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Chemische Trickkiste: Brauer flößen alkoholfreiem Bier Geschmack ein

von Ilka Kopplin Quelle: Zeit Online

Alkoholfreies Bier boomt. Die Brauer haben getüftelt, um den Geschmack zu erhalten – und ein Getränk mit eigenem Charakter erfunden.

Die Jury des World Beer Cup 2012 muss wahrhaft großen Durst haben. 95 Kategorien gilt es zu bewerten - vom Hefeweizen über Dunkles bis zum tschechischen Pils. Neben den klassischen Sorten gibt es auch Exoten wie Schokoladen-Bier, Frucht-Bier oder "Experimentelle Biere". Hier nun die Sieger der populärsten Varianten des Gerstensaftes.

Bild: dpa

Es gibt ein Alkoholproblem. Der Stoff, wissenschaftlich Ethanol genannt, sorgt nicht nur für den ab und an erwünschten Rausch. Er hat eine zweite wichtige Aufgabe: als Geschmacksverstärker. Diese Funktion bringt Bierbrauer in die Bredouille, sobald sie sich daranmachen, alkoholfreie Varianten ihres Produkts herzustellen. Was dem Bier ohne Alkohol fehlt, ist nicht einfach mit einem Kniff aus der chemischen Trickkiste zu ersetzen – schließlich verbietet das Reinheitsgebot den Bierbrauern, mit Zusatzstoffen nachzuhelfen.

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Verfahren zur Herstellung von alkoholfreiem Bier

  • Gestoppte Gärung

    Alkoholfreies Bier ist nicht alkoholfrei. Je nach Herstellungsverfahren liegt der Alkoholanteil zwischen 0,02 und den maximal erlaubten 0,5 Volumenprozent. Die ursprüngliche Methode, um unterhalb dieses Grenzwertes zu bleiben, ist das Abbrechen des Gärprozesses – mittels Kälteschock. Dann vergärt die Hefe nur so wenig Zucker, dass sich keine nennenswerten Mengen Alkohol bilden können.

  • Vakuumverdampfung

    Hier fließt normales Bier durch einen senkrecht stehenden beheizten Zylinder, in dessen Innerem Unterdruck herrscht. So wird der Siedepunkt des Alkohols massiv gesenkt; er verdampft bereits bei einer Temperatur zwischen 35 und 45 Grad Celsius. Das schont die Aromastoffe im Bier. Das entalkoholisierte Getränk fließt in einen separaten Behälter ab.

  • Vakuumrektifikation

    Alkohol und Bier werden in mehreren Schritten getrennt. Bei Unterdruck fließt alkoholhaltiges Bier von unten in die Anlage, wird erwärmt und verdampft. Oben erhöht sich die Konzentration des Alkohols von Boden zu Boden – unten kann der Alkoholgehalt auf bis zu 0,05 Volumenprozent gesenkt werden. Der Vorteil: Aroma kann entzogen und am Ende wieder zugeführt werden.

  • Umkehrosmose

    Eine Membran trennt zwei Gefäße. In dem einen ist Wasser enthalten, im anderen das alkoholhaltige Bier. Eine Pumpe drückt das Bier im Gefäß nach unten. Die Membran lässt dann den Alkohol durch, der nach und nach ins benachbarte Wasser abwandert. Nachteil: Nicht nur der Alkohol, auch viel des im Bier enthaltenen Wassers und andere Inhaltsstoffe wandern hinüber.

  • Dialyseverfahren

    Diese Methode braucht keinen Druck, sondern nutzt die Wirkung des Konzentrationsunterschieds verschiedener Flüssigkeiten. Durch eine röhrenförmige Hohlfasermembran fließt das alkoholhaltige Bier. Auf der Außenseite fließt in entgegengesetzter Richtung Wasser. Durch das Konzentrationsgefälle drängt der Alkohol durch die Membran – das Wasser nimmt ihn auf.

Wenn der Braumeister an alkoholfreiem Bier herumtüftelt, muss er daher gegen zwei geschmackliche Extreme ankämpfen: Entweder ist das ethanolfreie Bier sehr würzig, es schmeckt fast brotähnlich, oder es ist annähernd so fad wie Leitungswasser. An diesem Problem arbeiten die Hersteller seit den 1970er Jahren. »Sie kannten als Maßstab nur den Geschmack des alkoholhaltigen Biers«, sagt Gerrit Blümelhuber von der Münchner Doemens Akademie, einer Schulungs- und Beratungseinrichtung für Getränketechnik. Deshalb sei es immer das Ziel gewesen, das alkoholfreie Bier geschmacklich so nah wie möglich an das normale Bier heranzubringen.

Kein Königsweg beim Brauen von Alkoholfreiem

Doch wie braut man ein gutes Bier, wenn der wichtigste Geschmacksträger fehlt? Zumindest in der Theorie ist das Herstellen von alkoholfreiem Bier nicht schwieriger als das von normalem, denn der Brauprozess aus Maischen, Läutern, Hopfen- und schließlich Hefezugabe bleibt weitgehend gleich. Doch in der Praxis verlangt es Fingerspitzengefühl, um für die jeweilige Biersorte die richtige Kombination aus Zutaten und einem der unterschiedlichen Herstellverfahren zu finden. Einen Königsweg gibt es nicht.

Platz 12

Die in Deutschland ansässigen Brauereien und Bierlager setzten 2012 insgesamt rund 96,5 Millionen Hektoliter Bier ab, wie das Statistisches Bundesamt mitteilte. Das waren 1,8 Prozent beziehungsweise 1,8 Millionen Hektoliter weniger, als noch ein Jahr zuvor.

Schlusslicht im Bundesländer-Ranking ist Mecklenburg-Vorpommern. Hier wurden 2012 2,5 Millionen Hektoliter Bier abgesetzt. Mecklenburg-Vorpommern ist damit gleich ein doppelter Verlierer, denn im Vergleich zum Vorjahr ging der Absatz um 9,1 Prozent zurück - so stark wie sonst nirgends.

Anmerkung: Alkoholfreie Biere, Malztrunk sowie das aus Ländern außerhalb der Europäischen Union eingeführte Bier sind in der Statistik nicht enthalten. Alle Angaben zum regionalen Absatz von Bier richten sich nach dem Sitz der Steuerlager (Brauereien und Bierlager) und lassen keinen Rückschluss auf den regionalen Bierkonsum zu.

Bild: dpa

In den Anfängen beschränkte man sich darauf, die biologischen Prozesse zu steuern: Die Gärung wurde einfach frühzeitig gestoppt. In den 1980er Jahren kamen Verfahren hinzu, die den Alkohol nachträglich entziehen. »Eine uralte Verfahrenstechnik, die eigentlich aus der Destillation von Schnäpsen kommt«, beschreibt Blümelhuber die Verdampfungstechniken unter Vakuum, mit denen dem Gebräu der Geist entzogen wird. Seit den 1990ern gibt es zusätzlich auch Membrantrennverfahren, die sich aber am Markt noch nicht vollständig durchsetzen konnten. »Es wird aber weiter daran getüftelt, und die Ergebnisse sind durchaus vielversprechend«, fügt der Bierexperte hinzu.

Mittlerweile hätten viele Brauereien begriffen, dass alkoholfreies Bier gar nicht so schmecken müsse wie das mit Alkohol, sagt Blümelhuber. Sie haben gelernt, alkoholfreies Bier als eigene Gattung zu definieren – genauso tun es viele Biertrinker, die nicht zwingend ein »fast richtiges« Bier erwarten. Auch konsumiert wird das Getränk häufig bei anderen Gelegenheiten. »Alkoholfreies Pilsener wird auch von anderen Kunden als dem klassischen Biertrinker getrunken«, erklärt Blümelhuber. In den letzten Jahren hat sich alkoholfreies Bier eine eigene, neue Zielgruppe erschlossen. Darunter sind viele, die sonst gar kein Bier trinken.

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