Kosmodrom Wostotschny: Putins Weltraumbahnhof wird zum schwarzen Geldloch

Kosmodrom Wostotschny: Putins Weltraumbahnhof wird zum schwarzen Geldloch

, aktualisiert 23. Juli 2016, 12:58 Uhr
Bild vergrößern

Nach dem Start im vergangenen April werden erst wieder 2017 Raketen vom neuen Kosmodrom aus ins All fliegen.

von André BallinQuelle:Handelsblatt Online

Erfolgsmeldungen über Wostotschny sind rar. Erst eine Rakete startete von dem Kosmodrom, das eigentlich schon 2015 fertig sein sollte. Jetzt droht dem Prestigeprojekt der russischen Raumfahrt ein neuer Finanzskandal.

MoskauNeuer Skandal um den Weltraumbahnhof Wostotschny in Russlands Fernem Osten: Dem staatlichen Bauunternehmen Spezstroi fehlen umgerechnet 100 Millionen Euro, um die erste Ausbaustufe des Kosmodroms fertig zu stellen. Die Raumfahrtagentur Roskosmos will kein Geld nachschießen. Die rechtzeitige Inbetriebnahme ist damit in Gefahr – es wäre nicht der erste Verzug.

Wostotschny ist ein Projekt nationaler Größenordnung. 2007, als die russische Wirtschaft dank hoher Ölpreise boomte, wurden die Planungen angeschoben. Russland wollte sich unabhängig machen von Kasachstan, auf dessen Territorium seit dem Zerfall der Sowjetunion das bekannte Sternenstädtchen Baikonur liegt. Die Pacht für diesen Raketenstartplatz kostet Russland jährlich 300 Millionen Dollar.

Anzeige

Seit 2012 laufen die Bauarbeiten an Wostotschny, die allerdings schnell ins zeitliche Hintertreffen gerieten. Mehrere Korruptionsskandale erschütterten das Projekt. Bauarbeiter streikten wegen ausbleibender Gehälter, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Versickerns riesiger Summen, wobei die offiziellen Zahlen zwischen fünf und 16 Milliarden Rubel (70 bis 230 Millionen Euro) schwanken. Der ursprüngliche Eröffnungstermin 2015 war deswegen schon vor langer Zeit aufgegeben worden.

Im vergangenen April konnte schließlich die erste Sojus-Rakete vom neuen Weltraumbahnhof starten –  im Beisein von Kremlchef Wladimir Putin, der zuvor wiederholt seinen Unmut über die Verzögerungen bei dem Prestigeprojekt artikuliert hatte. Der Start glückte, wenn auch erneut erst mit einem Tag Verspätung, weshalb es statt der erhofften Auszeichnungen nur Verweise für eine Reihe von Funktionären aus dem Raumfahrtsektor gab.

Fertig ist die erste Ausbaustufe nach dem Abschuss ohnehin noch nicht. Erst elf von 20 Objekten sind in Betrieb. Bis 31. Oktober sollen die übrigen übergeben werden – weitere Raketenstarts sind erst 2017 geplant.

Doch der Übergabetermin ist nun durch neue Probleme in Gefahr. Die für den Bau verantwortliche Holding Spezstroi hat bei Roskosmos weitere sieben Milliarden Rubel (100 Mio. Euro) angefragt, um weiterarbeiten zu können. Zum Vergleich: Bislang (Stand Mai) wurden für den Bau bereits 84 Milliarden Rubel (1,2 Mrd. Euro) ausgegeben.

Bei Roskosmos ist man alles andere als begeistert über die unerwartete Preiserhöhung. Zahlen will die Raumfahrtagentur nicht: „Alle Mittel für die Objekterrichtung der ersten Ausbaustufe Wostotschnys wurden dem Generalauftragnehmer bereits zur vereinbarten Zeit überwiesen“, wies ein Roskosmos-Sprecher das Ansinnen nach mehr Geld kühl zurück.


„Es werden Köpfe rollen“

Der für den Industrie- und Rüstungssektor zuständige Vizepremier Dmitri Rogosin, der sich selbst wegen der Verzögerungen im April einen Rüffel von Putin abgeholt hatte, kündigte bereits Konsequenzen an. „Es werden Köpfe rollen“, zitierte die Tageszeitung Kommersant einen Beamten nach einer Besprechung mit Rogosin.

Das Problem ist mit Entlassungen freilich nicht gelöst: Ohne frisches Geld ist die termingerechte Fertigstellung offenbar nicht zu machen. Angesichts der knappen Kassen, die schon zu mehreren Einschnitten im diesjährigen Staatshaushalt geführt haben, ist dabei derzeit noch unklar, woher die Finanzierung kommen soll.

Eine Folge haben die Dauerschwierigkeiten in jedem Fall. Bei der zweiten Ausbaustufe wird Roskosmos nicht mehr allein auf die Dienste von Spezstroi setzen, sondern eine Ausschreibung veranstalten. Weitere Verzögerungen will man in Moskau nämlich auf jeden Fall vermeiden.

2021 sollen die Startrampen in Wostotschny auch die schweren Angara-Raketen abschießen können, die mit einer größeren Zuladung dem Raumfahrtprogramm neuen Schub geben sollen. 2023 ist nach Angaben von Igor Marinin, Mitglied der russischen Raumfahrtakademie Ziolkowski, der erste bemannte Raumflug von Wostotschny aus geplant. Dann kann der Weltraumbahnhof am Amur nahe der russisch-chinesischen Grenze tatsächlich den Großteil der Aufgaben Baikonurs übernehmen.

Die Pläne sind nach wie vor hochfliegend: Russland hat ein eigenes Mondflugprogramm entworfen. Die ersten Satelliten sollen bereits in zwei Jahren zum Erdtrabanten fliegen. Ab 2029 könnte der erste russische Kosmonaut auf dem Mond landen.

Mit einer neuen, superschweren Rakete namens Föderation, die bis zu 80 Tonnen Zuladung erlaubt, sollen dann ab 2035 bemannte Mondflüge schon zur alljährlichen Routine werden. Und potenziell visiert Russland mit seinen Neuerungen dann von Wostotschny aus auch den Mars an.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%