Deutsches Forschungsschiff in Japan: Die „Sonne“ auf den Spuren des Megabebens

Deutsches Forschungsschiff in Japan: Die „Sonne“ auf den Spuren des Megabebens

, aktualisiert 04. Oktober 2016, 11:08 Uhr
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Im Hafen von Yokohama wartet das deutsche Forschungsschiff auf seinen Einsatz. (Foto: M. Kölling)

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Japan will mit deutscher Hilfe das verheerende Fukushima-Beben von 2011 so genau wie möglich erforschen: Das Forschungsschiff „Sonne“ geht vor Ort mit modernster Technik auf Spurensuche. Ein Besuch im Hafen von Yokohama.

YokohamaDer Hafen von Yokohama hatte jüngst eine deutsche Attraktion. Das Forschungsschiff „Sonne“ dümpelte am besten Platz im Hafen der japanischen Millionenmetropole, dem Osanbashi-Pier, vor sich das japanische Segelschulschiff „Kaiwo Maru“, im Hintergrund ein Kreuzfahrtschiff. „Während wir in unserer Lounge saßen, wurden wir die ganze Zeit von Japanern fotografiert“, erzählt Martin Kölling, Wissenschaftler am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (Marum) an der Universität Bremen und trotz Namensgleichheit nicht mit dem Autor dieses Textes verwandt.

Wahrscheinlich haben die Hafenbehörden dem Schiff aus Deutschland den edlen Liegeplatz mit Absicht zugewiesen. Ein Grund mag die Optik der Sonne sein: Wann kommt schon mal ein ausgewachsenes Hochsee-Forschungsschiff vorbei? Und dann auch noch eines der neuesten Generation, dem man zudem an kleinen Details anmerkt, dass es von Deutschlands Kreuzfahrtspezialisten gebaut wurde, der Meyer-Werft in Papenburg.

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Die alte „Sonne“, die 2012 Yokohama besuchte, war ein umgebauter Fischtrawler aus den 1960er Jahren. Die 2014 in Dienst genommene Nachfolgerin ist mit 118 Metern Länge und 20,60 Breite nicht nur deutlich größer und mit ihrem schwarzen Rumpf, den weißen Aufbauten und den roten Kränen fotogener. Sie ist auch viel komfortabler.

Normalerweise sei die Kombüse im Bug unter der Wasserlinie untergebracht, witzelt ein Crewmitglied. Nun liegen Restaurant und Lounge im Vorschiff in gehobener Lage, rote Drehsessel und Panaromafenster inklusive.

Die „Sonne“ auf innovativer Mission

Der zweite Grund für die Vorzugsbehandlung dürfte die große Bedeutung der Forschungsreise gerade für Japans Erdbebenforscher sein. „Wir sind hier recht innovativ unterwegs“, erklärt Fahrtleiter Michael Strasser, externer Mitarbeiter am Marum und Professor an der Universität Innsbruck. Immerhin hilft das Team des Marum den Japanern bereits seit 2012, Mechanismen von Erdbeben besser zu verstehen und eine weltweit einmalige Erdbebengeschichte zu schreiben.

Nirgendwo sonst auf der Welt können Forscher so kurz nach einem geologischen Ereignis von Weltrang die Auswirkungen am Meeresboden so genau erforschen wie in Japan. Am 11. März 2011 wütete ein Mega-Erdbeben der Stärke 9 in einer Region, die von den Japanern in den Jahrzehnten zuvor sehr gut kartographiert worden war.

Was die Wissenschaftler heute untersuchen, war seinerzeit eine Tragödie für die Menschen. In einer Sekunde sprang der Seeboden im Japan-Graben, wo sich die pazifische Platte unter die Ochotsk-Platte schiebt, 50 Meter weit nach Osten. Dies verursachte einen Riesentsunami, der an Japans Nordostküste fast 19.000 Menschen tötete und das Atomkraftwerk Fukushima 1 zerstörte.

Dank der „Sonne“ können die Wissenschaftler nun schon zum zweiten Mal die Spuren des Bebens am Meeresgrund untersuchen. Deutschland hatte damals nach der Katastrophe spontan seine Hilfe angeboten. Und die Japaner nahmen sie dankend an. 


Hoffnung auf ein Erdbeben-Archiv

Die erste Reise fand 2012 statt. Wie diese Expedition war sie in zwei Abschnitte unterteilt. So wurden damals in der Region des Megabebens in mehr als 7000 Metern Tiefe Sedimentproben genommen. Durch exakte Untersuchung von Parametern wie der Zusammensetzung des Sediments, Erbmasse von Seetieren sowie Porenwasser in den Proben konnten die Forscher die Geschichte der großen Erdbeben in diesem Abschnitt immerhin über zwei Jahrtausende zurückverfolgen.

In der neuen Reise wollen die Forscher erstens versuchen, ob sie auch die Stärke der Beben mit ihren Methoden einschätzen können. Außerdem sollen auch Proben im Norden und Süden in benachbarten Plattenabschnitten genommen werden, um auch die Erdbebengeschichte in diesen Regionen nachzeichnen zu können.

„Schön wäre, wenn wir sagen könnten, wann genau wie große Erdbeben stattgefunden haben“, sagt Strasser. Und er hat noch einen größeren Traum: dass die Japaner später durch Tiefseebohrungen Proben ziehen, mit denen die Forscher dann über mehrere hunderttausend Jahre in die geologische Vergangenheit zurückblicken könnten. Dies wäre wichtig für die Erdbebenvorhersage. Denn so könnte die Forschung erkennen, ob die Erdbeben in der Region regelmäßig wiederkehren oder eher zufällig auftreten.

Der zweite Teil der Reise wird Mitte Oktober unter Achim Kopf vom Marum beginnen und die „Sonne“ in die Nankai-Senke führen. Die Region ist ein weiteres mögliches Epizentrum für ein Megabeben, das nach einem Worst-Case-Szenario der japanischen Regierung mehr als 300.000 Todesopfer fordern könnte.

Dort wurden 2012 unter anderem Sensoren an Schlammvulkanen in den Meeresboden gesteckt, die jetzt wieder mit einem ferngesteuerten Mini-U-Boot geborgen werden sollen. Die Forscher hoffen, damit eine Methode der Erdbebenvorhersage aufspüren zu können. Denn die Schlammvulkane sollen direkt mit der Plattengrenze verbunden sein und können daher durch ihre Aktivität vielleicht Rückschlüsse an die Vorgänge im möglichen Epizentrum erlauben. 


Der Traum von präziser Beben-Vorhersage

Anfang April kam es in der Region zu einem Beben der Stärke 6,5. An Land gab es keine Schäden. Aber die Forscher können nun hoffen, dass die Sensoren Vorboten des doch recht starken Bebens aufgezeichnet haben. Und wer weiß, vielleicht helfen die Ergebnisse dabei, das bisher Unmögliche möglich zu machen: Die Menschen schon wenige Tage oder Stunden vor einem kommenden Beben zu warnen.

Wie hoch die Japaner wiederum die Reise bewerten, zeigt sich in einer besonderen Amtshilfe für das international besetzte Marum-Team. Die Expedition gehörte eigentlich zu den vielen Opfern der spektakulären Pleite von Südkoreas größter Reederei Hanjin. Das Mini-U-Boot des Marum-Teams liegt irgendwo auf einem Hanjin-Schiff vor Gibraltar fest. Als Ersatz wurde eine kleinere Variante der Universität Kiel eingeflogen.

Doch auch der Container mit der restlichen Ausrüstung, darunter dem wichtigen Kolbenlot zur Entnahme der Sedimentproben, dümpelt auf einem Containerschiff herum, irgendwo vor Malaysia. Doch Japans Jamstec (Japan Agency for Marine-Earth Science and Technology), die einen Teil des Forscherteams stellt, organisierte kurzfristig Ersatz.

„Es ist großartig, dass sie uns zwei bis drei Wochen so geholfen haben“, freut sich Martin Kölling, der sich auf die Untersuchung von Porengewässern im Sediment spezialisiert hat. Denn nun kann diese Expedition in die Tiefen der Meere beginnen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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