Evolution des Menschen: Pioniere sind fruchtbarer

Evolution des Menschen: Pioniere sind fruchtbarer

, aktualisiert 04. November 2011, 10:37 Uhr
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Diese Aufnahme aus dem Jahr 1960 zeigt die Nachkommen des kanadischen Pioniers Achille Bherer, der sich 1876 in der Region Lac-Saint-Jean niederliess.

Quelle:Handelsblatt Online

Vom Vorteil, der Erste zu sein: Pioniere, die neue Gebiete besiedeln, sind fruchtbarer als andere Menschen und geben diese Eigenschaft weiter. Wie passt das zur Evolutionstheorie?

HamburgKönnen erworbene Eigenschaften an die eigenen Nachkommen vererbt werden? Diese Frage unterschied wohl die beiden großen Evolutionsbiologen des 19. Jahrhunderts – Charles Darwin und Jean-Baptiste Lamarck. Während Lamarck argumentierte, dass etwa die Giraffenmutter ihren langen Hals an ihre Kinder weitergibt, sagte Darwin, dass Giraffen mit langen Hälsen einen evolutionären Vorteil gegenüber anderen Giraffen hatten (etwa weil sie höher wachsende Blätter von Bäumen fressen konnten) und die langen Hälse deswegen blieben.

Wessen Theorie sich durchsetzte, weiß jeder aus dem Schulunterricht – umso merkwürdiger scheint da das Ergebnis einer Studie, die nun im Magazin Science erscheint. Ein internationales Forscherteam um Claudia Moreau von der Universität Montréal erklärt darin, dass menschliche Fruchtbarkeit eine Eigenschaft sei, die sich bei ausbreitenden Bevölkerungen schnell entwickelt und von einer an die nächste Generation weitergegeben wird. 

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Zu diesem Schluss kommen die Wissenschaftler, nachdem sie die Nachkommenschaft von 88.000 verheirateten Paaren anhand von Kirchenregistern zurückverfolgt haben. Insgesamt betrachteten sie die Genealogie von rund 1,2 Millionen Menschen, die zwischen 1686 und 1960 vom kanadischen Quebec aus die Region Charlevoix sowie die Orte Saguenay und Lac Saint-Jean besiedelten. Dabei stellten sie fest, dass Familien an der Front der Gebietserweiterung mehr Kinder zeugten als jene, die im Kern des Ursprungsgebietes blieben oder erst später dasselbe Gebiet besiedelten.

Demnach hatten Frauen an der Front eine um 15 Prozent höhere Fruchtbarkeitsrate, schreiben die Forscher – also 15 Prozent mehr Nachwuchs als Frauen im Kern des Besiedlungsgebietes. Einen Grund sehen die Wissenschaftler in der Tatsache, dass die Pionierinnen etwa ein Jahr früher heirateten und damit ein Jahr mehr Zeit hatten, sich fortzupflanzen.


Die Frauen hatten eine größere Chance ihre Gene weiterzugeben

„Im Kern besteht ein gewisser Wettbewerb um Ressourcen, der es Mitgliedern großer Familien versagt, Land zu bekommen und früh zu heiraten“, sagt Populationsgenetiker Laurent Excoffier, der an der Studie mitgeschrieben hat. „Da mehr Land an der Front verfügbar ist, besteht weniger Wettbewerb, und dies steht in direkter Beziehung zueinander.“

Insgesamt würde dieses Phänomen dazu führen, dass die Gene, die in der heutigen Population in Saguenay und Lac Saint-Jean vorkommen, zu großen Teilen von Vorfahren stammen, die früher an der Ausbreitungsfront lebten. Das, so die Forscher, sei nur möglich, wenn die damaligen Pioniere einen evolutionären Selektionsvorteil gegenüber den Menschen im Kern der Bevölkerung hatten. Dass die räumliche Ausbreitung der Menschen Einfluss auf die Evolution hat, haben bereits frühere Studien nahegelegt.

Der Selektionsvorteil müsse daher die erhöhte Fruchtbarkeit sein, die die Pionierinnen an der Siedlungsfront an ihre Nachkommen weitergeben haben. „Diese Frauen hatten eine größere Chance ihre Gene weiterzugeben, allein dadurch, dass sie an der Front lebten“, mutmaßt Excoffier. Hinzu komme, dass ihre Kinder auch fast doppelt so häufig verheiratetet waren als die Kinder der nachfolgenden Siedler. Die Heirat hätte die Möglichkeit verfestigt, dass auch der Nachwuchs wieder Kinder zeugte, die dann die Gene ihrer Großeltern in sich trugen.

Denkbar ist, so die Forscher, dass es weitere vererbbare Eigenschaften gibt, die sich während Ausbreitung und Koloniebildung entwickelt und diese Prozesse begünstigt haben. „Ein Beispiel könnte die menschliche Neugier sein: zu sehen, was sich hinter dem nächsten Hügel befindet.“

Vererbbar ist eine Eigenschaft allerdings nur, wenn sie in den Genen verankert ist. Tatsächlich wird aber nur ein Teil unserer Eigenschaften durch Gene und der andere Teil durch Umweltfaktoren wie etwa Erziehung bestimmt. Welche davon überhaupt oder bis zu welchem Grad genetisch festgelegt sind, ist noch unbekannt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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