Klon-Paper: Warum Forscher immer öfter Fehler publizieren

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Klon-Paper: Warum Forscher immer öfter Fehler publizieren

von Susanne Kutter

Zum zweiten Mal binnen weniger Jahre droht eine als bahnbrechend eingestufte Forschungsarbeit über das Klonen in einem Wissenschaftsskandal zu enden. Über die Wissenschaft und ihre Skandale.

Die Forscherwelt ist mal wieder sprachlos. Zum zweiten Mal binnen weniger Jahre droht eine als bahnbrechend eingestufte Forschungsarbeit über das Klonen in einem Wissenschaftsskandal zu enden. Auslöser ist eine Veröffentlichung des Reproduktionsbiologen Shoukhrat Mitalipov und seiner Kollegen von der Oregon Health & Science University im renommierten Wissenschaftsmagazin „Cell“.

17 Jahre nach der Geburt von Klon-Schaf Dolly sei es gelungen, nun auch menschliche Zellen zu klonen, um Stammzellen für Therapien gegen schwere Krankheiten zu gewinnen, schreiben die Forscher in dem Aufsehen erregenden Fachaufsatz. Nach rekordverdächtigen vier Tagen Prüfung akzeptierte die „Cell“-Redaktion den Text und veröffentlichte ihn im Mai online. Doch kaum war die Arbeit publik, meldete PubPeer Zweifel an, eine Internet-Plattform, auf der sich Wissenschaftler anonym zu Veröffentlichungen äußern können. Einige Fotos seien mehrfach verwendet, aber unterschiedlich beschriftet, andere Abbildungen fehlten.

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„Nicht schon wieder“, stöhnen Klonforscher wie Miodrag Stojkovic auf. Einst verließ er Deutschland, um in England Versuche zum Klonen von menschlichen Zellen unternehmen zu können. Nun sieht er starke Parallelen zum großen Betrugsskandal vor acht Jahren. Damals hatte der südkoreanische Klonforscher Hwang Woo-suk seine frei erfundenen Ergebnisse von angeblich geklonten menschlichen embryonalen Stammzellen im renommierten Wissenschaftsjournal „Science“ veröffentlicht.

Aufgeflogen war die Sache – genau wie jetzt – anhand von Fotos, die mehrfach auftauchten, um unterschiedliche Sachverhalte zu belegen. „Das ist eine unglaubliche Schlamperei“, wettert Stojkovic.

Biotechnik Was die neuen Gen-Technologien bringen

Geklonte menschliche Zellen, Designerbabys und Gentests mit weitreichenden Folgen: welche neuen Therapien die Forscher für Patienten heute schon parat haben – und worum sich die aufgeregten Debatten drehen.

Beim Klonen wird mit Hilfe einer Pipette der Kern einer Eizelle entfernt und durch den einer fremden Hautzelle ersetzt. Aus der Eizelle kann sich ein Embryo entwickeln, dessen Erbgut identisch mit dem des Spenders der Hautzelle ist. Forscher um Shoukhrat Mitalipov, von der Oregon Health & Science University behaupten, dass ihnen dies erstmals mit einer menschlichen Eizelle gelungen ist. Quelle: dpa

Sein Stammzellforscher-Kollege Jürgen Hescheler vom Institut für Neurophysiologie der Universität Köln hält Unstimmigkeiten wie im Mitalipov-Paper zudem nur für die Spitze des Eisberges: „Der hohe Druck auf die Wissenschaftler führt zu solchen unerwünschten Auswirkungen.“

Der Effekt: Obwohl die Möglichkeiten, Fehler aufzudecken, heute sehr viel besser ist als noch vor 100 Jahren, nimmt die Zahl der veröffentlichten Falschinformationen stetig zu. Und die Beiträge schaffen es bis in hochrangigste Fachzeitschriften.

Sechs Thesen, warum das so ist.

  • Publikationszwang

    „Die Publikation ist die Währung der Wissenschaft“, sagt Wolfgang Löwer, Jura-Professor in Bonn und Sprecher des Ombudsgremiums der Deutschen Forscher. Wer seine Ergebnisse nicht veröffentlicht und damit der Forschergemeinde präsentiert, gelte als nicht existent. Löwer ist einer der wichtigsten Experten, wenn es um mögliche oder tatsächliche Betrugsfälle in der deutschen Wissenschaft geht.

    Dabei hat sich die Veröffentlichungskultur in den letzten Jahren dramatisch verändert, hat Armin Himmelrath festgestellt. Der Fachbuchautor hat in seinem Buch „Der Sündenfall“* deutsche Wissenschaftsbetrugsfälle aufgearbeitet. Die Zeiten seien vorbei, als auch zweite Arbeiten als sehr verdienstvoll galten, sagt Himmelrath. Dabei sind es gerade Zweitveröffentlichungen, die die ersten Ergebnis bestätigten und damit erst wertvoll und glaubhaft machten. „Heute zählt nur noch, wer die erste Publikation einer neuen Technik oder Erkenntnis hat.“

  • Produktionsdruck

    Mehr denn je gilt daher: Wer sich profilieren will, muss schnell sein. Im Zweifel besser schnell als genau. Das führt – mindestens – zu Flüchtigkeitsfehlern. Und möglicherweise scheint es sich beim aktuellen Fall auch eher um eine Panne als um eine bewusste Täuschung zu handeln. Zumindest stellt Biologe Mitalipov, der das Forscherteam in Oregon leitet, es so dar. Er räumte die Fehler – anders als seinerzeit Hwang – umgehend ein. Der Zeitdruck beim Zusammenstellen der Unterlagen für die Publikation sei der Grund gewesen, warum Fotos vertauscht worden seien. Alles andere sei korrekt, beteuert Mitalipov: „Die Ergebnisse sind echt, alles ist echt.“

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