Gesunde Lebensmittel sind teurer: Gute Ernährung ist eine Frage des Geldes

ThemaGesundheit

Gesunde Lebensmittel sind teurer: Gute Ernährung ist eine Frage des Geldes

von Jana Reiblein

Wer wenig Geld hat, ernährt sich ungesünder. Schuld daran ist laut Studien vor allem der wachsende Preisunterschied zwischen gesunden und ungesunden Lebensmitteln.

Bild vergrößern

Eine junge Frau kauft Lebensmittel in einem Supermarkt. Eine britische Studie zeigt, dass der Preisunterschied zwischen ungesunden und gesunden Lebensmitteln in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen ist.

Obst, Gemüse, Vollkornprodukte - alles frisch und vielleicht auch noch Bio. Das gehört zu einer gesunden Ernährungsweise. Doch die kann sich nicht jeder leisten. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass sich Menschen mit niedrigem Einkommen und niedrigem Bildungsstand schlechter ernähren.

Und das liegt auch daran, dass gesundes Essen tendenziell teurer ist: Der Preisunterschied zwischen mehr und weniger gesunden Nahrungsmitteln ist zwischen 2002 und 2012 immer weiter gestiegen. Das belegt eine Studie der britischen Universität Cambridge, die am Mittwoch im Journal "PLOS One" veröffentlicht wurde.

Anzeige

Die Wissenschaftler schauten sich die Preisentwicklung von 94 wichtigen Lebensmitteln über eine Dekade hinweg an. Dabei griffen sie auf den Warenkorb zurück, den Statistiker zur Messung der Inflation nutzen. Dabei zeigte sich: Gesündere Nahrungsmittel und Getränke sind stetig teurer geworden.

Die Deutschen stehen auf Wurst und Fleisch

  • Verzehr von Fleisch ist "selbstverständlich"

    Für viele Deutsche ist ein Frühstück ohne Wurst kaum vorstellbar. Eine repräsentative Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat ergeben, dass 85 Prozent aller Deutschen den Verzehr von Fleisch und Wurst als „selbstverständlich und naturbewusst“ ansehen. 83 Prozent der Befragten wollen unter keinen Umständen auf den Verzehr von Fleisch und Wurstwaren verzichten.

  • Kein schlechtes Gewissen

    Die Studie zeigt, dass jeder zweite Deutsche zumindest einmal am Tag Wurst oder Fleisch verzehrt. Ein Viertel der Befragten hat ein schlechtes Gewissen, wenn er an die geschlachteten Tiere denkt. Knapp 42 Prozent achten beim Fleischeinkauf jedoch insbesondere auf einen möglichst günstigen Preis.

  • Grillen ist Männersache?

    Über 80 Prozent der Befragten essen gerne gegrilltes Fleisch und gegrillte Würstchen. Das Grillen ist eines der beliebtesten Hobbys der Deutschen und ganz klar eine Männerdomäne. Sechs von zehn Befragten sind der Meinung, dass „Männer einfach mehr Fleisch zum Essen brauchen als Frauen.“ Frauen sind hingegen weniger häufig bedingungslose Fleischesser. Sie haben nicht nur häufiger gesundheitliche Bedenken beim Fleischkonsum, sie achten auch eher auf die Herkunft des Fleisches.

  • Fleischskandale ändern Ansichten

    Nur etwas mehr als jeder Dritte (36 Prozent der Befragten) gab an, beim Fleischkonsum vorsichtiger geworden zu sein. Die Fleischskandale der vergangenen Jahre haben zu einem Umdenken bei vielen Fleischkonsumenten geführt: Ein Drittel der Studienteilnehmer sagt, dass eine vegetarische Ernährung gesünder sei. Außerdem könne der Verzicht auf Fleisch Gesundheitsrisiken vorbeugen.

  • Gesundheitliche Risiken durch den Fleischkonsum

    Während sich ein Großteil der Befragten beim Fleischkonsum mit gesundheitlichen Risiken konfrontiert sieht, verzichten nur 15 Prozent generell auf Fleisch. Lediglich drei Prozent gaben an, sich ausschließlich vegetarisch zu ernähren. Zwölf Prozent der Befragten kaufen ausschließlich Bio-Fleisch. Allerdings legen 65 Prozent der Befragten laut der Studie keinen besonderen Wert auf die artgerechte Haltung der Tiere.

  • Fleisch ist nicht gleich Fleisch

    Doch nach Meinung vieler Befragter ist Fleisch nicht gleich Fleisch: 58 Prozent der Befragten gaben an, Geflügel – sogenanntes „weißes Fleisch“– sei gesünder als „rotes Fleisch“ von Rind oder Schwein. Doch die Geflügelskandale der vergangenen Jahre beunruhigen die deutschen Fleischkonsumenten. 29 Prozent kaufen ihr Fleisch deshalb direkt bei Bauern oder Erzeugern.

  • Fleischkonsum als Gruppenzwang?

    Fleischkonsum als Gruppenzwang? Knapp 19 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, weniger Fleisch und Wurst einkaufen zu wollen, Familie oder Partner wollten aber nicht auf Fleisch verzichten. Insbesondere Frauen haben ein ambivalentes Verhältnis zum Fleischkonsum. Ein Viertel der weiblichen Studienteilnehmer gab an, zumindest zeitweise auf den Verzehr von Fleisch oder Wurstwaren zu verzichten.

  • Fleischkonsum ist Bildungsfrage

    Alter, Bildung und Herkunft der Befragten spielten eine Rolle: So achten 54 Prozente der 20- bis 29-Jährigen beim Fleischeinkauf auf einen günstigen Preis. Dagegen haben 34 Prozent der Jüngsten (14- bis 19-Jährige) ein schlechtes Gewissen, wenn sie beim Fleischkonsum an die geschlachteten Tiere denken. Menschen mit höherer Schuldbildung essen weniger Fleisch, als Menschen mit niedriger Bildung. In den neuen Bundesländern waren 90 Prozent aller Befragten der Meinung, dass Fleischessen beim Menschen naturbedingt ist.

  • Zur Studie der GfK-Marktforschung

    Die durch den „Wort & Bild Verlag“ veröffentlichte Studie wurde von der GfK-Marktforschung vom 9. bis zum 27. August 2013 als telefonische Befragung durchgeführt. In diesem Rahmen wurden 2094 Befragte im Alter ab 14 Jahren befragt. Die nach Quoten gezogene Stichprobe gilt als repräsentativ für die Bundesrepublik Deutschland.

Wie gesund oder ungesund ein Lebensmittel ist, bewertete die Forschergruppe um Hauptautor Nicholas Jones anhand von Nährstoff-Profilen der britischen Lebensmittelbehörde Food Standards Agency (FSA). Deren Daten werden in Großbritannien etwa für die Lebensmittel-Ampeln verwendet, die Verbraucher über den ernährungsphysiologischen Wert von verpackten Lebensmitteln aufklären sollen.

Gesunde Alternativen kosten das Dreifache

Zur besseren Vergleichbarkeit brachen die Forscher die Preise auf Kalorienebene herunter. Wer seinen Energiebedarf mit minderwertigen Produkten deckt, kommt dabei deutlich günstiger weg: Im Jahr 2012 zahlten Verbraucher demnach im Schnitt etwa drei Euro pro 1000 Kilokalorien. Gesündere Lebensmittel waren gut drei Mal so teuer: pro 1000 Kilokalorien wurden 9,50 Euro fällig.

Wie kommt dieser krasse Unterschied zustande? Im Beobachtungszeitraum stiegen die Preise zwar für alle Lebensmittel an. Allerdings nicht in gleichem Maße. Der Trend für gesündere Lebensmittel war deutlich steiler - allen voran Obst und Gemüse. Und diese Nahrungsmittel haben eine besonders hohe Nährstoff- und geringe Energiedichte.

Sprich: Wer Karotten knabbert, führt seinem Körper wenig Kalorien zu, zahlt also allein dadurch für die Deckung seines Energiebedarfs mehr. Ungesündere Lebensmittel, etwa Nudeln, oder Snacks und Getränke mit hohem Fett- beziehungsweise Zuckergehalt, schlagen hingegen ordentlich auf die Hüfte. In den betrachteten zehn Jahren wurden letztere im Schnitt um 93 Cent pro 1000 Kilokalorien teurer. Der Preis bei gesünderen Lebensmitteln zog je 1000 Kilokalorien um 2,34 Euro an - das ist gut das zweieinhalbfache.

Arm, fehlernährt und krank

Im Laufe der Zeit wurde gesunde Ernährung also vor allem für Menschen mit geringem Einkommen immer unerschwinglicher. Dies führt zu sozialer Ungleichheit bei der Gesundheit der Bürger, warnen die Forscher. Zwar muss man auch sehen, dass der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel an den Konsumausgaben in keinem anderen europäischen Land so niedrig ist, wie im Vereinigten Königreich.

Laut Statistischem Bundesamt geben die Briten nur 9,1 Prozent ihrer gesamten Konsumausgaben für Lebensmittel aus. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: die Bundesbürger geben 11,2 Prozent der gesamten Konsumausgaben für Lebensmittel aus.

Doch durch die starken Preisunterschiede besteht trotzdem die Gefahr, dass die Menschen verstärkt zu ungesünderen Lebensmitteln greifen. Das hat negative Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung, warnen die Experten. Denn viele Krankheiten, etwa Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sind eng mit der Ernährung verbunden. Und je mehr minderwertige Lebensmittel mit viel Zucker und Fett und wenig Vitaminen und anderen Vitalstoffen wir in uns hinein schaufeln, umso größer das Risiko für Übergewicht und all seine negativen Folgen.

"Ernährungsarmut und die Zunahme von Tafeln (Hilfsorganisationen, die Lebensmittel an Bedürftige weitergeben, Anm. d. Red.) sind in Großbritannien derzeit ins öffentliche Interesse gerückt", sagt Nicholas Jones. "Aber ebenso wichtig wie sicherzustellen, dass die Menschen nicht hungern, ist, dass eine gesunde Ernährung erschwinglich ist."

Gesundheitsbewusste müssen tiefer in die Tasche greifen

Die Entwicklung, dass gesünderes Essen teurer wird, ist nicht nur in Großbritannien zu beobachten. Ähnliche Studien und Ergebnisse gab es zum Beispiel auch in Frankreich, Neuseeland und den USA. Alle kommen zu demselben Ergebnis: Der Preisanstieg für gesunde Lebensmittel mit hohem Nährwert ist überproportional größer als der für Lebensmittel mit hohem Energie- aber niedrigem Nährstoffgehalt.

Eine aktuelle Studie von US-Wissenschaftlern unter anderem von der Universität Harvard, die 2013 im „British Medical Journal Open” veröffentlicht wurde, belegte zudem die höheren Kosten einer gesunden Ernährung. Die Forscher werteten für ihre Untersuchung die Essgewohnheiten von zehn Ländern mit höherem oder mittlerem Einkommen aus, darunter die USA, Frankreich und Spanien. Wer anstelle von verarbeiteten Lebensmitteln, Weißmehl und billigem Fleisch gesundheitsbewusst essen will, zahlt dafür rund 1,10 Euro mehr pro Tag und Person.

Allein für einen Ein-Personen-Haushalt wären das also rund 400 Euro mehr im Jahr. Dariush Mozaffarian, einer der Studienautoren und Wissenschaftler an der Harvard Medical School, sagte, dies sei für manche Familien mit knappem Budget eine "wirkliche Last" und sprach sich für einen sozialen Ausgleich aus.

Australische Wissenschaftler stellten in einem 2011 im Fachjournal "Nutrition & Dietetics" veröffentlichten Artikel fest, dass eine gesunde Ernährung für Haushalte mit niedrigem bis durchschnittlichem Einkommen oft nicht machbar sei.

Milliardenkosten durch Übergewicht

Auch in Deutschland gab es eine viel beachtete Studie zum Thema: Das Forschungsinstitut für Kinderernährung veröffentlichte 2007 eine umfangreiche Untersuchung. Diese kam zu dem Schluss, dass das Arbeitslosengeld II nicht ausreicht um Kinder und Jugendliche ausgewogen und gesund zu ernähren - selbst, wenn nur beim Discounter eingekauft wird.

Die tatsächlichen Kosten bezifferten die Experten je nach Alter des Kindes auf bis zu 45 Prozent höher, als die Regelleistung es vorsieht. Die Studienautoren warnten vor den volkswirtschaftlichen Kosten durch Übergewicht - und daraus resultierenden chronischen Erkrankungen. Die sogenannte KIGGS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt, dass bereits sechs Prozent aller deutschen Kinder und Jugendlichen fettleibig sind, in niedrigen sozialen Schichten ist der Anteil fast doppelt so hoch. Im Erwachsenenalter gelten zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen als übergewichtig oder fettleibig.

In Deutschland stiegen die Gesundheitsausgaben laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr auf mehr als 300 Milliarden Euro. Und laut Schätzungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wird etwa ein Drittel dieser Kosten durch Krankheiten verursacht, die direkt oder indirekt mit der Ernährung zusammenhängen. In den USA werden die Kosten, die allein durch Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht werden, sogar auf 700 Milliarden Dollar geschätzt - pro Jahr.

Kritik an Agrar-Subventionen

Die britischen Wissenschaftler sehen die Politik in der Pflicht. Sie verweisen auf Studien, die die Agrarpolitik der EU untersuchen. Diese belegen, dass die Preisunterschiede zwischen ungesunden und gesunden Lebensmitteln durch die Subventionen für bestimmte Agrarprodukte beeinflusst werden. Die Subventionen für Zucker, Öl oder Milch bergen laut den Autoren somit das Potenzial, die öffentliche Gesundheit durch die Senkung der Preise für süße und fettige Lebensmittel zu beeinträchtigen.

Auch, wenn die Nahrungsmittelausgaben der Deutschen im Durchschnitt nur ein Zehntel der Konsumausgaben ausmachen, sind sich Forscher international einig: Die massiven Preisunterschiede zwischen billigen Snacks und teurem Obst und Gemüse stellen eine erhebliche Hürde für eine gesunde Ernährungsweise dar. Wer will schon einen Haufen Geld für Bananen, Paprika und Brokkoli ausgeben, wenn süße Schokoriegel verlockend günstig zu haben sind... Präventionsprogramme, Beratung und das Wissen, welche Nahrung gesund und welche ungesund ist, stoßen hier an ihre Grenzen.

Wolle man eine langfristige Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten erreichen, dürften die Preisunterschiede nicht länger ignoriert werden, fordert Cambridge-Wissenschaftler und Mitautor Pablo Monsivais. Gezielte Subventionen gesunder Lebensmittel könnten zudem eine bessere Ernährungsweise bei Menschen mit niedrigem Einkommen fördern.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%