Marssonde Schiaparelli: Hängepartie am Roten Planeten

Marssonde Schiaparelli: Hängepartie am Roten Planeten

, aktualisiert 19. Oktober 2016, 21:13 Uhr
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Die Ilustration der Esa zeigt, wie das Schiaparelli-Modul durch die Atmosphäre des Mars fliegt. Die Sonde sollte am Mittwoch auf dem Roten Planeten landen und Daten senden.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Esa hat den Kontakt zu ihrer Marssonde Schiaparelli kurz vor der Landung auf dem Roten Planeten verloren. Kein gutes Zeichen für die Mission ExoMars, doch ganz aufgeben will man die Hoffnung noch nicht.

BerlinDie Europäische Weltraumorganisation Esa hat nach eigenen Angaben kurz vor der Marslandung des Raumfahrzeugs Schiaparelli das Signal zu dem Gefährt verloren. Dies sei kein gutes Zeichen, erklärte der Esa-Einsatzleiter Paolo Ferri am Mittwochabend.

Weitere Analysen der gelieferten Daten seien notwendig, um zu verstehen, was mit dem Mars-Lander passiert sei. „Wir haben noch Hoffnung und bekommen hoffentlich klarere Ergebnisse in der Nacht“, sagte Esa-Chef Jan Wörner am Mittwochabend in Darmstadt.

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Bestätigen konnte die Esa zunächst nur, dass Schiaparelli wie geplant in die Atmosphäre des Planeten eingetreten ist. Auch der Fallschirm des Raumfahrzeugs habe sich entfaltet, sagte der Projektmanager der Mission ExoMars, Don McCoy. Entscheidend ist nun, ob der Lander tatsächlich die Marsoberfläche erreicht hat und in der Lage ist, Daten zu senden. Eine mögliche Bestätigung dafür wird es wohl frühestens auf einer für Donnerstagmorgen vorgesehenen Pressekonferenz der Esa geben.

Schiaparelli sollte gegen 16.45 Uhr MESZ mit einem Tempo von sechs Kilometer pro Sekunde in die Atmosphäre eintreten. Vorgesehen war, dass ein Fallschirm die 600 Kilogramm schwere Sonde auf 250 Meter pro Sekunde abbremst. Das Modul sollte dann nach einem kurzen Einsatz seiner Triebwerke im freien Fall die Oberfläche erreichen. Eine verformbare Struktur, die der Knautschzone eines Autos ähnelt, sollte die Wucht des Aufpralls auffangen.

Schiaparelli und die Atmosphärensonde Trace Gas Orbiters (TGO) waren vor sieben Monaten vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan gestartet. Sie gehören zum ExoMars-Programm, mit dem Europa und Russland gemeinsam nach Hinweisen auf Leben auf dem Wüstenplaneten suchen.

Bestätigen konnte die Esa, dass der TGO am Abend nach schwierigen technischen Flugmanövern auf die vorgesehene Umlaufbahn um den Mars eingeschwenkt ist. „Es ist wirklich ein großer Moment, dass dieser TGO, mit dem wir Methan in der Atmosphäre untersuchen wollen, schon jetzt ein Erfolg ist“, sagte Wörner.


Europa will im Wettlauf zum Mars mitmischen

Mit dem ehrgeizigen Projekt ExoMars meldet der Alte Kontinent ernsthafte Ansprüche an beim internationalen Wettrennen zum Roten Planeten. Europas Raumfahrtagentur Esa will künftig stärker mitmischen bei der Erforschung unseres Nachbarplaneten. „Das ist für Europa ein ganz wichtiger Schritt um zu zeigen, dass wir diese Technologie im Griff haben“, sagte Esa-Chef Jan Wörner kurz vor dem geplanten Auftreffen der Sonde auf dem Mars.

Längst ist der Wettbewerb eröffnet: In Amerika und China, das am Mittwoch zwei Raumfahrer in sein Raumlabor Tiangong 2 schickte, tüfteln Wissenschaftler an Mars-Missionen. Technikpioniere wie US-Unternehmer Elon Musk wollen Menschen dorthin schicken. Auch US-Präsident Barack Obama gibt ehrgeizige Ziele vor: „Bis 2035 sollen Astronauten auf dem Mars landen.“

Für Europa und seinen deutschen Raumfahrtchef Jan Wörner bildet die ExoMars-Mission das Ende eines bemerkenswerten Jahres. Nach der spektakulären Erkundung des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko soll die Expedition die Grundlage sein für die Mars-Erforschung mit einem Fahrzeug. Schiaparelli und der zugehörige Satellit Trace Gas Orbiter (TGO) bilden nämlich nur die Vorhut. „2020 wollen wir mit unserem russischen Partner Roskosmos einen Rover zum Mars schicken“, sagt Wörner.

Das Ziel ist klar: Die Esa mit Sitz in Paris will sich als seriöser Partner zeigen. „Mit einem erfolgreichen ExoMars-Programm dürfte Europa die Tür für weitere internationale Projekte offenstehen“, sagt der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Igor Komarow.

In ExoMars investiert die Esa 1,3 Milliarden Euro, eine weitere Milliarde kommt Schätzungen zufolge von Roskosmos. Die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Europa und Russland war entstanden, weil sich die USA 2012 aus finanziellen Gründen zurückgezogen hatten. Allen politischen Spannungen zum Trotz, fand die Esa mit Moskau einen neuen Partner, um Europas erste erfolgreiche Mars-Landung anzugehen.


2020 soll ein europäischer Rover zum Mars fliegen

Auf dem Mars landen: Was so schlicht klingt, ist ein schwieriges Unterfangen. Dutzende Sonden haben in den vergangenen 50 Jahren eine solche Landung versucht. Manche flogen vorbei, andere zerschellten auf der Oberfläche. Erfolgreich waren nur acht US-Module und ein sowjetisches Messgerät, das aber schnell den Betrieb einstellte.

Europa versuchte es 2003 mit Beagle 2, doch die Sonde sendete nie Daten zur Erde. Die Faszination für den rötlich schimmernden Planeten ist bei Laien und Experten dennoch ungebrochen. „Aber bis Raumfahrer den Sonden folgen, wird noch viel Zeit vergehen. Eine bemannte Mission ist teuer und gefährlich“, sagt der russische Wissenschaftler Igor Mitrofanow.

Doch ExoMars lässt die Vision näher rücken. Denn der Satellit Trace Gas Orbiter soll in den kommenden Jahren in der dünnen Gashülle des Mars nach Stoffen suchen, die von einfachen Lebensformen stammen könnten. Von besonderem Interesse ist Methan, das auf der Erde keinen guten Ruf hat, weil es als Treibhausgas den Klimawandel forciert. Auf der Erde wird das Spurengas auch von Bakterien freigesetzt. Könnte es sein, dass es auf dem Mars Mikroorganismen gibt?

„ExoMars ist ein weiterer Versuch, eine der schwierigsten Fragen zu lösen, die auch viele Raumsonden nicht beantworten konnten: Gab oder gibt es Leben auf dem Mars, der vermutlich vor rund vier Milliarden Jahren mit Wasser bedeckt war?“, sagt Oleg Orlow vom Moskauer Institut für biomedizinische Probleme. Gerätselt wird darüber spätestens seit der Beobachtung von Giovanni Schiaparelli, der dem 600 Kilogramm schweren ExoMars-Landemodul seinen Namen leiht.

Der italienische Astronom entdeckte um 1877 per Teleskop dunkle Linien auf der Mars und bezeichnete sie als „canali“ (Kanäle). Auf der Erde führte dies zu Spekulationen über mögliche Lebewesen dort. Wasser und Leben stehen im Zentrum der Marsforschung, seit Experten den Nachbarplaneten als roten Punkt am Himmel sehen können.

Auch bei der zweiten Phase von ExoMars dreht sich alles darum. Der Rover, der 2020 zum Mars fliegen soll, bekommt einen Bohrer, mit dem er in tiefe Schichten des Gesteins eindringen und in Proben nach biologischen Molekülen suchen soll. Bei Esa und Roskosmos laufen die Vorbereitungen bereits, doch die Arbeit ist kompliziert.

Denn anders als bei Schiaparelli, das unter Esa-Leitung entwickelt wurde, ist der Bau des Landemoduls für den Rover ein echtes Gemeinschaftswerk. „Jedes Mal, wenn Russland auch nur eine Schraube auf dem Raumschiff ändert, müssen wir prüfen, ob wir bei unserem Beitrag etwas anpassen müssen. Und umgekehrt“, sagt Esa-Experte Jorge Vago. „Das macht die Herausforderung größer.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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