Die Bahn rüstet um: So sollen Güterzüge leiser werden

Die Bahn rüstet um: So sollen Güterzüge leiser werden

, aktualisiert 27. Dezember 2016, 10:20 Uhr
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1200 Güterwagen haben in den vergangenen drei Jahren in Seddin neue Bremsen bekommen.

Quelle:Handelsblatt Online

Lärm macht krank – das wissen Anwohner von Bahnstrecken oft aus leidvoller Erfahrung. Tausende Güterwagen bekommen deshalb neue Bremsen. Für die Bahn drängt die Zeit, denn der Bund setzt ihr die Pistole auf die Brust.

SeddinAxel Radowsky muss schon recht tief in die Knie gehen, um die zwei Buchstaben zu zeigen. Zwei große gelbe L in einem Kreis, aufgesprüht auf das rot-braune Fahrgestell eines Güterwagens. An dem Kürzel erkennen lärmgeplagte Bahn-Anwohner, ob der Wagen die neue lärmmindernde Bremstechnik hat. Dass die Menschen das auch hören können, dafür sind Fertigungssteuerer Radowsky und seine Kollegen im Bahnwerk Seddin zuständig.

LL, das steht für Low noise und Low friction, wenig Lärm durch wenig Reibung. Gemeint sind die Bremsen. 1200 Güterwagen haben in den vergangenen drei Jahren in Seddin neue Bremsen bekommen.

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Bundesweit fährt inzwischen die Hälfte der Güterwagen der Deutschen Bahn mit sogenannten Flüsterbremsen – nach „einer internen Kraftanstrengung“, wie DB Cargo-Chef Jürgen Wilder sagt. „Bis Ende 2020 wird unsere gesamte Flotte in Deutschland von rund 64 000 Wagen leise fahren.“

Im Bahnwerk Seddin südlich von Berlin steigt Fertigungsleiter Mario Krüger unter einen Wagen. Zwei Hammerschläge an der Bremse, dann springt ein Keil raus, und die Bremssohle lässt sich herausnehmen – ein ziegelsteingroßes, gebogenes Stück Eisen, das zum Bremsen gegen das Rad gedrückt wird. Neue Bremssohle rein, Hammerschläge auf den Keil, fertig. „16 Sohlen pro Wagen tauschen wir so aus“, sagt Krüger.

Die neuen Bremsklötze sind nicht aus Eisen, sondern aus einem Verbundkunststoff. „Flüsterbremse“, diesen Werbebegriff hat sich die Bahn-Branche dafür ausgedacht, doch er führt in die Irre. „Es geht nicht um das Bremsen. Das wird immer Geräusche machen“, erklärt Radowsky.

Aber die Kunststoffbremse raut die Radoberfläche weniger auf als die herkömmlichen Eisenstücke. Und das senkt den Lärm – auch wenn das Wort „Flüstern“ übertrieben ist. Die Technik soll die Lautstärke um etwa 10 Dezibel auf rund 75 Dezibel senken – was als Halbierung wahrgenommen wird.

Wenn in 25 Metern Entfernung ein Güterzug vorbeirattert, ist es dann noch in etwa so laut wie in einem Café. Das ist eine Entlastung für Anwohner an stark befahrenen Güterstrecken wie etwa im Mittelrheintal, aber auch an Innenstadt-Routen wie in Berlin-Pankow.


Schienenlärm bis 2020 halbieren

Die Bahn kostet diese Umrüstung viel Geld. Allein für die aufwendigere Wartung der Kunststoffbremsen rechnet sie bis 2020 mit Mehrkosten von bis zu 230 Millionen Euro. Warum macht die Bahn das? Vorstand Ronald Pofalla spricht von Verantwortung für die Anwohner, sagt aber auch: „Wir brauchen eine höhere Akzeptanz für unsere Transporte und für den Ausbau der Strecken.“

Zudem hat der Bund der Branche und damit auch seinem Staatskonzern die Pistole auf die Brust gesetzt. Immerhin gehört ihm jeder dritte Güterwagen auf deutschen Gleisen. Die Regierung will den Schienenlärm bis 2020 gegenüber 2008 halbieren. Sie fördert deshalb die Umrüstung, hat kurz vor Weihnachten aber auch beschlossen, laute Güterwagen Ende 2020 zu verbieten.

Denn Lärm macht krank. „Für Menschen, die nachts permanent hohen Schalleinwirkungen ausgesetzt werden, sind die Risiken gesundheitlicher Beeinträchtigungen signifikant erhöht“, heißt es im Gesetzentwurf. Züge ohne die neue Technik müssen demnach langsamer fahren, um leiser zu sein.

Durch diese Ausnahme könnte aber die Kapazität der Schiene sinken, weil langsamere Güterzüge das Netz verstopfen, fürchten Kritiker. Die Bahn und die übrigen Güterwagenhalter in Deutschland wollen das Gesetz deshalb an dieser Stelle verschärft sehen. „Unser Ziel muss ein flächendeckender Einsatz leiser Wagen sein“, heißt es beim Verband der Güterwagenhalter in Deutschland. Er fordert höhere Trassengebühren für laute Züge.

In den Bahnwerken und auf Rangierbahnhöfen geht unterdessen die Umrüstung weiter. „Wir bekommen den leisesten Schienengüterverkehr in Europa – neben der Schweiz“, verspricht die Bahn. Fertigungssteuerer Radowsky hat zwei weitere Bremssohlen in die Hände genommen. Es gibt noch viel zu tun.

Quelle:  Handelsblatt Online
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