Human Project: 10.000 gläserne New Yorker gesucht

Human Project: 10.000 gläserne New Yorker gesucht

, aktualisiert 22. Juni 2017, 12:41 Uhr
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In New York sollen 10.000 Menschen ihre Daten der Wissenschaft zur Verfügung stellen - 20 Jahre lang.

Quelle:Handelsblatt Online

10.000 New Yorker sollen im Dienst der Wissenschaft zu gläsernen Menschen werden. 20 Jahre lang sollen sie ihre Daten preisgeben – Blutwerte sind ebenso gefragt wie Handykontakte oder Kreditkartennutzung.

New YorkGesucht: 10.000 New Yorker, die sich im Namen der Wissenschaft durchleuchten lassen wie nie zuvor. Blutwerte werden ebenso erfasst wie Handynutzung oder Kreditkartenbuchungen. Und das 20 Jahre lang.

Alles, was Aufschlüsse über Lebensgewohnheiten geben kann, zählt zu den für die Forscher interessanten Daten. Das ehrgeizige Unterfangen gibt sich entsprechend mit keinem geringeren Namen zufrieden als „Human Project“. Die unterschiedlichen Datenströme sollen in einen Fluss der Erkenntnis zusammenfließen und die Gesundheits- und Altersforschung genauso voranbringen wie etwa die Bildungsforschung.

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„Das ist es, worum es geht: ein ganzheitliches Bild zusammenzusetzen“, sagt Projektleiter Paul Glimcher, Professor für Neurowissenschaften, Wirtschaft und Psychologie an der New York University. Das mit 15 Millionen Dollar (gut 13 Millionen Euro) pro Jahr veranschlagte Projekt betrete Neuland mit der schieren Fülle individueller Daten, die es sammeln wolle, erklärt der Vasant Dhar von der Zeitschrift „Big Data“, die sich seit längerem mit dem Vorhaben auseinandersetzt. „Es ist sehr ambitioniert“, betont der Datenwissenschaftler der New York University.

Zum kommenden Jahr sollen die Teilnehmer aus der ganzen Stadt zusammengesucht werden. Die Forscher achten dabei darauf, dass die Probanden die Bevölkerung gut repräsentieren.

Zuerst sind Tests von Blutproben über eine genetische Untersuchung bis zum IQ gefragt. Den Zugang zu Gesundheitsakten, Finanzdaten und Bildungsgeschichte müssen alle Teilnehmer den Wissenschaftlern gewähren, die Handydaten preisgeben sowieso. Dazu zählt nicht nur, wer sich wann wo aufgehalten hat, sondern auch welche Nummern gewählt oder angesimst wurden.

Dazu gibt es mobile Aktivitätsmessgeräte und Fragebögen per Smartphone. Alle drei Jahre müssen Blut-, Urin- und Stuhlproben eingereicht werden. Als Belohnung winken 500 Dollar pro Familie, ein Mitspracherecht in der Verteilung von Geld für soziale Projekte – und natürlich die Hoffnung auf wissenschaftlichen Ruhm.

Bedenken angesichts der Datensicherheit nehmen die Forscher derweil ernst. Es gibt zahlreiche Verschlüsselungen und Firewalls. Forscher von außerhalb bekommen nur einen sehr begrenzten Zugang zu anonymisierten Daten. Und ihre Untersuchungen müssen sie handschriftlich festhalten, denn die für sie zugänglichen Forschungscomputer sind laut Glimcher nicht mit dem Internet verbunden.

Auch gegen Begehrlichkeiten der Behörden lasse sich die Datensammlung verteidigen, ist sich Glimcher sicher. Ausnahme sei höchstens eine große Terrorermittlung.


Ergebnisse, die anderen weiterhelfen

Dass er und seine Kollegen nach Großem streben, räumt Glimcher ein. Nicht verwunderlich, dass er sich immer wieder fragen lassen muss: „Ist das möglich? Sind Sie von Sinnen?“ Doch das Ziel vor Augen sieht Glimcher sein Projekt auf Kurs.

Kritikern erzählt er von der Framingham-Herzstudie. Sie untersucht seit 1948 Einwohner der Stadt Framingham in Massachusetts systematisch auf Ursachen und Risiken von Herzkrankheiten. 2002 ging sie in die dritte Generation. Mittlerweile gilt die Framingham-Studie als Wegbereiter für mehr als 1200 weitere Untersuchungen und für bahnbrechende Ergebnisse in der Herz- und Hirnforschung.

„Wenn wir es schaffen würden, zum amerikanischen Gesundheitswesen, zum Wohlbefinden und zur Bildung in den USA so beizutragen, wie es Framingham tat, aber dank der Möglichkeiten heutiger Daten noch um ein Hundertfaches mehr, welch fantastische Leistung das doch wäre“, schwärmt Glimcher.

Auch die Teilnehmer könnten stolz sein, betont Nancy Spinale. Schon ihre Eltern trugen zur Framingham-Studie bei, sie selbst schloss sich 1971 an, und auch ihre vier Kinder gehören zu den Probanden. Jedes Mal, wenn neue Ergebnisse herauskommen, die anderen weiterhelfen, fühlt Spinale diesen Stolz. Das „Wow-Gefühl“ nennt sie das.

Quelle:  Handelsblatt Online
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