Digitalisierung des Gesundheitswesens: Smart Health auf dem Vormarsch – doch wie sind die Regeln?

Digitalisierung des Gesundheitswesens: Smart Health auf dem Vormarsch – doch wie sind die Regeln?

, aktualisiert 15. September 2016, 13:09 Uhr
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Die Studie zeigt, dass der flächendeckende Einsatz von Gesundheits-Apps schon heute möglich wäre.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Eine neue Studie belegt: An der Digitalisierung des Gesundheitswesens führt kein Weg vorbei. Gleichzeitig legen die Verbraucher aber nur ungern persönliche Daten offen. Wissenschaftler fordern strenge Regeln für Apps.

BerlinFür den Vorstandschef der Techniker Krankenkasse (TK) ist die Sache klar. „Wir stehen schon längst nicht mehr vor der Frage, ob die Digitalisierung des Gesundheitswesens kommt, wir können nur noch entscheiden, wie wir sie umsetzen.“ Und Jens Baas ist entschlossen, die Antwort auf diese Frage nicht großen Konzernen wie Google oder Apple zu überlassen. Vielmehr will die TK die neuen Möglichkeiten nutzen, um ihren Patienten eine bessere Betreuung und Therapie zu bieten, vermeidbare Ausgaben für Diagnostik und Behandlung einzusparen und die Marke TK populärer zu machen.

„Mit der Nutzung der digitalen Möglichkeiten stärken wir unser Image als moderne Krankenkasse“, sagt Baas. Das spiegelt sich auch im brandneuen Logo der größten deutschen Kasse. Seit diesem Monat firmiert die vor 125 Jahren als exklusive Einrichtung für Architekten, Ingenieure und Techniker gestartete Kasse als „TK die Techniker“ und signalisiert so schon im Namen, dass sie keine Angst vor den neuen digitalen Möglichkeiten hat.

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Damit sie dabei nicht im luftleeren Raum agiert, hat sie jetzt ihre Versicherten befragt. Das Ergebnis ist durchaus zwiespältig. Einerseits zeigt sich, dass der flächendeckende Einsatz von Gesundheits-Apps schon heute möglich wäre. Selbst in der Altersgruppe zwischen 50 und 70 hat schon jeder zweite ein Smartphone. An fehlender Hardware bei den Patienten müsste die Sache also nicht scheitern.

Was die Verbreitung digitaler Helfer bei der Sammlung und Auswertung von Gesundheitsdaten angeht, klafft allerdings noch eine ziemliche Lücke zwischen Wunsch und Erwartungen. 92 Prozent rechnen fest oder wahrscheinlich damit, dass es in Zukunft allgemein üblich sein wird, sich im Internet über Gesundheitsdaten zu informieren. 86 Prozent glauben, dass es in zehn Jahren üblich sein wird, Gesundheits-Apps zur Erfassung von Krankheitssymptomen oder als Hilfe für die richtige Medikamenteneinnahme einzusetzen. 75 Prozent erwarten, dass Apps in zehn Jahren routinemäßig auch bei der Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden.

Doch nur jeder Dritte wünscht sich für sich persönlich, dass es so kommt. Da wundert es nicht, dass nur jeder fünfte bereit ist, sich in sozialen Netzwerken wie Facebook über Gesundheitsthemen zu informieren. Mehr als jeder Vierte hält gar nichts davon, seiner Krankenkasse persönliche Gesundheitsdaten zur Verfügung zu stellen. Wenn es um die Diagnose schwerer Krankheiten geht, wären 63 Prozent dazu bereit. Überraschenderweise will aber nur jeder Dritte der TK Zugriff auf Gesundheitsdaten geben, damit sie auf deren Basis einen Beitragsbonus für besonders gesundheitsbewusstes Verhalten ausschütten kann. Schlechte Nachrichten für schon laufende und geplante Bonus-Programme der Kasse.

Die Antwort der TK auf diese Skepsis lautet „elektronische Gesundheitsakte“. Nachdem es der Politik seit 2005 nicht gelungen ist, die elektronische Gesundheitskarte, deren wichtigste Anwendung das elektronische Rezept und eine solche Akte gewesen wäre, zum Laufen zu bringen, hat die Kasse nun selbst die Entwicklung einer solchen Akte öffentlich ausgeschrieben. Die Ausschreibefrist lief Ende August aus. Das Projekt kann also schon bald starten.

„Wir als Krankenkasse sind erfahren im Umgang mit sensiblen Daten und somit qualifiziert, dieses Projekt voranzutreiben“, rechtfertigt der TK Chef, dass er damit die Politik sauber umläuft. Er ist sogar der Meinung, der Gesetzgeber sollte alle Krankenkassen verpflichten, ihren Versicherten eine solche Akte anzubieten. „Dabei ist ganz entscheidend, dass der Versicherte entscheidet, welche Daten in die Akte kommen und wer sie zu lesen kriegt. Wir als Kasse wollen keinen Zugriff auf die Daten“, betont Baas.


Hoffen auf den Nachahmungswettbewerb

Ohne veränderte rechtliche Rahmenbedingungen wird es nach Ansicht von Karsten Neumann Gesundheitsökonom beim IGES-Institut auch nach Einführung einer elektronischen Patientenakte nicht möglich sein, Gesundheits-Apps, die dies verdient haben, zu breiter Anwendung zu bringen. „Rechtssichere Zulassungsverfahren gibt es bislang für Arzneimittel und Medizinprodukte. Sie passen gar nicht oder nur teilweise auf Gesundheits-Apps.“

Das Institut plädiert auf der Basis von Expertenbefragungen dafür, bei Anwendungen, bei denen es nur um das Sammeln und Aufbewahren medizinischer Informationen wie die Behandlungsleitlinien der verschiedenen ärztlichen Fachgesellschaften geht, auf eine förmliche Zulassung zu verzichten. „Hier wären allenfalls freiwillige Gütesiegel denkbar, die die Verlässlichkeit der Information bestätigen könnten.“ Auch Apps, mit deren Hilfe persönliche Gesundheitsdaten gespeichert werden, sollten laut IGES-Studie freien Marktzugang haben, da es hier allenfalls Probleme mit dem Datenschutz geben könne. Dafür aber gebe es bereits ausreichende gesetzliche Regelungen.

Anders sieht es aber bei Apps aus, die in Zukunft Ärzte bei der Diagnose und Therapieentscheidung unterstützen sollen oder sogar geeignet sind, dem Patienten ohne Hinzuziehen eines Mediziners Diagnosen zu stellen und Therapien anzuraten. „Hier muss es ein staatliches Zulassungsverfahren geben, bei dem der Hersteller Sicherheit und Zuverlässigkeit seines Produkts nachweist“, so Neumann. Da viele Apps aber stetig weiterentwickelt werden, bräuchte man dafür besondere Formen der Zulassung.

Neumann plädiert dafür, bedingte stufenweise Zulassungsverfahren einzuführen. „So könnte eine App zur Diagnose des Vorhofflimmern des Herzens, das oft mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko einhergeht, unter der Bedingung zugelassen werden, dass es zunächst nur bei Patienten erprobt wird, bei denen die Krankheit bereits diagnostiziert wurde.“ Stelle sich dann heraus, dass die App in einer kritischen Anzahl von Fällen gar kein Vorhofflimmern feststellt, müsse sie wieder vom Markt.

Ein gutes Beispiel ist „Tinnitracks“, eine der ersten digitalen Anwendungen zur Krankheitsbehandlung, die die TK ihren an Tinnitus erkrankten Patienten vorerst nur in Hambug auf Basis eines Vertrages mit dem Hersteller Sonormed und dem Bundesverband der Hals- Nasen-und Ohrenärzte zur Verfügung stellt. Die App soll gegen Tinnitus wirken, indem sie aus der Lieblingsmusik des Patienten bestimmte Frequenzen so herausfiltert, dass mehrfaches Hören die irritierenden Ohrgeräusche mildert oder zumindest in der subjektiven Wahrnehmung zum Verschwinden bringt. „Wir evaluieren den Einsatz der App. Sollte sich herausstellen, dass sie nicht wirkt, werden wir sie aus unserem Katalog für freiwillige Leistungen wieder rausschmeißen“, meint Baas.

Offenbar scheint sich die App aber zu bewähren. Zumindest beabsichtigt die TK ab November auch Versicherten in Bayern, Baden-Württemberg, NRW und Hessen Tinnitracks anzubieten. IGES-Experte Neumann ist sicher, dass nur solche Selektivverträge einzelner Krankenkassen mit Anbietern von Apps und behandelnden Ärzten geeignet sind, die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranzubringen. „Ich setze darauf, dass das Beispiel einzelner Krankenkassen einen Nachahmungswettbewerb in Gang bringen wird.“

Darauf zu vertrauen, dass sich der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen, der über den Regelleistungskatalog der Krankenkassen wacht, des Themas annehmen werde, sei wenig sinnvoll. „Das würde dann so ähnlich laufen wie mit der elektronischen Gesundheitskarte“, sagt Baas. Die wurde 2005 ins Gesetz geschrieben und läuft bis heute nicht richtig.

Quelle:  Handelsblatt Online
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