Der Einfluss der Krise: Warum uns schlechte Nachrichten krank machen

Der Einfluss der Krise: Warum uns schlechte Nachrichten krank machen

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Schlechte Nachrichten können uns Stress bereiten.

von Lin Freitag

Wer häufig unter Stress leidet, der schaut vielleicht zu viel "Tagesschau". Denn eine aktuelle US-Studie legt nahe: Schlechte Nachrichten verursachen auf Dauer körperlichen Stress.

Ob die Anschläge auf das World Trade Center, den Boston Marathon oder Oklahoma City – solche Ereignisse können bei Menschen starken Stress verursachen, vor allem bei Nachrichtenjunkies.

Für eine Studie des amerikanischen Radiosenders NPR in Zusammenarbeit mit der Robert Wood Johnson Stiftung und der Harvard School of Public Health wurden 2500 Amerikaner befragt. Ein Viertel der Teilnehmer gab an, im letzten Monat gestresst gewesen zu sein. Als größte Ursache dafür nannten sie den Konsum von Nachrichten. Ob im Netz, in der Zeitung im Fernsehen oder Radio: Schlechte Meldungen können demnach krank machen.

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Für die Psychologin Mary McNaughton-Cassill von der Universität Texas in San Antonio ist das Ergebnis keine Überraschung. Sie beschäftigt sich seit der Explosion in Oklahoma City mit der Wirkung von Nachrichten auf unser Stressempfinden.

Bei dem Anschlag im April 1995 detonierte vor einem neunstöckigen Behördenhochhaus eine 2160 Kilogramm schwere Autobombe. 168 Menschen starben bei der Explosion, darunter auch 19 Kinder - im ersten Stock des Gebäudes befand sich ein Kindergarten.

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress

  • Gene

    Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.

    (Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)

  • Mutter

    Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.

  • Kindliche Erfahrungen

    Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.

  • Persönlichkeit

    Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.

  • Charakter

    Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.

  • Selbstbestimmung

    Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.

  • Wertschätzung

    Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.

  • Status

    Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.

  • Glaube

    Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

McNaughton-Cassill befand sich zu diesem Zeitpunkt zwar hunderte Kilometer von Oklahoma entfernt, trotzdem spürte sie Anzeichen von Stress. Die Information über den Kindergarten im ersten Stock des Hauses ließ sie an ihre eigenen kleinen Kinder denken, die sich zu diesem Zeitpunkt auch in einer Krippe befanden. Die Nachricht vom Bombenanschlag traf sie somit besonders emotional und verängstigte sie.

Daher begann sie auf diesem Gebiet zu forschen. Gemeinsam mit Kollegen konnte sie in zahlreichen Studien belegen, dass bestimmte Nachrichten uns emotional so sehr berühren, dass wir dadurch unter Stress geraten. Den größten Effekt zeigten dabei traumatische Ereignisse, die von den Medien besonders sensationslüstern aufbereitet wurden.

Dem zu entgehen sei schwer, meint die Psychologin. Die vielen verschiedenen Kanäle, die bei der Nachrichtenverbreitung um unsere Aufmerksamkeit kämpfen, konkurrieren so stark miteinander, dass Informationen immer spektakulärer übermittelt werden.

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Auch andere Studien beschäftigen sich mit dem Thema: Nach dem Anschlag auf den Boston Marathon fragte eine Gruppe von Wissenschaftler 4500 Amerikaner nach ihrer Reaktion auf das Unglück. Das überraschende Ergebnis: Wer sich nach dem Anschlag sechs Stunden oder länger der Berichterstattung aussetzte, wies mehr akute Stresssymptome auf - sogar mehr als diejenigen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion am Ort des Geschehen aufhielten.

Doch die Lage sei nicht hoffnungslos, meint McNaughton-Cassill. Es gebe Mittel und Wege, dem durch schlechte Nachrichten ausgelöstem Stress zu entgehen. Etwa indem die Nachrichtensender eine Warnung aussprechen, bevor sie besonders verstörende Bilder zeigen. Außerdem sollten die Menschen nach Ereignissen wie dem 11. September nicht permanent vor dem Bildschirm hocken - wie so oft sei das richtige Maß entscheidend.

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