen und Zahlen in die Schule kommen. Und ungefähr einem Viertel von ihnen erschließt sich diese Welt nicht von allein. Im ersten Schuljahr wäre aber genügend Zeit, für alle in der Klasse eine gemeinsame Basis in Mathematik zu erarbeiten. Diesen Stoff können alle Kinder bewältigen.

Fachbegriffe wie etwa Dyskalkulie lassen vermuten, dass es sich bei Rechenschwäche um eine Art Krankheit handelt.

Für manche Lehrer und Eltern ist es vor allem ein Weg, um sich aus der Verantwortung zu ziehen: Sie haben nichts falsch gemacht, das Kind ist ja krank und versteht Mathe deshalb nicht. Das ordnet sich ein in eine Kultur, die alles Abweichende als krank ansieht. Mediziner definieren sich dann plötzlich als Experten für das Rechnen, indem sie eine offizielle Krankheit definieren.

Gibt es Zahlen, wie viele Kinder pro Jahrgang eine Rechenschwäche haben?

Die Art der eher medizinisch orientierten Tests führt dazu, dass etwa sieben Prozent der Schüler eine Rechenschwäche zugeschrieben wird.

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Was macht Sie so sicher, dass es keine Krankheit ähnlich wie die Lese- und Rechtschreibschwäche ist?

In sinnvollem Förderunterricht wird angeblich minderbegabten Schülern sehr erfolgreich das Rechnen beigebracht. Erfolgreiche Lerntherapeuten folgern daraus, dass im Schulalltag etwas schiefläuft. Für mich war das der Grund, mich intensiv damit zu beschäftigen.

Was ist Ihrer Meinung nach der Auslöser des Problems?

Als Mathematikdidaktiker besuche ich oft Schulen, etwa wenn meine Studenten bei Lehrern hospitieren. Oft bin ich entsetzt, was da abgeht. Mancher Matheunterricht ist so schlecht, dass die meisten Kinder gar nichts verstehen können. Ich bewundere manchmal, was die Kinder trotz des Unterrichts noch lernen.

Welche Folgen hat diese Art des Unterrichts für die Kinder?

Es beschädigt sie. Das Etikett "rechenschwach" klebt an ihnen und nimmt ihnen häufig jeden Ansporn, Mathe zu lernen. So produzieren wir Schüler ohne mathematisches Grundverständnis. Das ist für jeden einzelnen Schüler ein Drama – und für unser Bildungssystem ein Desaster.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.02.2013, 20:39 Uhryacofred

    Nun ist es doch kein Zufall, dass Unterricht so organisiert ist, wie er seit Jahrzehnten organisiert ist. Der Artikel arbeitet indirekt (trotz gewisser Widersprüche wie: " ... findet schon in der Grundschule eine rechtswidrige soziale Auslese statt. Die Schule erfüllt ihre Aufgabe nicht.") heraus, dass es nicht einfach am Personal liegen kann, sondern dass in den Zwecksetzungen von Unterricht und Lehrerausbildung der Grund zu suchen ist, dass Matheunterricht mit mathematischen Bedeutungen meistens nicht sehr viel zu tun hat. Sogar mathematisch engagierte Lehrer kriegen es nicht hin, unter den Bedingungen einer Ausleseschule, wie wir sie nun mal haben, wirklich einen für alle Schüler nützlichen Unterricht zu gestalten. Eine Dialektik der Schuldzuweisungen hilft hier nicht viel. Wenn Mathematik in der Schule bedeutet, für Noten viele richtige Ergebnisse und Abläufe hinzukriegen, dann kann es nicht sein, dass Lehrer und Schüler sich auch noch (womöglich abends privat) hinsetzen, um das alles verstehen zu wollen - als Hobby etwa ? Der Schluss daraus kann nicht sein, der Schule weiterhin hohe und heilige Ziele zu unterstellen, denen sie nicht gerecht würde, sondern Eltern Schüler und Lehrer müssten sich konkret gegen den lernfeindlichen Auslesewahn wenden, der sie alle schädigt und zu unvernünftigen und unerträglichen Konsequenzen für Wissen und Bildung führt.

    Gruß Fred Steeg, Dr.rer.soz., Dipl.Psych. Rechenschwächetherapeut

  • 10.02.2013, 14:06 UhrSchlussDamit

    Man sollte darüber nachdenken, die Lehrerbesoldung neu zu regeln: nicht nach Leistung, sondern nach ‚Wissen und Können’.

    Unter dem heutigen Begriff ‚Leistung’ versteht man nämlich nicht ‚Wissen’, sondern oft nur Zurschaustellung politischer Projekte. Dahinter können Lehrer dann ihr mangelndes Wissen verschleiern. Die Schüler lernen so gar nichts, werden um ihre Zukunft betrogen, und den Eltern wird das Leben zur Hölle gemacht.

    Die Gehaltsfortschritte bei Lehrern müßten in stets wiederkehrenden Pflichtkursen mit Prüfungen festgelegt werden, in denen das Wissen abgefragt wird. Lehrer, die nicht mitmachen, bleiben auf einem Kleinstgehalt sitzen.

    Alle Deutschlehrer müßten regelmäßig Diktate schreiben. Danach würde sofort Panik ausbrechen. Die Spreu würde vom Weizen getrennt. Außerdem ist das Fach zu entpolitisieren und vom Gehalt her abzuwerten, weil die Substanz heute viel zu gering ist.

    Mathematik/Physik/Chemielehrer bekämen Aufgaben des gewöhnlichen Schulstoffes. Danach würde sich vieles ändern.

    Französischlehrer bekämen regelmäßig ein Diktat und danach eine Grammatikarbeit. Danach sind 95% aller Französischlehrer demaskiert.

    Englisch + Nebenfach würde als Kombination für Lehrer verboten, weil Englisch viel zu substanzlos ist. Englisch würde auch auf max. 5 Schuljahre verkürzt. Jeder Sprachlehrer muß Französisch als Hauptfach haben, denn es geht schließlich nicht, daß sich Mathematik- und Physiklehrer aufreißen und andere sich mit Einfachkombinationen wie Englisch + Erdkunde ein schlaues Leben machen. Latein gäbe es nur an wenigen Schulen.

    Laberfächer werden alle als Nebenfächer mit entsprechend unbedeutenden Noten klassifiziert und viel schlechter bezahlt.

    Nicht Funktionäre und Schulleiter, sondern nur die sehr guten Lehrer wären Beamte, denn dann sind sie vor Angriffen und Mobberei geschützt. Außerdem müssen alle Lehrer regelmäßig techn.-wiss. Hochschulen besuchen, um zu sehen, wo sie selbst stehen.

  • 10.02.2013, 05:57 UhrJoselyn

    Herr Meyerhöfer hat völlig Recht. Ich kenne das auch aus meiner Schulerfahrung, da ich im Laufe der Zeit verschiedene Mathematik-Lehrer hatte. Manche haben nichts getaugt und konnten den Kindern nichts beibringen, andere haben mit Angst versucht, den Kindern etwas beizubringen. Aber es gab auch solche, die auf die Kinder eingegangen sind und bei denen man gern gelernt hat, weil man es auch verstanden hat.

    Als mein Patenkind in die Schule kam, erhielt sie eine Klassenlehrerin, von der bekannt war, dass sie ständig krank ist. Und dem war auch so. Die meiste Zeit hatten die Kinder Vertretungsunterricht bei den unterschiedlichsten Lehrern. Von diesen hatte jeder seine eigene Art, den Kindern den Lehrstoff zu vermitteln. Das führte dazu, dass die Kinder irgendwann nicht mehr wussten, was sie machen oder glauben sollten und waren überfordert und verwirrt. Eine richtige Bezugsperson hatten sie nicht. Jeder Lehrer hat ihnen einen anderen Weg erklärt, wie sie zum Ziel kommen können.

    Als mein Patenkind die Grundschule fertig hatte, hat diese Lehrerin, trotz massiver Beschwerden von Eltern und dem gesamten Elternbeirat, wieder eine neue Klasse erhalten.

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