Evolution des Menschen: Gewalt wurzelt tief in unserem Stammbaum

Evolution des Menschen: Gewalt wurzelt tief in unserem Stammbaum

, aktualisiert 28. September 2016, 19:14 Uhr
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Gewalt ist tief in der Linie der Primaten verwurzelt.

Quelle:Handelsblatt Online

Ist der Mensch von Natur aus gewalttätig oder machen ihn erst die gesellschaftlichen Bedingungen gewaltbereit? Spanische Forscher liefern eine Antwort auf diese alte Frage – und halten eine tröstende Erkenntnis bereit.

AlmeríaDer Hang zu Mord und Totschlag sind ein Teil des Erbes unserer evolutionären Vergangenheit. Spanische Forscher haben unseren Stammbaum durchleuchtet und kommen zu dem Ergebnis: Gewalt ist tief in der Linie der Primaten verwurzelt – und kommt beim Menschen so häufig vor, wie man es aufgrund seiner Position im Stammbaum auch erwarten würde.

Gleichzeitig halten die Forscher, die ihre Studie aktuell im Fachblatt „Nature“ präsentieren, aber auch eine tröstliche Erkenntnis bereit: Kultur und die Organisation menschlicher Gesellschaften beeinflussen das Gewaltpotenzial – und haben den Menschen in der Moderne friedlicher werden lassen.

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Tödliche Auseinandersetzungen innerhalb einer Art kommen nicht nur beim Menschen vor, sondern auch bei einigen anderen Säugetieren, schreibt das Team um José María Gómez von der Estación Experimental de Zonas Áridas in Almería. Unter Primaten etwa seien Aggressionen innerhalb der Gruppe nicht selten, bei einigen Arten komme es zu Kindstötungen. Raubtiere töten manchmal Angehörige fremder Gruppen und selbst bei eher harmlos wirkenden Arten wie Hamster oder Pferden werden gelegentlich Artgenossen umgebracht.

Die Forscher suchten nun zunächst in der wissenschaftlichen Literatur, wie verbreitet solche tödlichen Auseinandersetzungen bei einzelnen Arten von Säugetieren sind. Sie fanden Informationen zu vier Millionen Todesfällen bei 1024 Arten von Säugern aus 137 Familien – das sind etwa 80 Prozent aller Säugetierfamilien. Zu gewaltsamen Todesfällen zählten sie zum Beispiel Kindstötungen, Fälle von Kannibalismus oder Todesfälle nach Revierkämpfen. Die Forscher errechneten dann den Anteil solcher Todesfälle an den gesamten Todesfällen.

Erwartungsgemäß erwiesen sich einige Arten als eher gewalttätig, andere waren völlig friedlich untereinander. Unter Arten, die in Gruppen und in festen Territorien lebten, war Gewalt gegen Artgenossen verbreiteter als bei Arten, deren Angehörige allein umherzogen. Für den evolutionären Ursprung der Säugetiere rekonstruierten die Forscher eine Rate von 0,3 Prozent gewaltsamer Todesfälle – also kam etwa ein Tier von 300 durch Gewalt eines Artgenossen zu Tode.

Innerhalb des Stammbaums nahm die tödliche Gewalt dann in Richtung des Ursprungs der Primaten hin immer weiter zu. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als sich die Primaten als eigenständige Linie im Stammbaum der Säugetiere abzweigten, betrug die Rate etwa zwei Prozent. Tödliche Gewalt sei also vergleichsweise tief in der Linie der Primaten verwurzelt, schreiben die Wissenschaftler.


Gewalttätiger als die meisten anderen Säugetiere

Anschließend ermittelten die Forscher, wie verbreitet innerartliche Gewalt unter Menschen sein sollte, wenn man nur die Stellung im Stammbaum – und somit die Verwandtschaft zu anderen, mehr oder weniger gewaltbereiten Arten – berücksichtigt. Demnach sollten ebenfalls etwa zwei Prozent aller Todesfälle auf Mord und Totschlag zurückzuführen sein. Ein Wert, der sich mit Angaben zu gewaltsamen Todesfällen in frühen menschlichen Gesellschaften decke, so die Forscher, die rund 50.000 Jahre menschlicher Entwicklungsgeschichte rekonstruierten.

Das Ausmaß der Gewaltbereitschaft schwankte zwischen einzelnen Zeitabschnitten der menschlichen Geschichte allerdings stark. Sie lag zunächst bei etwa zwei Prozent, nahm dann zeitweise erheblich zu, um in der Moderne, seit etwa 100 Jahren, stark abzuflauen. Kultureller Fortschritt und die Entwicklung staatlicher Strukturen, die für einen Übergang des Gewaltmonopols an den Staat sorgten, dürften hier die entscheidenden Faktoren gewesen sein.

„In der Frühzeit war die Menschheit so gewaltbereit, wie man es angesichts der gemeinsamen evolutionären Geschichte der Säugetiere erwarten würde“, schreiben die Forscher. „Dieser Anteil tödlicher Gewalt ist nicht unveränderlich, sondern hat sich mit dem Fortschreiten unserer Geschichte verändert, meist im Zusammenhang mit der soziopolitischen Organisation der menschlichen Gesellschaft. Das legt nahe, dass Kultur das phylogenetische Erbe tödlicher Gewalt regulieren kann.“

Die Studie nähere sich einer philosophischen Frage mit evolutionsbiologischen Methoden, kommentiert Mark Pagel von der University of Reading die Studie. Nämlich der Frage, ob der Mensch von Natur aus gewalttätig sei, wie vom Philosophen Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert vermutet. Oder ob vornehmlich die Umgebung und die gesellschaftlichen Bedingungen die Gewaltbereitschaft des Menschen bestimmen, wie Jean-Jacques Rousseau ein Jahrhundert später postulierte.

Die Studie liefere gute Gründe dafür, anzunehmen, dass der Menschen von Natur aus gewalttätiger ist als die meisten anderen Säugetiere. Dies decke sich mit anthropologischen Untersuchungen, die Jäger und Sammler-Gemeinschaften als in „ständigem Kampf befindlich“ beschrieben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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