Diagnose im Internet: Klick dich gesund

Diagnose im Internet: Klick dich gesund

, aktualisiert 04. Juni 2017, 10:09 Uhr
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Jeder zweite hat schon mal seine Krankheitssymptome gegoogelt.

von Maike FreundQuelle:Handelsblatt Online

Jeder zweite Deutsche hat schon mal im Internet nach Krankheitssymptomen gesucht. Denn während der Arzt oft wenig Zeit hat, ist Doktor Google immer verfügbar. Doch was empfiehlt das Netz? Ein Selbstversuch.

DüsseldorfZwei Uhr nachts. Ich liege im Bett – hellwach. Wieder einmal. Das geht schon seit Wochen so. Nacht für Nacht wache ich frühmorgens auf und habe Mühe, wieder einzuschlafen. Auch diese Nacht wieder. „Vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen“, denke ich. Weil ich ja sowieso nicht schlafen kann, greife ich erst mal zum Handy und gebe „Schlafstörung“ bei Google ein.
334.000 Ergebnisse spuckt mir die Suchmaschine aus. Von Informationen über Tipps und Test und Ratgebern zum besseren Schlafen finde ich alles, was ich finden will. Also beginne ich zu lesen.

So wie ich erst einmal das Netz befrage, nutzen immer mehr Deutsche das Web, um sich über ihre Beschwerden zu informieren. Jeder Zweite hat laut einer Studie von 2016 des Branchenverbands Bitkom schon mal ein Krankheitssymptom gegoogelt. Eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold im Auftrag des Naturmedizin-Herstellers Pascoe zeigt, dass das Googeln für viele Patienten bei Krankheiten viel mehr ist als bloße Informationsrecherche. Die Suche im Netz wird eher zu einer modernen Pilgerreise, bei der man letztendlich auf der Suche nach sich selbst ist.

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Das liegt auch an der veränderten Bedeutung des Smartphones. „Das Handy ist so etwas wie ein Körperteil geworden“, sagt Birgit Langebartels, Leiterin der Studie. „Wie ein verlängerter Arm.“ Den würden viele nutzen, um sich sicher durch den Tag zu navigieren. Der Alltag würde in vielerlei Hinsicht als mühsam erlebt und oft genug würden wir an unsere Grenzen stoßen. Doch digitale Mobilität erlaube die Illusion von Machbarkeit, Kontrolle und Allwissen – erst Recht, wenn man sich krank fühle.

Die erste Quelle für Informationen ist dann Google. „Über die Weite im WWW kommen die Menschen paradoxerweise wieder näher zu sich. Sie beschäftigen sich mit ihren Befindlichkeiten, horchen in sich hinein und gleichen es ab mit den Beschreibungen im Netz. Dieses ist dann geduldiger als mancher Arzt“, sagt die Studienleiterin.

„Google ist der neue Gott“, sagt Langebartels. „Denn Google hat immer eine Antwort und bietet in der virtuellen Welt für die Patienten eine Erlösung.“ Egal was der Betroffene suche, er finde immer Widerhall. Der Betroffene fühle sich gesehen, wahrgenommen und gestärkt – anders als in mancher Praxis. Viele der Befragten würden Verständnis, Zuspruch und ausreichend Zeit beim Arztbesuch fehlen.


Ich finde jede Horrormeldung

Natürlich finde ich alle Horrormeldungen, die ich mir vorstellen kann und die mich erst Recht nicht mehr einschlafen lassen. Depressionen, Angststörungen und Demenz können Schlafprobleme auslösen, genauso wie Multiple Sklerose, Hirntumore und Herzinfarkte. Aber auch Alkoholismus, Schnarchen und Schichtarbeit können Ursachen sein. Soweit, so schlecht. Ich glaube nicht, dass ich etwas davon habe. Aber ich google weiter, ändere den Suchbegriff und gebe: „Ich kann nicht schlafen“ in das Suchfeld ein. Ergebnis: 1,8 Millionen Treffer.

Dass sich Menschen im Netz mit möglichen Symptomen und möglichen Krankheiten beschäftigen, habe Vor- und Nachteile, sagt Professor Martin Härter, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Zu den Vorteilen zählen für den Direktor des Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf das „Selbstmanagement des Einzelnen, dass sich Menschen informieren und sich um sich selbst bemühen.“ Mittlerweise gebe es sogar Checklisten und Fragebögen, vor allem im psychologischen Bereich, die Diagnosen möglich machen, wie auf der Seite von psychenet.de. Er sagt: „Dem Patienten ist durchaus zuzutrauen, sich mit Behandlungsmöglichkeiten über Online-Angebote auseinanderzusetzen.“

Doch die Selbstdiagnose im Netz habe auch Nachteile: Vor allem, dass für den Nutzer nicht regelhaft ersichtlich sei, welche Seiten und Angebote seriös sind. „Das kann dazu beitragen, dass sich Ängste und Unsicherheiten verschlimmern.“ Zurzeit wird aber im Auftrag des Gesundheitsministeriums daran gearbeitet, seriöse Seiten zu bündeln und für Nutzer besser zugänglich zu machen. Bis dahin empfiehlt er, bei der Recherche im Netz immer die Quelle und die Basis der Information zu checken. Außerdem solle man auf die Aktualität achten. Informationen, die älter als zwei Jahre als seien, sollte man kritisch betrachten.

Die Rheingold-Studie hat ergeben: Zwar gebe es auch immer diejenigen, die sich in der Suche und in möglichen Krankheiten im Netz verlören. Doch die meisten seinen nicht auf der Suche nach schnellen Lösungen, sondern nach Zuspruch und Ratgebern. Sie würden ihre Informationen im nächsten Schritt in der „realen Welt“ mit Freunden, der Familie, einem Apotheker oder Arzt gegenchecken.

Das empfehlen auch mir erstaunlich viele Seiten. Häufig lese ich: „Ihr erster Ansprechpartner ist Ihr Hausarzt.“ Auch in Foren, die ich durchforste, schreiben Nutzer: Sprich mit deinem Arzt. Und: Nimm nicht einfach Medikamente. Ansonsten gibt es aber auch jeden Menge krude Tipps: Iss Kohlenhydrate vor dem Schlafengehen, das macht müde. Oder: Mach einen Mittagsschlaf. (Wie denn, im Büro?)

Aber ich lerne auch, zum Beispiel auf der Seite des Robert-Koch-Instituts (RKI): Ein Viertel aller Deutschen haben laut einer Untersuchung von 2013 Schlafstörung, rund elf Prozent erleben ihren Schlaf als „häufig nicht erholsam“. Aha, denke ich, ich bin also nicht allein. Und da setzt offenbar das ein, was die Studie belegt: Zuspruch (siehe oben).

Meine Ärztin sagt, ich sei gestresst. Und empfiehlt mir mehr Ausgleich. Ein guter Rat. Doch einer, den mir die User im Netz und auch die Ratgeberseiten schon längst gegeben haben. Und einer, der mich nicht richtig weiterbringt. Die Ärztin sagt: Beobachten Sie sich. Wenn es nicht besser wird, kommen Sie wieder. Damit wir körperliche Ursachen ausschließen können. Immerhin.

Mich machen die Tipps und Tricks noch unruhiger. Und beschließe, lieber etwas zu lesen, was mir Spaß mach und mich ablenkt. Klar, auch dazu finde ich etwas im Netz: Da steht: „Sehen Sie die Schlaflosigkeit als Chance.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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