Krankenkasse warnt: Deutsche nehmen zu viel Antibiotika

Krankenkasse warnt: Deutsche nehmen zu viel Antibiotika

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Die DAK-Gesundheit hat ihren Antibiotika-Report vorgelegt.

Die Nase läuft, es kratzt im Hals - viel zu schnell verschreiben Ärzte dann ein Antibiotikum, warnt die DAK. Mit fatalen Folgen: Es bilden sich Resistenzen, im Ernstfall gibt es kein Mittel mehr gegen die Bazillen.

Die eindringlichen Warnungen von Experten vor häufigem Antibiotika-Einsatz sind anscheinend wirkungslos verpufft: Ein Report der gesetzlichen Krankenkasse DAK zeigt, dass die Deutschen noch immer zu viel Antibiotika schlucken. In der Folge werden immer mehr Bakterien resistent gegen die Medikamente. Infektionen werden dann zu einer Gefahr, weil die Mittel nicht mehr wirken.

Laut der Untersuchung war nahezu jede dritte Verschreibung eines Antibiotikums im vergangenen Jahr mit Blick auf die Diagnose fragwürdig. Zudem seien 40 Prozent der Befragten nur schlecht über die vorgesehenen Einsatzgebiete der Wirkstoffe informiert gewesen. Dadurch werden die Medikamente nicht zielgerichtet eingesetzt. Oft werden sie auch bei grippalen Infekten verschrieben, obwohl sie gegen Viren wirkungslos sind.

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Diese Fehlverschreibungen sind in der Erkältungszeit besonders häufig, obwohl die Mittel gegen Bronchitis, Husten und Co. meist unnötig sind. Arzneimittelexperte Gerd Glaeske erklärt, dass Erkältungen in 80 bis 90 Prozent der Fälle von Viren verursacht würden. Eine zusätzliche bakterielle Besiedlung sei eher selten.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Dieses Wissen ist noch immer nicht weit genug verbreitet. In dem DAK-Report zeigte sich, dass von 3100 Befragten etwa drei Viertel eine Antibiotika-Verschreibung erwarten, wenn eine Erkältung nicht von selbst schnell besser wird. Ein Viertel glaubt, durch eine Antibiotika-Verschreibung schneller wieder fit für den Job zu sein. Werden die Medikamente eingenommen, obwohl sie eigentlich unnötig sind, schaden sie mehr als sie nutzen, sagt Glaeske. "Sie können Nebenwirkungen verursachen und verschärfen das Risiko der Resistenzbildung."

Das kann dramatische Folgen haben, die etwa in den Krankenhäusern sichtbar werden. Daten der DAK zu Krankenhausaufenthalten zeigen, dass bei immer mehr Patienten sogenannte Krankenhauskeime nachgewiesen werden. Dabei handelt es sich um Bakterienstämme, die gegen die gängigen Antibiotika resistent geworden sind. Gegen sie gibt es nur noch Reserveantibiotika, die ausschließlich gegen resistente Erreger eingesetzt werden. Doch auch bei diesen Mitteln entwickeln sich "aufgrund des unkritischen Umgangs mittlerweile Resistenzen", erläutert Frank Kipp, leitender Krankenhaushygieniker am Universitätsklinikum Münster. Vor allem für Patienten mit geschwächter Immunabwehr können Infektionen mit solchen Erregern lebensgefährlich werden.

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Viele Infektionen mit Klinikkeimen führt der Experte auf mangelnde Handhygiene zurück. "Um die Keimausbreitung zu stoppen, ist die konsequente Umsetzung der Hygieneregeln und die Investition in die Ausbildung qualifizierter Fachleute wichtig", betont Kipp.

Bei den Verordnungen zeigt sich im DAK-Report ein deutlicher Unterschied zwischen Ost und West. Im Durchschnitt nahmen die Menschen in Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern mit 4,5 bis 5 Tagesdosen weniger Antibiotika ein. In den westlichen Bundesländern hingegen griffen die Ärzte häufiger zum Rezeptblock: DAK-Versicherte bekamen im Saarland, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen 7 Tagesdosen verordnet.

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