
Das Tabu-Thema Tod
Die fetten Schlagzeilen, die Aufklärungsversuche, die politischen Organ-Gipfel und neue Kontrollmaßnahmen - sie alle überschatten ein Grundproblem. Es gibt eine Gesellschaft, die sich mit der Transplantationsmedizin und ihren enormen Fortschritten in den vergangen 60 Jahren wenig beschäftigt. Denn das Ausfüllen eines Spenderausweises rührt zwangsläufig an etwas anderem: dem Nachdenken über den Tod. Ein Tabu-Thema, das oft verdrängt wird, bis es sich mit aller Macht ins Leben drängt. Wenn Gefühle wie Sorge und Trauer überwiegen, ist es für eine rationale Auseinandersetzung mit Organspende meist zu spät - der Mensch ist keine Maschine.
Barbara Gebing ist das alles nicht fremd. Sie gibt unumwunden zu, dass sie den Gedanken an Nierenversagen trotz des Wissens um ihre Zysten 35 Jahre lang verdrängte. Für sie brach eine Welt zusammen, als ihr Arzt 2007 sagte, es sei jetzt bald soweit. Wie sollte das gehen? Dreimal in der Woche für fünf Stunden in ein Dialysezentrum? Mit Job und Kind? Dass eine spezielle Bauchfell-Blutwäsche auch zu Hause möglich ist, erfuhr sie erst später. Dass diese Methode meist nur zehn Jahre lang gut geht, erfuhr sie auch.
Barbara Gebing hat Familie und Freunde schon vor dem großen Skandal auf Organspende-Ausweise angesprochen. Sie ist an abweisende Reaktionen gewöhnt, nun ist der Ton noch schärfer: „Ich geb' doch nichts von mir her.“ - „Wer weiß, ob ich schon tot bin.“ - „Die wollen meine Organe doch nur verkaufen.“ - „Sieht man doch in Göttingen, was die damit machen.“ Gebing argumentiert anders. Sie wirbt nicht für Organspende. Sie will eine Entscheidung. Egal, ob dafür oder dagegen, aber gut überlegt und fixiert auf einem Ausweis.
Organe von Senioren
Wie sachlich solche Diskussionen fern von Krankenbetten laufen können, zeigt sich an einem schönen Herbstmorgen in Berlin. Es ist Sonntag, doch der große Hörsaal im Charité-Bettenhochhaus ist gut besetzt. Transplantationsarzt Andreas Pascher schildert ruhig, vor welchen Problemen seine Zunft inzwischen steht. „Wir akzeptieren Organe von immer älteren Spendern“, sagt er. „Wir gehen in die Extreme, bis hin zu 85-Jährigen.“Und nun auch noch dieser Skandal, der das Vertrauen in das ganze Organspende-System erschüttere.

Für Pascher gibt es nur zwei Wege aus der Misere: „Die Transparenz muss in den Vordergrund“, sagt er. „Und wir müssen die Bevölkerung fragen. Wir können nur erfolgreich sein, wenn es ein gesellschaftliches Bekenntnis zur Organspende gibt.“ Denn Alternativen gebe es nicht, auf ganz lange Sicht nicht. Die Berliner fragen Pascher nach seinem Vortrag Löcher in den Bauch. Wo kommen die Organe her? Wer bestimmt die Dringlichkeit bei einer Transplantation? Können Angehörige widersprechen? Die Fragen hören nicht mehr auf. Es gibt wohl wirklich so etwas wie ein Wissens-Defizit.
Vielleicht muss man für dieses Wissen ganz an den Anfang gehen. Ins Berliner Vivantes-Klinikum am Friedrichshain zum Beispiel, zum Neurochirurgen Dag Moskopp. Er nimmt sich Zeit für die Fragen nach Leben und Tod. Es gehört zu seinem Beruf. Ärzte wie er urteilen darüber, ob ein Mensch tot ist, hirntot. Was das überhaupt bedeutet. Und, was das für die Organspende bedeutet.
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Alle Kommentare lesen30.10.2012, 23:42 UhrAnonymer Benutzer:Nein
Organspende ist ein staatlich sanktioniertes Verbrechen. Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.