Frauen in der US-Raumfahrt: „Lass das Mädchen die Zahlen checken“

Frauen in der US-Raumfahrt: „Lass das Mädchen die Zahlen checken“

, aktualisiert 09. Oktober 2016, 10:05 Uhr
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Die hochtalentierte Mathematikerin gehörte zu einem kleinen Zirkel von Wissenschaftlerinnen, die für die US-Luft- und Raumfahrt die aufwendigen Rechenarbeiten für Weltraummissionen durchführten.

Quelle:Handelsblatt Online

Es ist ein kaum bekanntes Kapitel der Raumfahrtgeschichte: Mathematikerinnen machten den Aufbruch der USA ins All erst möglich. Vor allem Frauen berechneten die Daten wichtiger Weltraummissionen - auch der Mondlandung.

HamptonBevor der Nasa-Astronaut John Glenn im Februar 1962 als erster Amerikaner die Erde in einem Raumschiff umkreiste, hatte er eine ganz besondere Bedingung: „Lass das Mädchen die Zahlen checken“, sagte er. „Und wenn das Mädchen sagt, sie sind gut, bin ich bereit.“

Das „Mädchen“ war die Afroamerikanerin Katherine Johnson, damals 43 Jahre alt und eine hochtalentierte Mathematikerin. Sie gehörte zu einem so gut wie unbekannten kleinen Zirkel von Wissenschaftlerinnen, die für die US-Luft- und Raumfahrt die aufwendigen Rechenarbeiten für Flugkurven durchführten. Mit Papier, Bleistift und einfachen Rechenmaschinen. Ein neues Buch („Hidden Figures“) und bald auch ein prominent besetzter Film sind ihnen gewidmet.

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Johnson, die Ende 2015 für ihre Arbeit von US-Präsident Barack Obama die Nationale Freiheitsmedaille bekam, erinnert sich in einem Interview an die damalige Arbeitsweise. „Ich sagte: ‚Lass mich das machen. Du sagst mir, wann und wo es landen soll, ich berechne das zurück und sage Dir, wann es starten soll.‘ – Das war meine Stärke.“ Zwar waren die ersten elektronischen Rechner schon zur Hand, doch vertraut wurde eher der Erfahrung und der Präzision der Mathematikerinnen mit ihren Rechenschiebern.

Seit 1935 hatte die Nasa-Vorgängerbehörde Naca (National Advisory Committee for Aeronautics) einige Dutzend „weibliche Computer“ beschäftigt. Die Frauen erhoben beispielsweise große Mengen an Testdaten mit Objekten im Windkanal und optimierten dann deren Flugverhalten. Zu den empirischen Erhebungen kamen später auch theoretische Berechnungen. Alle Zahlenkünstlerinnen waren zunächst Weiße.

Arbeit im Verborgenen

Nachdem Präsident Franklin Roosevelt 1941 angewiesen hatte, die Benachteiligung Schwarzer in der Luftfahrt- und Kriegsindustrie aufzuheben, holte sich das Langley Forschungslabor der Naca in Hampton (Virginia) 1943 auch eine kleine Gruppe hoch qualifizierter Afroamerikanerinnen von schwarzen Traditions-Unis hinzu – ein absolutes Novum. Eine dieser Frauen war Katherine Johnson.

„Ich hatte vorher als einfache Mathelehrerin gearbeitet, aber mein innerster Wunsch war es, in die Forschung zu gehen“, berichtet die heute 98-Jährige. „Schon als kleines Kind hab ich alles gezählt, die Schritte zur Schule, die Stufen zur Kirche, die Teller und das Besteck, das ich abwusch.“ Das Ausnahmetalent machte den Highschool-Abschluss mit 14 und hatte mit 18 schon das erste Mathe-Diplom in der Tasche.

Das Jobangebot im Langley-Labor war für Johnson eine Riesenchance, die sie beherzt ergriff. Es hielt sie auch nicht ab, dass sie mit ihren Kolleginnen im Verborgenen arbeiten musste und trotz der offiziellen Aufhebung der Trennung nach Hautfarben separate Toiletten und Pausenräume zu nutzen hatte. Das Team weißer Forscherinnen wusste ein Jahrzehnt nichts von den schwarzen Kolleginnen. Erst in den 50er Jahren wurden beide Gruppen schließlich vereint.


„Ihr seid so gut wie jeder andere“

Johnson arbeitete bis 1986 für die US-Raumfahrtbehörde Nasa – später dann auch mit eigenem Computer. „Das ging einfach schneller.“ Unter anderem berechnete sie Apollo-Missionen, auch diejenige, die Neil Armstrong den ersten Schritt auf den Mond setzen ließ. „Es gab keinen Tag, an dem ich nicht gerne zum Job fuhr.“

Die Afroamerikanerin Margot Shetterly hörte als längst erwachsene Tochter eines Langley-Forschers im Ruhestand irgendwann von den schwarzen Kolleginnen – und recherchierte im Rahmen eines Forschungsprojekts ab 2010 deren verborgene Geschichte. „Viele dieser Frauen waren sehr aktiv in ihren Gemeinden und in Organisationen, die für Bürgerrechte und Veränderungen in der Gesellschaft kämpften. Für sie war es oft furchtbar schwer, in dieser Situation zu ihrer Arbeit zu gehen. Aber zur gleichen Zeit liebten sie ihre Jobs“, beschreibt Autorin Shetterly das Auseinanderklaffen der Welten.

Johnson und ihre schwarzen Kolleginnen hätten als „Hidden Figures“ (deutsch: verborgene Gestalten, aber auch verborgene Zahlen), gleich zwei große Beiträge geleistet: Mehr Geschlechtergleichstellung in der männlich dominierten Raumfahrt und mehr Gleichberechtigung der Ethnien, betont Shetterly.

Johnson sagte zu ihrem 90. Geburtstag, sie habe sich allen Schwierigkeiten zum Trotz nie minderwertig gefühlt: „Mein Vater brachte uns bei: Ihr seid so gut wie jeder andere in dieser Stadt, aber Ihr seid auch nichts besseres.“

Der Film „Hidden Figures“ kommt voraussichtlich im Januar in die US-Kinos und erzählt die Geschichte im opulenten „Mad Men“-Style der 60er Jahre – mit Stars wie Kevin Costner und der R&B-Größe Janelle Monáe als Ingenieurin Mary Jackson. Taraji P. Henson spielt Katherine Johnson und bewundert deren Fähigkeiten, denn sie sagt von sich selbst: „Ich hasse Mathe.“ 

Quelle:  Handelsblatt Online
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