
In Schweden ist laut Krankenhausangaben eine Frau an der Darminfektion Ehec gestorben. Es ist der erste Ehec-Todesfall außerhalb Deutschlands. Immer drängender stellen sich deswegen die Fragen der verunsicherten Verbraucher.
Seit 1982 ist der Darmkeim Ehec bekannt. Damals hatten sich 47 Menschen in den US-Bundesstaaten Oregon und Michigan mit einer aggressiven Variante des Darmbakteriums Escherichia coli angesteckt. Die Betroffenen hatten nicht durchgebratene Burger bei McDonald's gegessen. Zu dem bislang schwersten Ausbruch kam es 1996 in Japan, wo sich in einem Sommer Tausende Schulkinder über verunreinigte Rettichsprossen infizierten.
Seither kam es weltweit immer wieder zu einzelnen Ausbrüchen der Darminfektion. Seit der zweiten Maiwoche verbreitet sich eine Variante des Keims in Deutschland. Die Fälle traten zunächst vor allem in Norddeutschland auf, inzwischen sind nach Informationen der Behörden alle Bundesländer außer Sachsen und Brandenburg betroffen. Da die Dunkelziffer der Infizierten wegen der relativ langen Inkubationszeit aber wohl deutlich höher ist als die Zahl bestätigter Fälle, könnten auch diese Länder inzwischen betroffen sein. Bundesverbaucherministerin Ilse Aigner bezeichnete die Darminfektion inzwischen als "europäisches Problem".
Wissenschaftler hatten wenige Tage nach dem Ausbruch Ehec-Keime auf Salatgurken aus Spanien entdeckt. Seither versuchen die Gesundheitsbehörden, die Lieferwege der Gurken nachzuvollziehen. Unklar ist weiterhin, wo das Gemüse mit dem Bakterium in Kontakt kam, ob weitere Lebensmittel betroffen sind, und wenn ja, welche. Der Erreger lebt normalerweise im Darmtrakt infizierter Tiere. Über die Fäkalien – etwa im Dünger – können Pflanzen kontaminiert werden.
Bislang sind mindestens 14 Menschen an den Folgen einer Ehec-Infektion gestorben. 12 davon waren Frauen. Die Zahl der Infektionen und Verdachtsfälle stieg in den vergangenen Tagen stark an. Die Krankheitsverläufe sind untypisch und verlaufen schwer. Forscher haben den Erregerstamm identifiziert. Es handelt sich um einen seltenen Ehec-Typ. Der Herd des Ausbruchs ist aber weiter unbekannt.
Inzwischen melden auch andere europäische Staaten immer mehr Ehec-Fälle. Zudem sollen nach EU-Angaben auch US-Bürger mit der lebensgefährlichen Durchfallerkrankung infiziert haben.
Dies sind die Antworten auf die drängenden Fragen:
Was ist Ehec?
Im menschlichen Darm wimmelt es von Mikroorganismen und Bakterien. Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Keime unterstützen möglicherweise die Verdauung von Nahrung oder die Abwehr von Krankheitserregern. Sehr häufig sind Escherichia coli im Darm zu finden.
Ehec-Bakterien – die Abkürzung steht für enterohämorrhagische Escherichia coli – hingegen bilden einen mitunter gefährlichen Stamm vonE. coli. Sie können Giftstoffe, vor allem das Shigatoxin, produzieren. Nisten sich solche Keime im Darm ein, etwa in der Schleimhaut, dringt das Gift in die Zellen der inneren Darmwand ein und zerstört Gefäße. In Deutschland sind derzeit 42 Stämme des Ehec-Erregers bekannt. Besonders gefährlich sind Bakterien, in deren Erbgut sich eine bestimmte Gengruppe (Pathogenitätsinsel) finden lässt. Die darin vorhandenen Erbinformationen beschreiben eine Art Injektionsapparat, mit dem der Erreger sein Gift in die Darmzellen überträgt.
Wer ist aktuell von der Erkrankung betroffen?
Der Darminfekt verläuft bei den jetzt Infizierten sehr ungewöhnlich. Normalerweise erkranken vor allem Kleinkinder im Alter von durchschnittlich drei Jahren. Schwere Krankheitsverläufe sind sehr selten. Derzeit sind aber vor allem Erwachsene betroffen, zu 70 Prozent Frauen. "Hinzu kommt der rasche Anstieg der Zahl der Erkrankten und die Schwere", sagte der Hygienik-Professor von der Universität Münster, Helge Karch, im Interview mit "Zeit Online". Das Ausmaß mache ihm Sorgen: "Die Krankheitsverläufe sind so aggressiv, dass der Erreger wohl einen besonderen Giftcocktail mitbringt."
Was sind die Symptome einer Erkrankung?
Wer sich mit Ehec-Bakterien infiziert, muss nicht zwangsläufig erkranken. Verläuft die Erkrankung schwer, leiden die Patienten neben Bauchschmerzen und Übelkeit an wässrigem Durchfall. Zwei Drittel der Erkrankten scheiden blutigen Stuhl aus. Im schlimmsten Fall führen die Giftstoffe im Darm zum hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus): Dabei treten blutige Entzündungen der Darmschleimhaut auf, die für die Blutgerinnung notwendigen Thrombozyten verringern sich, Giftstoffe sammeln sich im Körper, Gefäße werden zerstört. Bis zu zehn Prozent der nach einer Ehec-Infektion erkrankten Patienten entwickeln diese Komplikation. Sie kann tödlich verlaufen oder auch zu einer dauerhaften Nierenschädigung führen – die eine lebenslange Dialyse notwendig macht. Die Sterberate liegt in dieser Akutphase bei zwei Prozent der Betroffenen.
Warum ist Ehec so ansteckend?
Es dauert relativ lange von der Ansteckung bis zum Ausbruch (Inkubationszeit) – nämlich drei bis zwölf Tage. Daher kann sich der Keim zunächst unbemerkt verbreiten. Infektionen erfolgen immer über den Mund. Schon die Aufnahme von vergleichsweise wenigen Bakterien reicht aus, um einen Menschen anzustecken: Weniger als 100 Ehec-Keime, die bis in den Darm gelangen, können bereits zur Erkrankung führen.
Woher kommen diese Bakterien?
Der natürliche Lebensraum der Erreger ist der Darmtrakt infizierter Tiere, die selbst aber nicht erkranken. Ehec ist besonders oft in Rindern zu finden, lebt aber auch im Darm von Schafen und Ziegen sowie in Wildtieren. Die Tiere scheiden mit ihrem Kot auch den Erreger aus, der lange außerhalb des Körpers überlebensfähig ist.
Wo lauern Ansteckungsrisiken?
Die Infektionswege für Ehec sind vielfältig. Stets werden dabei winzige Fäkalspuren aufgenommen. Kinder stecken sich leicht bei Kontakt mit Nutztieren an. Baden in verschmutzten Gewässern kann ebenfalls eine Ansteckung nach sich ziehen – vor allem wenn Badewasser geschluckt wird. Und weil bereits infizierte Menschen den Erreger ausscheiden, sind auch Übertragungen von Mensch zu Mensch möglich. Ansonsten gelten als Hauptursache aber kontaminierte Lebensmittel: Riskant ist dabei der Verzehr von Rohmilchprodukten, die bei der Verarbeitung nicht erhitzt worden sind, oder von Rohwürsten wie Zwiebelmettwurst, Streichmettwurst oder Teewurst. Gemüse, das auf dem Feld mit Gülle gedüngt worden ist, kann ebenfalls verunreinigt sein.
Warum wird vor Tomaten, Salatgurken und Salat gewarnt?
Das RKI hatte 25 durch den Darmkeim Erkrankte und 96 gesunde Personen in Hamburg nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die mit Ehec Infizierten häufiger Tomaten, Salat und rohe Gurken gegessen hatten. Dies nahmen die Experten zum Anlass, vor allem in Norddeutschland vor dem Verzehr dieser rohen Gemüsesorten zu warnen. Bisher ist aber nicht näher bekannt, wie sich die Betroffenen mit dem ursprünglich im Darm von Rindern lebenden Keim angesteckt haben. Normalerweise ist rohes Fleisch eher eine Ansteckungsquelle durch Ehec-Keime als Gemüse. Doch durch Lagerung, Transport und Verarbeitung können verschiedene Lebensmittel mit dem Erreger in Kontakt kommen.
Obst und Gemüse können nach Informationen des RKI außerdem durch kontaminiertes Wasser oder Naturdünger mit dem Keim belastet werden.
Wie kann man sich schützen?
"Solange das ursprünglich verunreinigte Lebensmittel und der Erzeuger nicht ausgemacht sind, müssen wir auf peinliche Hygiene achten" sagt der Mikrobiologe Karch. Im Einzelnen heißt das:
Gemüse und Obst gründlich reinigenVor allem norddeutsche Verbraucher sollten rohe Blattsalate, Tomaten und Salatgurken meidenMesser und Schneidebretter für jedes Lebensmittel separat verwenden und anschließend gründlich säubernHändewaschen vor der Zubereitung von LebensmittelnFleisch gut durchgaren – die Temperatur beim Braten muss dabei auch im Inneren des Fleisches mindestens zehn Minuten lang mehr als 70 Grad Celsius betragenauf Rohmilchprodukte verzichtenFleisch und Gemüse im Kühlschrank getrennt voneinander lagern und getrennt zubereitenPutz- und Spüllappen in kurzen Abständen erneuern oder auskochen
Das RKI empfiehlt allen Menschen mit Durchfall, sich stets gründlich die Hände zu waschen und/oder sie zu desinfizieren, insbesondere wenn Kleinkinder oder immungeschwächte Menschen in der Nähe sind. Eine Impfung gegen Ehec gibt es nicht. Auch Kindern, die Kontakt zu Tieren hatten, sollten immer gründlich die Hände gewaschen werden. Erkrankt ein Familienmitglied, sollten die Toilette und Flächen, die der Erkrankte berührt, regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden. Auch das Bundesamt für Risikobewertung hat die wichtigsten Empfehlungen für Verbraucher zusammengestellt.
Sollten Betroffene Antibiotika nehmen?
Nein. Eine Studie, die 2000 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, legt sogar nahe, dass Antibiotika den Verlauf der Krankheit verschlimmern können. Unter den Probanden, die Antibiotika bekommen hatten, entwickelten mehr ein hämolytisch-urämisches Syndrom als jene, die keine Medikamente einnahmen. Der Grund: Da die Mittel die giftigen Bakterien zerstören, wird durch das Medikament vermutlich noch mehr der Toxine im Darm freigesetzt. Medikamente, die gezielt gegen Ehec wirken, sind nicht bekannt.
Wir werden die Patienten in den Kliniken behandelt?
Wenn die Menschen an Hus leiden, verläuft im Körper eine gefährliche Kettenreaktion. Die Nieren werden durch die Gifte aus den Bakterien geschädigt. Blutplättchen bilden sich und verstopfen die Gefäße. Um diesen Prozess aufzuhalten, setzen die Ärzte in deutschen Universitätskliniken jetzt ein Medikament ein, das den Antikörper Eculizumab enthält. Anlässlich des Ausbruchs hatten drei Ärzteteams aus Heidelberg, Paris und Montreal vergangene Woche unabhängig voneinander drei Fallbeispiele im New England Journal of Medicine veröffentlicht: Alle drei hatten im Jahr 2010 ein schwer an Hus erkranktes Kleinkind zu behandeln und entschieden sich als letzten Ausweg für den Einsatz von Eculizumab. Mit Erfolg. Ob das Mittel auch die jetzt in Lebensgefahr schwebenden Erwachsenen retten kann, wissen die Mediziner erst in ein paar Wochen.
Was tun die Behörden?
Seit dem Jahr 2001 besteht in der Bundesrepublik eine Meldepflicht für Ehec-Infektionen. Fälle müssen den Gesundheitsämtern mitgeteilt werden. Deuten diese Zahlen dann auf einen größeren Ausbruch hin, versuchen die Behörden eine gemeinsame Infektionsquelle ausfindig zu machen. Möglichst alle Betroffenen werden befragt, ob sie ein bestimmtes Produkt gegessen haben oder aus ein und derselben Großküche versorgt worden sind. Die lange Inkubationszeit macht es allerdings schwer, solche Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Fällen zu entdecken. Bei den letzten größeren Ehec-Ausbrüchen ist es deshalb oft nicht gelungen, die Quelle zu lokalisieren.
Was macht harmlose Keime gefährlich?
Bakterien reproduzieren sich nach menschlichen Maßstäben extrem schnell. Dabei entstehen ständig neue Varianten des Erregers, ständig wird genetisches Material ausgetauscht. Es ist eine Evolution im Schnellverlauf. Und es existieren gleich mehrere Vehikel für den Transport von Erbgut: So können Gene für Toxine oder für Resistenzfaktoren durch Viren von einem Stamm zu anderen übertragen werden. Ganze Genkonglomerate wandern von Keim zu Keim, indem die Erbmoleküle durch eine schlauchartige Verbindung (Sexpili) von Zelle zu Zelle transportiert werden. Auf einem dieser Wege muss auch die Fähigkeit, Darmwände anzugreifen, ins Erbgut des an sich harmlosen E. coli gelangt sein.
Ist Ehec ein Einzelfall unter den Bakterien-Infektionen?
Nein. Ausbrüche bakterieller Infektionen mit neuen Varianten bekannter Keime gibt es immer wieder. Und Varianten wie Ehec gehören auch nicht zum Schlimmsten, was Mikrobiologen beobachten. Derzeit beunruhigt die Fachwelt, dass seit einiger Zeit eine Reihe von Resistenzgenen durch die Mikrobenwelt zirkuliert. Sprich: Es tauchen Varianten auf, die diese als NDM-1 bezeichneten Erbgutmoleküle einbauen. NDM-1 machte Keime zu multiresistenten Erregern, die nicht mehr mit Antibiotika bekämpft werden können. Auch Ehec zeigt Resistenzen, aber erst gegen einzelne Antibiotika.
Was wissen Forscher bislang über den aktuellen Erregerstamm?
Offenbar handelt es sich bei dem derzeitigen Erreger um eine seltene Variante. Wissenschaftler von der Universität Münster haben den Bakterienstamm bereits bestimmt. "Es handelt sich um einen Vertreter des Typs Husec 41 und des Sequenztyps ST678", sagte Helge Karch, der das Konsiliarlabor des Robert-Koch-Institutes (RKI) leitet. Dies sei einer von 42 Ehec-Typen, die das Institut seit 1996 dokumentiert hat. Sie wurden aus Patienten isoliert, die in der Vergangenheit am Hus erkrankt waren, der schwersten Komplikation nach einer Ehec-Infektion. Der Name Husec leitet sich ab aus Hus-auslösende Escherichia-coli-Bakterien.
"Weltweit sind von dem Erreger mit dem Sequenztyp ST678 aber keine größeren Ausbrüche bekannt. Es ist erstaunlich, dass er nun in der Lage war, in Deutschland Erkrankungen zu verursachen", sagte Karch "Zeit Online". "Nur ein einziges Mal wurde der Typ beschrieben, bei einer Frau in Korea, die am Hus litt". Ob weitere Menschen in Korea erkrankten, ist nicht bekannt. Nach ersten Erkenntnissen ist der Erregertyp gegen mehrere Antibiotika resistent. Allerdings werden Ehec-Infektionen ohnehin nicht mit Antibiotika behandelt.
Seit 2007 sind keine neuen Husec-Typen in Deutschland mehr dazugekommen. "Deshalb haben wir uns schon etwas gewundert, dass der Ausbruchsstamm ein Bekannter ist, allerdings ist er bisher nicht auffällig in Erscheinung getreten", sagte Karch. Der Mikrobiologe und sein Team haben nun angefangen, einen hochspezifischen Test zu entwickeln. Schon in wenigen Tagen soll er Ärzten zur Verfügung stehen.
Der nun identifizierte Darmkeim ähnelt zudem einem E.-coli-Stamm, der bereits 1994 in Helena im US-Bundesstaat Montana zu einem Ehec-Ausbruch geführt hat. Allerdings ist klar, dass es sich um einen anderen Erreger handelt. Damals erkrankten mehrere Menschen an schweren Magenkrämpfen und blutigen Durchfällen, darunter – wie derzeit auch in Deutschland – überwiegend Erwachsene und vor allem Frauen. Die Behörden vermuteten Milch einer bestimmten Marke als Ursache für den Ausbruch. Der Erreger konnte allerdings in den Lebensmitteln nicht nachgewiesen werden, weder bei der Herstellerfirma noch in Kühen.















