Hans-Jörg Bullinger im Gespräch: „Utopien beschleunigen die Zukunft“

Hans-Jörg Bullinger im Gespräch: „Utopien beschleunigen die Zukunft“

, aktualisiert 05. November 2011, 10:04 Uhr
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Hans-Jörg Bullinger ist Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

In den Laboren der Fraunhofer-Institute brüten 18.000 Forscher Innovationen aus. Redakteurin Katrin Terpitz sprach mit dem Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, über aktuelle Techniktrends.

DüsseldorfHerr Professor Bullinger, welche Innovationen werden künftig unser Leben am meisten verändern?

In Zukunft wird Informationstechnologie alle Lebensbereiche durchdringen und gewaltig umwälzen. Viel mehr noch als wir uns heute vorstellen können. Die Interaktion Mensch-Computer wird deshalb noch viel ausgefeilter und intensiver. Touchscreen, Spracheingabe wie beim neuen iPhone oder Computersteuerung über Gestik, wie wir sie von Spielekonsolen kennen, stehen erst am Anfang.

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Warum kann moderne IT so viel verändern?

Sie ermöglicht intelligente Vernetzung bisher getrennter Bereiche. IT revolutioniert zum Beispiel den schonenden Umgang mit Ressourcen und Energie, ein weiterer Megatrend. Künftig wird die komplette Energieerzeugung und -speicherung intelligent kommunizieren. Stichwort: Smart grids und smart metering. Wir werden überall dezentrale Strom-Einspeiser haben, die mit großen Wind- und Solarparks kommunizieren.

Haben wir künftig eigene Mini-Kraftwerke im Haus?

Diese werden mit regenerativen Energien wie Solar oder Wärmepumpe betrieben. Überschüssigen Strom speisen wir ins allgemeine Netz. Noch sinnvoller ist es aber, die selbst produzierte Energie möglichst vor Ort zu speichern. So werden künftig auch unsere privaten Elektroautos als Stromspeicher herhalten. Die Struktur der Stromversorgung, unserer Gebäude und der Städte wird sich komplett wandeln.

Wie sieht die „Stadt von morgen“ denn aus?

Die Stadt der Zukunft wird bereits in „Masdar City“ in Abu Dhabi Wirklichkeit. Auch Fraunhofer-Forscher, Bauphysiker und Solarforscher, entwickeln diese Modellstadt in der Wüste mit. Sie nutzt ausschließlich regenerative Energien, ist klimaneutral und müllfrei.


„Elektromobilität führt Branchen zusammen“

Eine Öko-Stadt in der Wüste, die sich selbst versorgt. Das klingt sehr utopisch.

Keineswegs. Um 2020 herum soll sie fertig sein. "Masdar City" setzt wichtige Zukunftssignale – gerade für die Elektromobilität. In der Stadt dürfen nur Elektroautos fahren. So wie man im Mittelalter am Stadttor die Waffen abgeben musste, wird man dann an der Stadtgrenze auf Elektroautos umsteigen.

Ist Elektromobilität derzeit ein wichtiger Innovationsmotor?

Sie führt Branchen zusammen, die bisher wenige Berührungspunkte hatten. Nun verbinden diese ihre Technologien und entwickeln gemeinsam Neues – leistungsstarke Elektroantriebe oder superleichte Karosserien aus Karbon.

Verschmelzen künftig noch mehr Industrien, die bisher getrennt agiert haben?

„Functional Food“ ist ein weiteres Beispiel. Das Wissen aus der Ernährungs- und Pharmaindustrie fließt immer stärker zusammen: Funktionelle Nahrung macht gesund - und bittere Pillen überflüssig. Fraunhofer-Forscher haben beispielsweise die fettfreie Wurst entwickelt, die für Furore sorgte. Auch ein Eis ohne Laktose für Allergiker. Gegen immer mehr Krankheiten wird es künftig maßgeschneidertes Essen geben.

Produkte werden verstärkt an die Bedürfnisse der einzelnen Kunden angepasst. Geht derTrend vom Massenmarkt zum Mikromarkt?

Unternehmen schneiden in Zukunft Produkte auf viel kleinere Zielgruppen zu, im Extremfall auf das Individuum. Produziert wird aber mit wirtschaftlichen Verfahren aus der Massenfertigung.

Im Internet können wir heute schon vom Turnschuh bis zum Lieblingsmüsli vieles individuell gestalten. Was soll da noch kommen?

Der Trend geht deutlich weiter - bis zur individualisierten Medizin. Zum Beispiel sind wir in Deutschland führend bei Kryo-Datenbanken. Dort werden Stammzellen aus Nabelschnurblut bei minus 200 Grad eingefroren. Wenn im Laufe des Lebens eine genetische Veränderung auftritt, lassen sich damit individuelle Therapien finden. Das ist keine Science Fiction, daran wird schon sehr intensiv in den Laboren gearbeitet.


„Made in Germany sollte für auch für höhere Effizienz stehen“

Biologie schlägt also Chemie. Fließen künftig noch mehr Erkenntnisse aus der Natur in die Produktentwicklung ein?

Die Bionik, die Verschmelzung von Biologie und Technik, ist ein schier unendlicher Fundus für Erfindungen. Forscher kopieren bewährte Formen oder Verhaltensmuster aus der Natur: Klettverschluss und aerodynamische Flugzeugflügel sind nur einige Beispiele. Auch Isaac Newton soll ja der Legende nach auf die Gravitationsgesetze gekommen sein, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel.

Woran basteln die Bioniker in ihren Zukunftslaboren?

Das Bremer Fraunhofer-Institut hat gerade einen Lack entwickelt, der die glatte Struktur der Haifischhaut imitiert. Werden damit Schiffsrümpfe bestrichen, sinken Reibung und Energieverbrauch um fünf Prozent. Das ist erheblich und schont die Umwelt. Das Beispiel zeigt: „Made in Germany“ sollte künftig nicht nur heißen: Produkte höchster Qualität, sondern auch Produkte mit höherer Energie- und Ressourceneffizienz.

So mancher Science-Fiction-Roman hat geniale Erfindungen vorweggenommen. Man denke nur an Jules Vernes „Reise zum Mond“. Im Kinofilm „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968 tauchte angeblich der Prototyp des Tablet-PC auf. Wie wichtig sind solch scheinbar abgedrehte Utopien?

Utopien beschleunigen die Zukunft. Für erfolgreiche Forschung braucht es zwei Dinge: Neugier und Visionen. Touchscreens zum Beispiel diskutieren wir seit fast 30Jahren intensiv. Revolutionäre Erfindungen fallen eben nicht vom Himmel.

Für Handyfernsehen interessierte sich zur Fußball WM 2006 kaum jemand. So manche Zukunftsvision hat sich zunächst als Flop
Bullinger: In der Tat. Das kommt häufiger vor. Der Lohner-Porsche mit elektrischem Radnabenantrieb war auf der Pariser Weltausstellung 1900 eine Sensation. Er kam aber schlicht zu früh. Eine Innovation, die ihrer Zeit voraus ist und vom Markt nicht angenommen wird, kann ein Unternehmen umbringen.  In vielen Fällen aber können sich Kunden den Nutzen einer Erfindung gar nicht vorstellen. Da hat auch Marktforschung kaum Sinn. Innovation ist eben nicht ohne Risiko.


„Apple hat ein geniales Geschäftsmodell für unsere MP3-Technik gefunden“

Auch für die MP3-Technik aus Ihrem Hause fand sich zunächst kein Vermarkter. Warum nicht?

Das Fraunhofer-Institut hat an der MP3-Technik, der Audio-Codierung, fast 20 Jahre geforscht und sie patentieren lassen. Wir fanden Anfang der 90er-Jahre aber niemanden in Deutschland, der mit uns die Technik auf den Markt bringen wollte.

Das ganz große Geld machten dann Unternehmen aus dem Ausland mit Ihrer Erfindung. Das muss doch wurmen.

Daraus haben wir viel gelernt. Apple hat mit dem iPod und iTunes ein geniales Geschäftsmodell für unsere MP3-Technik erfunden. Leider schauen die deutschen Tüftler meist viel zu einseitig auf die technische Neuerung. Die Anwendung aber ist heute und in Zukunft mindestens genauso wichtig. Mit Innovation ist immer mehr Emotion und Marke verbunden. Das hat Steve Jobs zur Perfektion gebracht. Der Apple-Gründer war ein Genie in Sachen Innovation. Er hat vorgemacht, wie Visionen zum Markterfolg werden.

Herr Professor Bullinger, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


Hans-Jörg Bullinger ist seit 2002 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Die größte Organisation für angewandte Forschung in Europa unterhält mehr als 80 Forschungseinrichtungen im In- und Ausland mit mehr als 18 000 Mitarbeiter. Sie finanziert sich zu 70 Prozent durch Auftragsforschung für die Industrie. Der habilitierte Maschinenbauer und Innovationsexperte Bullinger wurde 2009 vom „Manager Magazin“ zum „Manager des Jahres“ gekürt. Das Arbeitsprinzip von Fraunhofer lautet: „Ideen entwickeln, wo andere aufgeben. Nach dem Motto: Geht doch.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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