Grüne Produktentwicklung: Vom Träumer zum Aufräumer und Green-Design-Star

Grüne Produktentwicklung: Vom Träumer zum Aufräumer und Green-Design-Star

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Yves Béhar

von Matthias Hohensee und Peter Steinkirchner

Yves Béhar entwirft Dritte-Welt-Laptops, recycelbare Bürostühle und supersparsame Lampen. Gnadenlos stellt der Schweizer etablierte Geschäftsmodelle infrage und gilt als einer der führenden Köpfe der grünen Produktentwicklung.

Dieser knallrote Kunststoffsack soll die Welt verbessern? Dieses Allerweltstrageteil aus recyceltem Plastik soll helfen, Treibstoff, Wasser, Papier und Strom in rauen Mengen zu sparen und Berge von Müll zu vermeiden?

Yves Béhar grinst: „Das ist, was mich gereizt hat“, sagt der kalifornische Designer, „dieser Tasche sieht kein Kunde auf den ersten Blick an, wie viele Prototypen und Arbeit da drin stecken“, sagt der 43-Jährige. „Tatsächlich aber hat sie das Zeug, eine ganze Industrie zu verändern.“

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Mangelndes Selbstbewusstsein kann man dem Mann mit den blonden Locken nicht vorwerfen. Béhar, in Lausanne geboren, lehnt sich zurück und schaut aus den etwas trüben Glasscheiben des Londoner Design Museum auf die Themse. Gerade hat er mit Puma-Chef Jochen Zeitz der Welt seinen „Clever Little Bag“ vorgestellt, das neue Verpackungssystem des deutschen Sportartikelkonzerns. Im nächsten Sommer will Puma den Schuhkarton abschaffen. Ab Juli will das Unternehmen seine weltweit millionenfach verkauften Turnschuhe nur noch in den mit Pappe verstärkten roten Little Bags verkaufen.

Bisher lassen Schuhhersteller Jahr für Jahr Millionen Kartons um den Globus schiffen, die nach dem Verkauf vernichtet werden. Die Clever Little Bags sollen ein längeres Leben haben: Turnschuhkäufer sollen sie nach dem Kauf weiter benutzen, etwa, um die Schuhe für Reisen zu verpacken. Werden sie nicht mehr gebraucht, wird der Stoff vollständig recycelt.

Mit dem Konzept will Puma 65 Prozent weniger Papier verbrauchen und die CO2-Emissionen um 10.000 Tonnen im Jahr reduzieren. Béhar fummelt am roten Henkel herum: „Das Ding hier ist einer von vielen Beiträgen zu einem grundlegenden Wandel, der in Industrie und Wirtschaft stattfindet“. Der Schweizer Designer kann schon jetzt stolz sein. Erst im Frühsommer verkündete der Gründungschef der kleinen Agentur Fuseproject aus San Francisco die Zusammenarbeit mit Puma. Vor einigen Jahren entwickelte er mit Nicholas Negroponte die Idee für den 100-Dollar-Laptop für Entwicklungsländer. Und vor wenigen Wochen stellte er auf der Kölner Büromöbelmesse Orgatec einen nahezu vollständig recycelbaren und zudem bezahlbaren Schreibtischstuhl namens „Sayl“ vor.

Yves Béhar ist der Star der Szene, mit Designpreisen überhäuft, und Mittelpunkt der Bewegung, die die Designwelt gerade gründlich aufmischt. Sein Ziel ist es, nachhaltige Produkte in großer Zahl erschwinglich zu machen – der Turnschuhkäufer zahlt allein wegen des Clever Little Bag natürlich nicht mehr für seine neuen Latschen. Doch er trägt ihn mit besserem Gewissen nach Hause – im Konkurrenzkampf der Sportbranche ein ideeller Mehrwert und damit ein Kaufargument.

Hochtechnologie für normale Leute

In puncto nachhaltiges Design ist Béhar der zurzeit gefragteste Gesprächspartner. „Yves ist einer der wenigen, die verstehen , dass Design nicht dazu da ist, damit Dinge hübsch aussehen. Er macht Technologien für ganz normale Leute zugänglich“, erklärt Risikofinanzierer Vinod Khosla, der neben Headset-Hersteller Aliph zahlreiche Startups aus den Bereichen Cleantech und IT im Portfolio hat. Béhars 1999 gegründete Agentur Fuseproject ist denn auch klein, doch die Bandbreite groß: In einem ehemaligen Möbelgeschäft im kreativen South of Market von San Francisco entwickeln Béhars 40 Mitarbeiter Uhren, Brillen, Unterwäsche, Mobiltelefone, Laptops, Web-Seiten, Elektromotorräder und angeblich sogar Elektroautos.

Der Kreative startete seine Karriere bei ersten Adressen der Branche wie Lunar Design und Frog Design. Dort hatte er auch „seinen Weckruf“: „Ich wollte nicht als Berater in einer Firma arbeiten, sondern selber entscheiden können, etwas zu verändern.“ Designer wie Béhar kreieren ganze Produktionsprozesse, bürsten Geschäftsmodelle gegen den Strich und definieren sie neu. Ihr Ziel ist, Produkte zu entwickeln, die mit möglichst wenig Energie hergestellt werden, die wenig Rohstoffe verbrauchen und nahezu rückstandsfrei entsorgt werden können.

Das ist ein Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang sollten Designer Bedürfnisse wecken. Allzu oft mutierte Design so zum Prestige- und Preistreiber – eine Zitronenpresse musste nicht funktionieren, solange sie nur teuer war, cool aussah und den Nachbarn beeindruckte. Der Durchbruch zugunsten des verantwortlichen Umgangs von Designern und Architekten mit der Umwelt gelang schließlich durch das Internet. In San Francisco, mitten in der Dotcom-Revolution, sagt Béhar, habe er erkannt, dass „das Internet die Beziehung der Menschen zu Produkten verändert hat“. Das Netz hilft den Konsumenten, sich über Produkte kritisch zu äußern. Unternehmen wiederum können darin lernen, was die Kunden wirklich wollen. Die Loyalität zu Marken jedoch sinke dadurch, glaubt Béhar: „Die Käufer greifen heute eher zu Dingen, die am besten funktionieren, und sie tauschen sich im Internet über ihre Erfahrungen aus.“ Das gelte immer mehr für Fragen nach der Nachhaltigkeit von Produkten: „Das Produkt muss ethisch sein“, meint Béhar. „Wenn es das nicht ist, kann es nicht schön sein. Dann kann man es auch sein lassen.“

Witzig allein reicht nicht

Dem Design kommt dadurch eine besondere Bedeutung zu. Denn laut der Londoner Eco-Design-Agentur Giraffe werden 80 Prozent der Umweltauswirkungen eines Produktes bereits durch seinen Entwurf bestimmt. „Die Zukunft des Designs“, erläutert Béhar, „liegt nicht darin, immer neue, witzige Dinge zu entwerfen.“ Die Zukunft sei das Thema Nachhaltigkeit. Das sei für alle Designer „die größte Gelegenheit, strategisch einzugreifen und die wirklich wichtigen Themen des 21. Jahrhunderts mitzugestalten“.

Damit steht Béhar in einer Linie mit Denkern wie dem deutschen Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart und seinem Cradle-to-Cradle-Ansatz („Von der Wiege bis zur Wiege“). Ziel ist es, Produkte so wenig umweltbelastend wie möglich herzustellen und die Rohstoffe, aus denen sie bestehen, am Ende der Nutzungsdauer möglichst vollständig in den Produktionskreislauf zurückzuführen. Béhars leitet daraus ab, Design sei nicht allein das Basteln an schicken Produkten – ein Designer müsse sich als Gestalter ganzer Geschäftsprozesse begreifen.

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