Die Schlaf-Revolution: Dann schlaft mal schön!

Die Schlaf-Revolution: Dann schlaft mal schön!

, aktualisiert 17. November 2016, 13:47 Uhr
von Thorsten GierschQuelle:Handelsblatt Online

Spätestens mit „Thrive“ hat Arianna Huffington auch als Buchautorin auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt hat die Gründerin der Huffington Post einen Ratgeber zum Thema Schlaf geschrieben – mit erschreckenden Erkenntnissen.

DüsseldorfBill Clinton weiß inzwischen, wie man Fehler eingesteht: „Jeden wichtigen Fehler, den ich in meinem Leben gemacht habe, habe ich gemacht, weil ich müde war“, sagte der ehemalige US-Präsident 2001 in einem Interview und meinte damit auch Fehler innerhalb seiner Amtszeit.

Schlaf ist etwas für Schwache. Vier, fünf Stunden pro Nacht - das muss reichen. Wer etwas erreichen will auf der Karriereleiter, der sollte sich angewöhnen, Nächte durchzuarbeiten und auch mit wenig Schlaf klarzukommen. Fraglos: Es gibt dieses Klischee und es wird von Millionen Managern gelebt - teilweise, weil es vermeintlich nicht anders geht, oft aber auch auch, um einem Mainstream-Image gerecht zu werden.

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Arianna Huffington zeigt, wie falsch es ist, regelmäßig weniger als sieben Stunden pro Nacht zu schlafen. Es ist erstaunlich, wie viele wissenschaftliche Studien es zum Thema Schlaf inzwischen gibt - die Forschung hat hier in den vergangenen Jahren gewaltige Sprünge gemacht. Und beinahe noch erstaunlicher ist, dass die Autorin die meisten dieser Studien kennt

Die Gründerin der Huffington Post hat mit „Die Schlaf-Revolution“ eine wahre Fleißarbeit hingelegt. Der Nachteil für den durchschnittlichen Leser: Es geht über 400 Seiten lang - und nicht alle sind gleichermaßen spannend.

Das Paradoxe ist ja: „Auch wenn wir heute mehr über den Schlaf wissen glauben als zu jeder anderen Zeit in der Geschichte, gelingt es uns immer weniger, tatsächlich genug Schlaf zu finden.“ 40 Prozent der Amerikaner bekämen weniger als das empfehlende Minimum von sieben Stunden Schlaf pro Nacht, so die Autorin und nennt das eine „Volkskrankheit“. Ein Drittel der Deutschen und über 65 Prozent der Japaner geben an, nicht genug Schlaf zu bekommen. Der durch den Schlafmangel entstehende Produktivitätsverlust beträgt allein in den USA 63 Milliarden Dollar pro Jahr.

Viele sehen im Schlaf eine nutzlose Zeit, aber für unseren Körper und vor allem unser Gehirn sind diese Stunden der Ruhe extrem wichtig. Die Gründe für den Schlafmangel sind vielfältig - und man muss der Autorin zugute halten, dass sie sauber differenziert zwischen biologischen Ursache, die eher als Krankheit anzusehen sind, und quasi selbstverschuldeten: Elektronische Geräte senden „blaues Licht“ aus, das uns beim Einschlummern hindert. Der Zeitdruck ist gefühlt deutlich angestiegen. Man regt sich auch spätabends noch über Emails oder sonstige Nachrichten auf.


Wie viel Schlaf wir brauchen

Was einen offenen Diskurs erschwere, seien auch milliardenschwere Interesse der Pharma-Industrie und Nahrungsmittelherstellern, so die Autoren. Das Geschäft rund um Schlafmittel auf der einen und Aufputschmittel auf der anderen Seite läuft schließlich glänzend. Laut einer Umfrage geben 29 Prozent der Frauen an, mindestens zweimal pro Woche Schlaftabletten zu nehmen. Schlafstörungen gelten als Lifestyle-Problem, dem man mit Tabletten beikommen kann. Laut Medizinern werde es ähnlich kleingeredet wie vor 20 Jahren der Zigarettenkonsum.

Legal, rezeptpflichtig oder illegal: Millionen Menschen befänden sich in einem Teufelskreis. Weil man Nachmittags müde wird, trinkt man Kaffee oder besorgt sich chemische Hilfe. Dadurch wird der Körper aber so aufgekratzt, dass man schlechter einschläft. Huffington widmet dem Thema mehrere Seiten und beschreibt in einer Art biochemischem Aufsatz auch die Spätfolgen der Tabletteneinnahme.

Huffington gibt auch Ratschläge, wie jeder sofort etwas verbessern kann: Handy rechtzeitig vor dem Einschlafen weglegen, am besten auch kein Fernsehen gucken, sondern lesen. Das Schlafzimmer sollte dunkel und still sein, sprich „zum Einschlafen einladen“. Koffein- und Zuckerkonsum seien tagsüber möglichst gering zu halten, Sport helfe wahre Wunder.

Umfangreiche Mahlzeiten sollte man zwei bis drei Stunden vor dem Einschlafen zu sich nehmen und den Schlummertrunk gern weglassen: Alkohol bewirke zwar mitunter einen festeren Schlaf in der ersten Schlafphasen, aber mehr Störungen in der zweiten. Eher für Fortgeschrittene sind dann ihre Tipps zum Meditieren und die Atemübungen gedacht.

Natürlich sind längst nicht nur Manager von Schlafmangel betroffen. Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat dieser noch deutlich fatalere Auswirkungen. Huffington sieht zwei Probleme. Zum einen beginnt die Schule zu früh: „Von einem Teenager zu verlangen, dass er um 7 Uhr morgens aufsteht, ist so, als würde man von mir verlangen, dass ich um 4 Uhr aufstehe.“ Das Thema wird seit Jahres diskutiert. Verschärft wird dies durch Smartphones: Ihr „blaues Licht“ lässt alle Menschen schlechter einschlafen, aber Kinder und Jugendliche besonders. Studien ergeben eindeutig, dass zu wenig Schlaf zu Lernproblemen führt.

Schließlich brauchen Schulkinder laut Medizinern neun bis elf Stunden Schlaf, Teenager acht bis zehn und Erwachsene sieben bis neun Stunden. Und wer mal nicht genug schlummern kann, für den gibt es einen Geheimtipp: Und zwar nicht Kaffee oder Red Bull, sondern das Nickerchen. Der kurze Power Nap zum Beispiel nach dem Mittagessen verbessert signifikant die Gehirnfunktionen.

Wer nachts nicht gut schlafen kann, sollte seinen Blick laut Huffington stärker auf den Tag lenken: Denn vermutlich liegt eher an einer permanenten Überreizung vor dem Zubettgehen. Die gebürtige Griechin hat bei sich selbst festgestellt: „Als ich anfing, einen oder acht Stunden zu schlafen, traf ich weisere Entscheidungen.“ Da würde auch Bill Clinton zustimmen.

Bibliografie:
Arianna Huffington
Die Schlaf-Revolution
Plassen Verlag, Kulmbach 2016

407 Seiten, 19,99 Euro

Quelle:  Handelsblatt Online
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