Masern: Die nächste Epidemie kommt bestimmt

Masern: Die nächste Epidemie kommt bestimmt

, aktualisiert 25. April 2017, 09:20 Uhr
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2017 könnte wieder ein Jahr der Masen-Epidemien in Deutschland werden.

von Peter ThelenQuelle:Handelsblatt Online

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur nächsten Masern-Epidemie kommt. Aus Anlass der europäischen Impfwoche wirbt Gesundheitsminister Hermann Gröhe deshalb: Lassen Sie ihre Kinder impfen!

Berlin2017 könnte wieder ein Jahr der Masen-Epidemien in Deutschland werden. Nachdem bei diesem Thema im vergangenen Jahr etwas Ruhe eingekehrt war, warnt das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin nun schon seit längerem wieder vor einer neuen Erkrankungswelle. Bereits Ende März war die Zahl der Masernfälle höher als im gesamten Jahr 2016. 410 Krankheitsfälle wurden an das RKI gemeldet, 85 mehr als im ganzen Vorjahr.

Grund genug für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, die am heutigen Montag gestartete Impfwoche für einen dringenden Appell an die Eltern zu nutzen, ihre Kinder rechtzeitig gegen Masern impfen zu lassen: „Wir brauchen eine gemeinsame Kraftanstrengung der Ärzteschaft, Schulen, Kitas, der Betriebe und natürlich auch der Familien, damit Masern in Deutschland der Vergangenheit angehören. Denn alle tragen gemeinsam Verantwortung dafür, die Masern auszurotten.“

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Die letzten großen Erkrankungswellen in Deutschland hat es 2013 und 2015 gegeben: Vor zweit Jahren erkrankten deutschlandweit über 2400 Kinder und Erwachsene. 2013 wurden fast 1800 Erkrankungen gemeldet. Die Masernwelle 2015 sorgte vor allem in Berlin für Schlagzeilen. Denn dort allein gab es über 1200 Erkrankungen vor allem in Kiezen wie Prenzlauer Berg, in denen die Zahl der Impfverweigerer unter den Eltern besonders groß ist.

Debatte um die Impfung

Seit 2013 gab es immer wieder heftige Debatte darüber, ob Kinderkrippen und Kindergärten nicht das Recht haben müssten, ungeimpften Kindern den Besuch zu verweigern. Überzeugte Impfgegner mussten sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie gefährdeten nicht nur die Gesundheit ihrer eigenen Kinder, sondern auch die anderer Kinder und Erwachsener. Die Verweigerung der Impfung sei also genau genommen Körperverletzung. Die Forderung nach einer Impfflicht wurde laut, wie sie in der DDR gegolten hat.

Diese Debatten sind längst noch nicht ausgestanden und könnten im Lauf des Jahres wieder aufflammen, sollten die Vorhersagen des RKI eintreffen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will jedoch weiterhin von einer Impfpflicht nichts wissen. Er verweist stattdessen auf neue gesetzlichen Regelungen, die unter seiner Führung bereits in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht wurden. Nach dem Mitte 2015 in Kraft getretenen Präventionsgesetzes muss heute bei allen Routineuntersuchungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie den Jugendarbeitsschutzuntersuchungen der Impfschutz überprüft werden. Und Kitas haben inzwischen tatsächlich das gesetzlich verbriefte Recht, einen Nachweis über eine ärztliche Impfberatung zu verlangen, bevor sie ein neues Kind aufnehmen.

Beim Auftreten von Masern in einer Gemeinschaftseinrichtung wie Kita, Schule oder Hort können die zuständigen Behörden zudem ungeimpfte Kinder vorübergehend ausschließen. Außerdem können medizinische Einrichtungen die Einstellung von Beschäftigten vom Bestehen eines erforderlichen Impf- und Immunschutzes abhängig machen. Wirkung hat die neue Rechtslage aber bisher nur zum Teil entfaltet. „Die aktuellen Zahlen und die Masernausbrüche zeigen, dass wir immer noch zu große Impflücken haben“, gesteht Gröhe ein.


Ein unhaltbarer Zustand

Auch aktuelle Daten der Apotheken sprechen hier eine deutliche Sprache: In Deutschland werden danach trotz der schärferen gesetzlichen Regelungen sogar wieder weniger Kinder und Erwachsene gegen Masern geimpft. So seien im Jahr 2016 nur noch 1,9 Millionen Impfdosen im Wert von 122 Millionen Euro von Apotheken an Ärzte abgegeben worden, inklusive Kombinationsimpfstoffen mit Mumps, Röteln und Windpocken, verweist die Arbeitsgemeinschaft deutscher Apothekerverbände (ABDA) auf neue Daten des Deutschen Arzneimittelprüfungsinstituts.

Das entspricht einem Rückgang von mengenmäßig 18 Prozent und wertmäßig 14 Prozent. Die Impfbereitschaft scheint mithin nach den heftigen Debatten der vergangenen Jahre wieder abzuflauen. 2015 war der Umsatz mit Masern-Impfstoffen geradezu sprunghaft um 49 Prozent auf 142 Millionen Euro gestiegen.

Das Robert-Koch Institut moniert nicht nur, dass bei der Zweitimpfung die für einen umfassenden Schutz der Bevölkerung nötige Impfquote von über 95 Prozent noch nicht erreicht ist. Es moniert auch, dass Eltern ihre Kinder vielfach zu spät für die zweite Impfung anmelden: Nur 73,7 Prozent des Geburtsjahrgangs 2013 waren am Ende ihres zweiten Lebensjahres gemäß der Empfehlung der Ständigen Impfkommission zweimal gegen Masern geimpft. „Damit ist jedes Jahr bei rund 180.000 Zweijährigen in Deutschland ein ausreichender Schutz gegen Masern ungewiss, oder sie sind gar nicht geimpft, das ist ein unhaltbarer Zustand“, sagt Lothar H. Wieler, Präsident des RKI.

Impfquote von 95 Prozent wäre notwendig

Im Bundesschnitt hatten im Jahr 2015 nur 92,8 Prozent der Schulanfänger die maßgebliche zweite Masern-Impfung erhalten, genauso viele wie 2014. Die für die Elimination der Masern erforderliche Impfquote von 95 Prozent für zwei Impfungen, die als Indikator für eine ausreichende Bevölkerungsimmunität dient, wird unter Schulanfängern bislang nur in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Gestiegen sind laut RKI dagegen die Impfquoten bei Windpocken, Meningokokken und Pneumokokken, hier setzt sich der positive Trend der vergangenen Jahre fort. Leicht gesunken sind sie für Tetanus, Diphtherie, Hämophilus influenzae, Polio und Hepatitis B.

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wirbt daher verstärkt für einen wirksamen Impfschutz. „Mit unseren Informationsmaßnahmen richten wir uns gezielt an Eltern und an nach 1970 geborene Erwachsene. Denn zum Schutz vor Masern ist nicht nur der rechtzeitige Aufbau des Impfschutzes bis zum Ende des zweiten Lebensjahres von großer Bedeutung, auch Erwachsene, die nach 1970 geboren sind, sollten ihren Impfschutz gegen Masern überprüfen lassen“, betont Heidrun Thaiss, Leiterin der BZgA.

Die BZgA hat neue Erklärvideors erstellen lassen. Zur Europäischen Impfwoche schaltet sie bundesweit den Kinospot zur Masern-Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“. Ein neues Merkblatt mit einfachen Tipps zum stress- und schmerzarmen Impfen, die auf den aktuellen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ständigen Impfkommission (STIKO) basieren, wird auf der Internetseite www.impfen-info.de zum Download angeboten.


Kein Land kann das Problem allein lösen

Europäische Impfwoche deshalb, weil ein Land allein das Problem nicht lösen kann. Dies zeigt ein Blick auf die aktuelle Lage: In acht EU-Ländern inklusive Deutschland ist es in den letzten Wochen zu einem Anstieg von Masernerkrankungen gekommen. Am schlimmsten betroffen ist Rumänien. Das Land gehört neben Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und Polen zu den Ländern, in denen die Masern endemisch sind. Alle vier bis fünf Jahre kommt es in dem Balkanstaat zu einer Epidemie.

Die jüngste Epidemie hat seit September letzten Jahres zu 3446 gemeldeten Erkrankungen geführt, die in bisher 17 Fällen tödlich endeten. Betroffen sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder. Das Epizentrum befindet sich mit 728 Erkrankungen im Kreis Caraș-Severin an der Grenze zu Serbien.

In Italien sind von Anfang des Jahres bis Mitte März 2017 laut Medienberichten 700 Fälle aufgetreten. Dies entspricht einem Anstieg um 230 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr. Die meisten Fälle traten in Piemont, Latium, der Lombardei und der Toskana auf. Die meisten Patienten sind zwischen 15 und 39 Jahre alt. Seit Februar sind in der Stadt Pescara 75 nicht geimpfte junge Erwachsene erkrankt, von denen 25 im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Nicht zu unterschätzen ist auch die zusätzliche Ansteckungsgefahr, die durch die Zuwanderung von Asylanten entsteht. Masernausbrüche in Flüchtlingsunterkünften sorgten vor allem im vergangenen Jahr für Schlagzeilen in vielen Lokalzeitungen. Das RKI wirbt daher dafür, den Impfstatus von Flüchtlingen so früh wie möglich zu überprüfen.

Der deutsche Hausarztverband fürchtet, dass am Ende alle Öffentlichkeitsarbeit für einen umfassenden Impfschutz auch bei anderen Krankheiten wenig helfen wird, sollte es erneut zu Lieferengpässen bei Impfstoffen kommen. „Seit vielen Jahren haben wir immer wieder damit zu kämpfen, dass bestimmte Impfstoffe nicht lieferbar sind und unsere Patienten teilweise monatelang auf dringend notwendige Impfungen warten müssen. Das ist ein unerträglicher Zustand“, so der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Lieferengpässe bei Human-Impfstoffen

Er verweist auf Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts. Danach bestehen aktuell Lieferengpässe bei einer Reihe von Human-Impfstoffen, unter anderem für Impfungen gegen Keuchhusten, Diphterie und Tetanus sowie Polio.

„Wir bekommen aus den Praxen gerade in diesem Jahr vermehrt die Rückmeldung, dass es bei der Lieferung bestimmter Impfstoffe zu Problemen und starken Verzögerungen kommt. Dieses Thema ist ja beileibe nicht neu und wird seit vielen Jahren diskutiert. Es ist dringend an der Zeit, das Problem endlich oben auf die Agenda zu setzen“, so Weigeldt. Auch bei Vielfachimpfstoffen gegen Kinderkrankheiten wie Masern und Röteln hat es solche Engpässe in der Vergangenheit schon gegeben.

Noch sind allerdings solche vorübergehenden Engpässe das kleinere Problem im Vergleich zur Impfmüdigkeit der Deutschen. Deutschland gehöre wegen der mangelnden Bereitschaft, sich impfen zu lassen zu den 14 Ländern in Europa, die die von Weltgesundheitsorganisation HO vereinbarten Ziele zur Erhöhung der Impfquoten nicht erreicht, klagt SPD-Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis. Sie setzt wie der CDU-Mann Gröhe auf mehr Aufklärung und Information. „Eine Impfpflicht kann nur im Notfall greifen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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