Innere Uhr: Jetlag führt zu Übergewicht

Innere Uhr: Jetlag führt zu Übergewicht

Menschen schlafen nachts und sind tagsüber wach. Normalerweise. Bei Schichtarbeit oder Reisen kommt der Rhythmus aber durcheinander - auch bei der Darmflora. Das kann gesundheitliche Folgen haben.

Auch Darmbakterien leben nach einer inneren Uhr. Gerät sie infolge von Schichtarbeit oder eines Jetlags aus dem Takt, kann das beim Menschen womöglich Übergewicht und Stoffwechsel-Erkrankungen zur Folge haben. Das berichten israelische Wissenschaftler im Fachmagazin „Cell“. Ihre Erkenntnisse könnten dazu beitragen, Mittel zur Prävention oder Behandlung dieser Krankheiten zu entwickeln.

Die innere Uhr des Menschen wird durch den Tag-Nacht-Rhythmus gesteuert, genauer gesagt durch den Wechsel von Licht und Dunkelheit. Es ist bekannt, dass Störungen, wie sie etwa bei Schichtarbeitern vorkommen oder bei Menschen, die häufig von einer Zeitzone in andere fliegen, Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht verursachen können. Warum das so ist, wissen Fachleute nicht genau.

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Falsche Volksweisheiten rund um den Schlaf

  • Mehr Schlaf ist besser

    Falsch. Menschen haben unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Als optimal gelten im Schnitt sieben Stunden. Aber letztlich muss jeder sein Optimum finden. Bestes Indiz: Wer sich tagsüber fit fühlt, hat nachts genug geschlafen.

  • Lieber vor Mitternacht einschlafen

    Falsch. Die Qualität des Schlafs hat damit nichts zu tun. Unserem Körper ist es egal, wann wir einschlafen. Viel wichtiger ist, genügend Stunden tief und fest zu schlummern. Doch klar ist: Je später wir ins Bett gehen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dieses Pensum zu erreichen.

  • Schlaf kann man nachholen

    Falsch. Kurzfristig geht das vielleicht, langfristig sind unregelmäßige Schlafzeiten eher schädlich. Unser Körper liebt Beständigkeit, sie ist essenziell für guten Schlaf. Arbeiten Sie lieber an Ihren Gewohnheiten unter der Woche, anstatt am Wochenende Schlaf nachzuholen. Oder fühlen Sie sich fit, wenn Sie zwölf Stunden durchgeschlafen haben?

  • Bei Vollmond schläft man schlechter

    Falsch. 45 Prozent der Deutschen gehen zwar davon aus, der Mond habe Einfluss auf ihren Schlaf. Ein Zusammenhang zwischen Mondphase und Schlafdauer ließ sich bisher aber nicht nachweisen. Erklären lässt sich dieser Volksglaube eher mit dem Phänomen selektiver Wahrnehmung: Wer nachts wach liegt und am Himmel den Vollmond entdeckt, prägt sich solche Momente stärker ein.

  • Nachts aufwachen nervt

    Jeder Mensch wacht im Schnitt fast 30 Mal pro Nacht auf – allerdings für so kurze Zeit, dass er sich am nächsten Morgen nicht daran erinnert. Das hat die Evolution prima eingerichtet. Für unsere Vorfahren war es essenziell, gelegentlich wach zu werden, wollten sie nicht von Feinden überrascht werden.

Die Forscher um Christoph Thaiss vom Weizmann Institute of Science in Rehovot prüften nun, ob die Darmflora damit etwas zu tun haben könnte. Sie ist nicht an der Verdauung beteiligt, sondern beeinflusst auch unsere Gesundheit erheblich. Aktuelle Untersuchungen legen zum Beispiel nahe, dass sie an der Entstehung von Asthma, Allergien, Übergewicht oder Diabetes beteiligt sein könnte.

Die Wissenschaftler untersuchten, wie sich die Zusammensetzung der Bakterien im Laufe des Tages ändert - zunächst bei Mäusen. Sie fanden, dass die Häufigkeit verschiedener Arten von Bakterien im Verlauf des Tages zu- und abnimmt. Auch spezifische Funktionen der Darmflora veränderten sich rhythmisch. Bei den nachtaktiven Nagern dominierten in der Dunkelphase etwa Stoffwechselwege, die mit dem Energiehaushalt, der Nahrungsverwertung oder dem Wachstum in Verbindung stehen. In der hellen Phase stand unter anderem die Entgiftung im Vordergrund.

Getaktet werde die innere Uhr der Bakterien auch über den Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme, berichten die Wissenschaftler. Veränderten die Forscher die Fütterungszeiten der Mäuse und den Hell-Dunkel-Wechsel, geriet die Darmflora durcheinander. Eine fetthaltige Ernährung führte unter diesen Bedingungen zu Übergewicht und Glukoseintoleranz, die als Vorstufe von Diabetes gilt. Bei den normal getakteten Mäusen geschah das nicht.

Übertrugen die Wissenschaftler die Darmflora von „Jetlag-Mäusen“ auf keimfreie Mäuse, legten diese ebenfalls an Gewicht und Körperfett zu. Auch ihr Blutzuckerspiegel stieg. Die Darmflora von Kontrolltieren bewirkte dies wiederum nicht.

Anschließend zeigten Thaiss und seine Mitarbeiter, dass auch die Darmflora des Menschen rhythmischen Schwankungen unterliegt und ein Jetlag ebenfalls die Zusammensetzung der Bakterien verändert. Mäuse, die Bakterien aus dem Darm solcher Probanden erhielten, nahmen zu und ihr Blutzuckerspiegel stieg.

Ihre Ergebnisse seien als vorläufig zu betrachten, schreiben die Wissenschaftler. Sie legten jedoch nahe, dass Störungen der inneren Uhr beim Menschen die mikrobielle Gemeinschaft im Darm veränderten, was wiederum Stoffwechsel-Probleme möglich mache. Dies könne die Verbindung zwischen Schichtarbeit, häufigen Flugreisen und Erkrankungen erklären. Zur Behandlung biete sich möglicherweise eine gezielt probiotische oder antimikrobielle Therapie an, schreiben die Forscher.

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„Dass sich die Darmflora in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme ändert, ist für mich als Mikrobiologen erst mal nicht so erstaunlich“, sagte Michael Blaut, Leiter der Abteilung Gastrointestinale Mikrobiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. Allerdings komme die Studie zu interessanten Ergebnissen. Sie liefere überzeugende Argumente dafür, dass ein Organismus auch in seiner Mikroflora abgebildet werde. Blaut betonte, dass Veränderungen der Darmflora wie die nach einem Jetlag innerhalb kurzer Zeit umkehrbar seien.

Eine Forschergruppe um Blaut hatte kürzlich gezeigt, dass das im menschlichen Darm vorkommende Bakterium Clostridium ramosum Übergewicht fördert. Es begünstigt scheinbar die Zucker- und Fettaufnahme aus dem Dünndarm.

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