Martin Blaser: "Der Urwald in uns"

ThemaGesundheit

InterviewMartin Blaser: "Der Urwald in uns"

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US-Biologe Martin Blaser mahnt, die Kollateralschäden von Antibiotika stärker zu beachten.

von Susanne Kutter

Antibiotika schaden den guten Bakterien in uns, warnt der US-Biologe. Die Folge: Die Mittel machen uns statt gesund krank – und dick.

WirtschaftsWoche: Professor Blaser, die meisten Forscher sorgen sich, dass Antibiotika nicht mehr gegen lebensbedrohliche Krankheiten wirken. Sie dagegen warnen vor diesen Medikamenten, weil sie unseren Darmbakterien schaden. Ist das so tragisch?

Blaser: Ich meine nicht den Durchfall, den Sie nach der Einnahme eines Antibiotikums bekommen. Mir geht es um die Vielzahl von Mikroben in Milliardenstärke, die unser Körper beherbergt und die alle äußerst wichtig für uns sind, nicht nur im Darm. Sie helfen uns bei der Verdauung unseres Essens, sie machen Vitamine für uns, sie schützen uns vor Krankheitserregern, sie trainieren unser Immunsystem. Die Gesamtheit dieser hilfreichen Organismen – das sogenannte Mikrobiom – ist so vielfältig wie ein tropischer Urwald. Doch dieses Biotop in uns verändert sich.

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Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Und diese Veränderungen sind von Menschen gemacht?

Ja. Ich gehe davon aus, dass viele dieser Veränderungen eine unbeabsichtigte Folge von etwas sehr Positivem sind – den Antibiotika.

Sie halten diese Wirkstoffe also nicht generell für gefährlich?

Es ist wunderbar, dass es sie gibt. Denn sie bekämpfen Mikroben, die uns krank machen und umbringen können. Aber wir erkennen allmählich auch die negativen Konsequenzen: Die Antibiotika schädigen eben auch all diese hilfreichen Mikroben. Eine Art Kollateralschaden. Und diese Folgen hatten wir bisher nicht berücksichtigt.

Wirkungslose Antibiotika Gefährlicher Kampf gegen Killerkeime

Viele Pharmakonzerne haben die Antibiotikaforschung vernachlässigt. Die WHO kritisiert: Passiert nichts, müssten Ärzte bald wieder hilflos zusehen, wie Menschen an kleinsten Wundinfektionen sterben.

Quelle: Fotolia


Sie sprechen dabei aber nicht über Resistenzen?

Nein, dass die krank machenden Keime Resistenzen gegen die Antibiotika entwickeln, ist ein ganz anderes Thema. Dadurch entstehen zwar auch Folgekosten, weil diese Medikamente in der Zukunft unwirksam werden und wir neue Wirkstoffe entwickeln müssen. Aber diese Kosten trägt die Gesellschaft. Die Konsequenzen, die ich meine, trägt jeder Einzelne von uns.

Zur Person

  • Martin Blaser

    Blaser, 65, ist Mikrobiologie-Professor an der New York University. Er leitet das Human Microbiome Program und erforscht all die hilfreichen Bakterien, die unseren Körper besiedeln. Über die Gefahr, die ihnen durch Antibiotika drohen, hat er jetzt das Buch "Missing Microbes" geschrieben.

Und wie sehen diese Folgen aus?

Sie betreffen die Art und Weise, wie sich unsere Kinder entwickeln. Ob sie zum Beispiel dick werden oder Diabetes bekommen. Nicht ohne Grund werden Antibiotika als Mastbeschleuniger eingesetzt. Oder ob sie an Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung, leiden, weil ihre Immunabwehr gestört ist. Und ob sich ihr Nervensystem korrekt entwickelt, wenn das Mikrobiom gestört ist, wissen wir auch noch nicht. Es gibt aber Hinweise auf einen Zusammenhang mit Krankheiten wie dem Autismus.

Das klingt ja gruselig.

Das ist es auch.

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