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Bildung: Lobbyarbeit im Schülerlabor

14. April 2012
Ein Schüler produziert bei Baylab Plastics seinen ersten eigenen Plastikbecher Quelle: Dominik Asbach für WirtschaftsWocheBild vergrößern
Bei Baylab Plastics in Leverkusen arbeiten jährlich 1750 Schüler im Schülerlabor. Sie planen, designen und kalkulieren in Arbeitsgruppen ein Produkt. Dann stellen sie es selbst her, machen Marktforschung und Qualitätsprüfung und drehen einen Werbefilm. Quelle: Dominik Asbach für WirtschaftsWoche
von Susanne Kutter

Die naturwissenschaftlich-technische Ausbildung an deutschen Schulen wird immer schlechter. In diese Lücke stoßen Schülerlabore von Firmen, Universitäten und Vereinen. Doch die haben mitunter fragwürdige Ziele.

Marvin Jügel und Rafiq Zeriouh interessieren sich normalerweise eher für Graffiti, Fußball und Computerprogramme. Der Stoff ihres Chemie-Leistungskurses spielt da meist eine untergeordnete Rolle. Heute aber sind die beiden Düsseldorfer Abiturienten ganz bei der Sache. Im Schülerlabor des Leverkusener Chemiekonzerns Bayer, dem Baylab Plastics, sind sie gerade dabei, ihren ersten Plastikbecher zu produzieren.

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Sorgfältig trocknen Rafiq und Marvin das Kunststoffgranulat, das sie gleich zu Trinkbechern verarbeiten sollen. Eine erste Portion der milchigweißen Plastikkörnchen wiegen sie vorsichtig in einer Schüssel ab und versetzen sie mit tiefrotem Farbgranulat. Mitschülerin Tabea Lamprecht hat derweil unter Anleitung eines Bayer-Mitarbeiters die Spritzgussmaschine angeworfen, um die sich nun die restlichen Schüler versammeln. Mit der Schüssel klettert Tabea hinauf zum Einfüllstutzen und kippt das Granulat in die Maschine. Nur wenige Minuten später ist die Plastikmasse heiß und flüssig und wird in die Form gespritzt. Sekunden später ist der erste Becher fertig.

Medien Experimente für Zuhause

Mit guten und ansprechenden Anleitungen lässt sich ein bisschen Schülerlaborstimmung auch am heimischen Küchentisch schaffen.

Medien: Experimente für Zuhause

Für die 16 Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Chemie der Düsseldorfer Humboldt- und Goethe-Gymnasien ist das eine ungewohnte Art des Lernens: „Solch einen praxisbezogenen Unterricht kann ich in der Schule gar nicht machen“, sagt der Chemielehrer Endrik Rammelmann.

Fehlende Praxis

Nicht mehr. Drastisch haben die Schulen nach den Reformen der vergangenen Jahre ihre Lehrpläne zusammenstreichen müssen. Der Mangel an Fachkollegen tut sein Übriges. Nun produzieren die Lehranstalten zwar jüngere Abiturienten. Doch für praktische Erfahrungen sowie technische und naturwissenschaftliche Experimente bleibt meist keine Zeit mehr. Dabei wissen Pädagogen: Nur mit praktischen Erfahrungen, Ausprobieren und Experimenten lassen sich Jugendliche für Naturwissenschaften und Technologie begeistern.

Es ist ein pädagogischer Offenbarungseid ausgerechnet in dem Land, dessen High-Tech-Produkte weltweit gefragt sind. Passend dazu sinken die Studentenzahlen in mathematisch-naturwissenschaftlichen und Ingenieur-Studiengängen immer weiter im Vergleich zu Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein Technologiestandort, so scheint es, verspielt seine Zukunft.

Die Bildungs-Lücke schließen nun immer öfter Konzerne, Stiftungen und andere Einrichtungen: Mehr als 500.000 Schüler und über 10.000 Lehrer besuchten im vorigen Jahr eines der 302 Schülerlabore. Und die Zahl dieser außerschulischen Angebote nimmt immer weiter zu: Allein in den vergangenen acht Jahren hat sich die Zahl dieser privat organisierten Lernstätten nahezu verdoppelt. Damit ist Deutschland im europäischen Umfeld Spitzenreiter.

Dabei ist die Idee nicht einmal schlecht. Die Schülerlabore sollen Appetit machen auf die bei vielen Jugendlichen ungeliebten Fächer Physik, Mathematik und Chemie. Doch Pädagogen sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Sie fragen sich, ob ein Konzern, der massiv für Gentechnik eintritt, oder eine Stiftung, die sich für die Förderung von Solarenergie und den umstrittenen grünen Sprit einsetzt, diese Themen neutral vermitteln können.

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Kommentare | 2Alle Kommentare
  • 16.04.2012, 13:29 UhrSchlegomio

    "Ich kenne aber keine gefährlichere Beeinflussung der Schüler als die durch die in Deutschland überwiegend indusdrie-und
    technikfeindliche Lehrerschaft (und übrigens auch Presse)."

    @ JKoll. Das ist eine sehr willkürliche Behauptung. Das spiegelt wohl eher Ihre persöhnliche Meinung wieder, bei der mich sehr interessieren würde wie Sie die Verteidigen würden. Gibt es Beweise für Ihre Behauptung, oder haben Sie die von Ihrer letzten Stammtischrunde?

  • 14.04.2012, 19:57 UhrJKoll

    Der Artikel warnt nicht zu Unrecht vor der Werbeabsicht und potentiellen Beeinflussung durch die Indusdrie,die aber klar erkennbar ist.Ich kenne aber keine gefährlichere Beeinflussung der Schüler als die durch die in Deutschland überwiegend indusdrie-und
    technikfeindliche Lehrerschaft (und übrigens auch Presse).

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