Ebola breitet sich weiter aus: "Die Lage ist weiterhin dramatisch"

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InterviewEbola breitet sich weiter aus: "Die Lage ist weiterhin dramatisch"

von Christian Schlesiger

Jochen Moninger, der Leiter der Welthungerhilfe in Sierra Leone, fordert schnellere Hilfen gegen Ebola und warnt vor Chaos im Land. Doch die Angst vor eigener Ansteckung hält er für übertrieben.

WirtschaftsWoche: Herr Moninger, Sie arbeiten seit 2010 für die Welthungerhilfe in Sierra Leone. Bereits mehr als 1200 Menschen sind an Ebola gestorben. Wie ist die Lage aktuell?

Die Lage ist weiterhin dramatisch. Es gibt jeden Tag 40 bis 50 neue Ebola-Fälle. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Zahl der Neuinfizierten bis Ende des Jahres auf 200 bis 300 pro Tag ansteigt. Neben der medizinischen Versorgung der Kranken ist es daher mindestens genauso wichtig, die Ansteckungsgefahr im Land einzudämmen. Wir arbeiten daher mit Hochdruck an einer besseren Infrastruktur und Logistik.

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Wie professionell reagiert die Regierung vor Ort auf die Epidemie?

Jochen Moninger Quelle: Presse

Jochen Moninger

Bild: Presse

Es gab bisher etwa 3000 Ebola-Infizierte. Deren Kontaktpersonen, oft die Großfamilie, muss in Quarantäne genommen werden und darf ihr Haus nicht verlassen dürfen. Die Regierung wird dabei von den Hilfsorganisationen vor Ort unterstützt. Höchste Priorität hat die Aufgabe, die rund 9000 Kontaktpersonen der Infizierten ausfindig zu machen. Das geschieht über lokale Ebola-Outbreak-Committees, die Risikopersonen identifizieren und den Verlauf der Epidemie dokumentieren. Weil es aber auf dem Land kaum Telefone gibt und die Transportmöglichkeiten schlecht sind, ist die Suche extrem schwierig.

Zu Person

  • Jochen Moninger

    Jochen Moninger, 35 Jahre, leitet seit 2010 das Aufbauprogramm der Welthungerhilfe in Sierra Leone

In der liberianischen Hauptstadt Monrovia kam es kürzlich zu Ausschreitungen, als die Armee einen Stadtteil unter Quarantäne stellte. Gibt es solche Szenarien in Sierra Leone?

Bislang nicht. Meines Erachtens hatte man in Monrovia den Fehler gemacht, ein ganzes Slum mit 75.000 Einwohnern abzuriegeln, ohne die Versorgung mit Lebensmitteln sicher zu stellen. In Sierra Leone kam die Krankheit relativ spät in die Hauptstadt Freetown. Es ist bislang weitestgehend ruhig geblieben. Die Gesellschaft akzeptiert die Gefahr durch den Virus. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die Ruhe irgendwann in Chaos umschlägt. Das Schlimmste waere, wenn die Akzeptanz der Gesellschaft zusammen bricht.

Droht dieses Szenario?

Der Fokus der Nichtregierungsorganisationen liegt derzeit auf der medizinischen Hilfe. Die Menschen sehen, wie Verwandte, Freunde und Bekannte sterben und in Quarantäne genommen werden. Die Anzahl der Infizierten ist aber relativ überschaubar. Viel gravierender wirken die ordnungspolitischen Restriktionen und die Schließung der Grenzen zu den Nachbarstaaten. Der regionale Handel ist quasi tot.

Das ist das Ebola-Virus

  • Das Virus

    Das Ebola-Virus gehört zu den gefährlichsten Krankheitserregern der Welt. Es löst ein sogenanntes hämorrhagisches, das heißt mit starken Blutungen einhergehendes, Fieber aus.

  • Sterblichkeit

    Je nach Erregerstamm sterben laut Angaben der WHO 25 bis 90 Prozent der Patienten an einer Ebola-Erkrankung. Trotz intensiver Forschung ist noch kein Heilmittel auf dem Markt, Impfstoffe sind in der Testphase.

  • Der Übertragungsweg

    Seinen Ursprung hat das Virus im Tierreich. Menschen können sich über den Kontakt zu erkrankten Tieren infizieren, unter anderem Affen oder Flughunde. Von Mensch zu Mensch überträgt sich die Krankheit durch Blut und andere Körperflüssigkeiten.

  • Die Krankheit

    Die Inkubationszeit beträgt nach WHO-Angaben zwei Tage bis drei Wochen. Dann setzen Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwächegefühl und Halsschmerzen ein. Später gehen Nieren- und Leberfunktion zurück, auch andere Organe werden geschädigt. Es können schwere innere Blutungen auftreten. Erst wenn die Symptome auftreten, sind Infizierte ansteckend.

  • Die Gefahrenzone

    Ebola kommt vor allem nahe des afrikanischen Regenwaldes vor. Zum ersten Mal wurde das Virus 1976 im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, nahe dem Ebola-Fluss nachgewiesen. Daher hat die Krankheit ihren Namen.

    Laut aktuellen Zahlen der WHO (Stand: 14. November 2014) sind seit dem aktuellen Ausbruch mehr als 14.400 Ebola-Fälle bekanntgeworden, die meisten in Liberia und Sierra Leone. Fast 5200 Menschen haben das Virus nicht überlebt.

Wie macht sich das bemerkbar?

Zwischen 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens darf kein Motorrad-Taxi mehr fahren. Kneipen müssen um 21 Uhr schließen. Nachts sind die Straßen wie leergefegt. Auch der Handel innerhalb des Landes wurde eingeschränkt. Es gibt 13 Distrikte in Sierra Leone. Fünf davon befinden sich in Quarantäne. Außerdem hat die Regierung an jeder Distriktgrenze einen Checkpoint eingerichtet, der nur tagsüber zwischen 9 Uhr morgens und 17 Uhr abends passiert werden darf. Die wirtschaftlichen Folgen sind dramatisch, denn regionaler Handel hängt von den Transportmöglichkeiten ab; genauso wie in Europa.

Wie denn?

Normalerweise fahren Bauern aus dem Nordosten des Landes ihre Ernte nachts in die 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Freetown. Diese Transportwege sind nun abgeschnitten. Sie müssen ihre Ware tagsüber transportieren. Aber in Sierra Leone gibt es keine Kühlketten. Die Ernte vergammelt noch bevor sie in Freetown ankommt. Auch zusätzliche Übernachtungen können sich die Bauern nicht leisten. Der Handel bricht ein. Gerade jetzt, wo die Bauern ihre Haupternte einfahren, ist das eine Katastrophe. Die Mehrheit der Menschen arbeitet zudem als Tagelöhner. Die Leute schleppen am Morgen Zement und Sandsäcke und ernähren damit ihre Familien. Diese Bevölkerung leidet am meisten. In den Städten kann das bald zu Hungersnöten führen. Ebola wirft die Länder um Jahre zurück.

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