Medizin: Ein Notfallset aus der Nabelschnur

Medizin: Ein Notfallset aus der Nabelschnur

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Reservoir für medizinische Notfälle: Stammzellen aus der Nabelschnur sind viel zu schade für den Klinikmüll

von Susanne Kutter

Stammzellen aus der Nabelschnur einzufrieren galt lange als Hokuspokus. Doch nun belegen Studien, wie gut sich diese Zellen für medizinische Therapien eignen. Sie könnten künftig dabei helfen, Arthrose, Leukämie und Infarkte zu bekämpfen.

Als Hans-Dieter Kleine zum zweiten Mal Vater wurde, verlangte er in der Rostocker Universitätsklinik bis dato Unerhörtes: Er wollte die Nabelschnur seines Sohnes Eike haben, um daraus Stammzellen zu gewinnen und einzufrieren. Dass diese Zellen einmal zu einer Art biologischer Lebensversicherung werden könnten, falls Eike später an Krebs, Rheuma oder einer Immunschwäche erkranken sollte, davon hatten die Ärzte in Rostock im Jahr 1995 noch nie gehört.

Über Stammzellen, dieses vielseitige Reparaturwerkzeug des Körpers, war damals unter deutschen Medizinern wenig bekannt. Kleine dagegen, selbst Krebsarzt, war kurz zuvor von einem Forschungsaufenthalt aus den USA zurückgekommen. Er war fasziniert von den Hoffnungen, die US-Forscher mit der potenten Zellgattung verbanden, aus der sich im Idealfall beliebige Gewebe und Organe entwickeln können.

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Vom belächelten Jungarzt zum Trendsetter

Damals belächelten Freunde und Bekannte den technikgläubigen Jungarzt. Heute ist er Trendsetter: Das Geschäft mit Stammzellen aus der Nabelschnur boomt weltweit. Ob Frauenarztpraxis, Geburtsvorbereitungskurs oder Baby-Ausstatter – überall werden künftige Eltern mit Prospekten privater Stammzellbanken bombardiert. Das Einfrieren und Lagern des Nabelschnurbluts kostet je nach Anbieter knapp 300 bis fast 3.000 Euro: Beim Schnäppchenpreis kommen je Monat sechs Euro Gebühr hinzu, das Luxusangebot beinhaltet neben zusätzlichen Genchecks 25 Jahre kostenlose Lagerung.

Die Hoffnung dahinter: Bis dem eigenen Kind einmal etwas fehlt, könnten die Forscher in der Lage sein, mit Stammzellen – die dann aus ihrem Kälte-Tiefschlaf geweckt würden – den Schaden zu reparieren. Von der Hornhaut eines blinden Auges bis zu defekten Organen wie Herz, Niere oder Leber soll nahezu jedes Organ oder Gewebe einmal aus Stammzellen nachgezüchtet werden können.

Reservoir für medizinische Notfälle - Stammzellen aus der Nabelschnur sind viel zu schade für den Klinikmüll Quelle: AP

Reservoir für medizinische Notfälle - Stammzellen aus der Nabelschnur sind viel zu schade für den Klinikmüll

Bild: AP

Zu wertvoll für den Müll

Die Zelltypen, die bisher dazu verwendet werden, haben allerdings Nachteile. Sogenannte adulte Stammzellen, die jeder Mensch zum Beispiel als Reparaturzellen für Knochenbrüche in sich trägt, sind nicht so wandelbar und potent, wie die Forscher es sich wünschen. Andere Zellen haben zwar diese Wandlungsfähigkeit, stammen aber aus Embryonen, was ethisch umstritten ist. Die Zellen aus der Nabelschnur sind dagegen einfach zu gewinnen und stehen in ihrer Vielseitigkeit etwa in der Mitte. „Sie sind viel zu wertvoll, um im Klinikmüll zu landen“, sagt Eberhard Lampeter, Gründer und Chef von Vita 34 aus Leipzig, dem mit 17 Millionen Euro umsatzstärksten deutschen Nabelschnurunternehmen.

Auch Mediziner Kleine hat sich mit seiner Idee selbstständig gemacht und gründete 2002 das Unternehmen Seracell Stammzelltechnologie aus der Uni Rostock aus. Seither hat das Unternehmen mehr als 23.000 Präparate aus Nabelschnurblut eingelagert. Konkurrent Vita 34 hat seit seiner Gründung 1997 sogar mehr als 85.000 solcher Blutbeutel in den Kühltanks liegen.

Irgendwo in den fast mannshohen Stahltanks der Rostocker Seracell-Lagerräume schlummern auch die Stammzellen von Kleines Söhnen Timo und Eike im minus 196 Grad Celsius kalten flüssigen Stickstoff. Zum Glück sind die beiden Halbwüchsigen gesund und hatten noch keinen Bedarf für die dort hinterlegten je knapp 100 Milliliter konzentrierten Nabelschnurbluts.

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