Buchrezension: Du entscheidest, wie Du alterst

Buchrezension: Du entscheidest, wie Du alterst

, aktualisiert 31. März 2017, 13:19 Uhr
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Der frühere US-Präsident ist in seinen Amtszeiten gealtert. Die Bild-Kombination zeigt ihn 2009 und 2016 (rechts).

Quelle:Handelsblatt Online

Es sind nicht nur die Gene, die über das Altern entscheiden. Das hat die Medizin-Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn herausgefunden. In ihrem neuen Buch verrät sie nicht nur warum, sondern auch wie das funktioniert.

DüsseldorfNur wer die Beiden gut kennt, kann es wissen: Kara und Lisa sind gleichalt. Und dass, obwohl Kara viel älter aussieht und öfters krank ist, während Lisa ein gesundes Leben führt. Es könnte der Stress sein, der sie älter macht, mutmaßt Kara. Den aber haben beide – sowohl beruflich als auch privat. Aber was ist der Grund dafür, dass Menschen unterschiedlich altern? Klar, es sind die Gene. Aber das ist noch nicht alles.

Die Medizin-Nobelpreisträgerin und Molekularbiologin Elizabeth Blackburn behauptet, dass jeder etwas dafür tun kann, langsam und gesund zu altern. „Die Entschlüsselung des Alterns“ heißt das Buch, das sie gemeinsam mit der Gesundheitspsychologin Elissa Epel geschrieben hat. Darin erklären die Forscherinnen, warum Menschen altern und warum manche auch noch schneller altern als andere. Dabei ist das Buch nicht nur ein Biologie-Sachbuch, sondern gleichzeitig ein Ratgeber mit Tipps für ein gesundes und langsames Altern.

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Das Buch setzt auf der Ebene der menschlichen Zellen an. Genauer: In den Zellkernen, in denen die Chromosomen zu finden sind. Chromosomen sind die Träger des menschlichen Erbguts. Damit ein Mensch gesund bleibt, müssen sich die Zellen und damit auch die Chromosomen teilen. Hier kommen die Telomere ins Spiel, für deren Erforschung Blackburn den Nobelpreis verliehen bekam: Sie befinden sich an den Enden der Chromosomen.

Blackburn vergleicht Telomere mit den Schutzkappen von Schnürsenkeln. Wie diese verhindern, dass Schnürsenkel ausfransen, schützen die Telomere die Chromosomen bei der Zellteilung. „Wie muskulöse Footballspieler, die einen Quarterback abschirmen und die härtesten Schläge von den anstürmenden gegnerischen Spielern einstecken, opfern sich auch Telomere für das Team“, schreiben die Forscherinnen.

Blackburn schreibt nicht, wie man es von einer Molekularbiologin erwarten könnte. Sie und Epel erzählen Geschichten aus ihrem Forscherinnen-Leben. Sie beschreiben, wie sie geforscht haben, wie sie sich über Forschungsergebnisse gefreut haben und was sie währenddessen angetrieben hat. Das ist spannend. Auch, weil sie dafür Beispiele finden, die so nah an der Alltagswelt der Leser dran sind, dass jeder sie gut versteht. Außerdem lockern die Beispiele das Buch auf. Stellen, an denen der Leser im Buch zurückblättern muss, weil etwas schwer verständlich ist, gibt es kaum.

Zurück zum Thema: Der Grund für das Altern sind die Telomere. Bei jeder Zellteilung werden sie kürzer. Doch je kürzer die Telomere werden, desto weniger können sie die Chromosomen schützen. Dann kann es zu Fehlern bei der Zellteilung kommen. Der Mensch altert und wird krankheitsanfällig.

Erst dachten Forscher, die Länge der Telomere sei genetisch vorherbestimmt und das sei der Grund, warum Menschen unterschiedlich altern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Blackburn fand heraus, dass es Enzyme gibt, die Telomere auch wieder verlängern. Der Prozess nennt sich Telomerase.

Wie stark der Körper seine Telomere wieder verlängert, kann jeder selbst beeinflussen. Und an dieser Stelle wird das Buch zum Ratgeber. Blackburn und Epel geben Tipps: Wer gesund denkt, gesund isst, gute zwischenmenschliche Beziehungen pflegt, kurbelt die Telomerase an. Wer Stress als Herausforderung sieht, altert gesünder als jemand, der sich von Stress bedroht fühlt. Sie zeigen, dass Menschen mit engen sozialen Beziehungen längere Telomere haben und deswegern langsamer altern.

Hinter dem Buch steckt eine besondere Motivation der Forscherinnen. Sie wollen ihre Entdeckungen mit vielen Menschen teilen. Sie wollen aber auch einen Appell an die Gesellschaft richten: „Was gut für unsere Telomere ist, ist auch gut für unsere Kinder, unsere Gemeinschaft und die Menschheit insgesamt.“ Die Menschen sollen sich um ihre Telomere kümmern, denn dann geht es allen gut, ist ihre Botschaft. Das klingt ein bisschen pathetisch, wenn sie zum Beispiel schreiben, dass ja dann mehr Zeit für politisches und gesellschaftliches Engagement bleibe. Wer weiß schon, was die Menschen anstellen, wenn sie länger leben?

Abgesehen davon gibt „Die Entschlüsselung des Alterns“ einen gut erzählten Einblick in den biologischen Alterungsprozess. Doch neben Wissenschaft sollte der Leser gleichzeitig Ratgeber mögen. Verständlich erklären die Forscherinnen ihre Forschungsergebnisse und geben eine Anleitung für ein gesundes Leben. Darauf muss sich der Leser einlassen können und wollen. Wer sich hingegen ausschließlich für die Telomerforschung interessiert, sollte andere Fachbücher suchen.

Elizabeth Blackburn, Elissa Epel: „Die Entschlüsselung des Alterns: Der Telomer-Effekt“. Mosaik-Verlag, München, 463 Seiten, 24 Euro.

Quelle:  Handelsblatt Online
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