Medizin: Infizierte Nieren für die Organspende

Medizin: Infizierte Nieren für die Organspende

, aktualisiert 31. Oktober 2016, 14:44 Uhr
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Normalerweise werden mit Hepatitis C infizierte Organe nur Patienten transplantiert, die das Virus bereits selbst tragen. US-Ärzte wollen nun infizierte Organe auch für gesunde Patienten verwenden.

Quelle:Handelsblatt Online

Transplantationsmediziner in den USA beschreiten einen neuen Weg, um lange Wartezeiten auf ein Spenderorgan zu verkürzen: Sie nutzen Nieren von Verstorbenen, die an Hepatitis C litten. Ein riskantes Experiment.

WashingtonNierenpatienten müssen in den USA mangels ausreichender Spenderorgane oft jahrelang auf eine Transplantation warten. Einige von ihnen können die Wartezeit nun dank eines aufsehenerregenden Experiments abkürzen: Sie willigen ein, eine mit Hepatitis C infizierte Niere zu erhalten.

Dass Ärzte wissentlich ein gefährliches Virus übertragen, mag fragwürdig klingen. Zwei führende Transplantationszentren sind jedoch überzeugt davon, dass diese Strategie Leben retten wird – sofern neue Medikamente, die eine Heilung von Hepatitis C versprechen, die Verwendung von Organen erlauben, die heute noch ungenutzt bleiben.

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Derzeit laufen an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore Pilotstudien, um die Transplantation von Nieren Verstorbener mit Hepatitis C an Empfänger zu erproben, die das Virus nicht in sich tragen. Wenn die Forschungsarbeit gelingt, könnten jährlich Hunderte Nieren mehr – und möglicherweise auch einige Herzen und Lungen – transplantiert werden.

„Wir haben Hepatitis C immer gefürchtet“, sagt Peter Reese, ein führend an der Forschung beteiligter Nierenspezialist der Penn-University. „Aber jetzt ist Hepatitis C einfach eine andere Krankheit.“ Dadurch könne abgewogen werden, ob es erstrebenswert ist, eine neue Niere Jahre früher zu erhalten, obwohl sie mit einer hoffentlich behandelbaren Krankheit infiziert ist.

Fünf Jahre Wartezeit

Hintergrund des ungewöhnlichen Schritts ist der Organmangel in den USA. Mehr als 99.000 Menschen stehen auf der nationalen Warteliste für eine Niere, doch nur etwa 17.000 Menschen jährlich erhalten eine Transplantation und vier Prozent pro Jahr sterben, während sie warten. Dies geht aus Zahlen des Vereinigten Netzwerks für Organverteilung (Unos) hervor.

„Hätten wir genügend Organe, würden wir das nicht tun“, sagt Niraj Desai, der die Hopkins-Studie leitet. Aber „die meisten Patienten stehen der Idee ziemlich offen gegenüber, sobald sie hören, was die Alternativen sind“.

Ärzte hatten Irma Hendricks eine mindestens fünfjährige Wartezeit für eine Niere in Aussicht gestellt. Drei Mal pro Woche ging die 66-Jährige aus East Stroudsburg in Pennsylvania zur Dialyse, doch selbst für ganz alltägliche Tätigkeiten hatte sie keine Kraft mehr.

„Ich nenne es das Zombiesyndrom“, sagt Hendricks. Deshalb ergriff sie die Gelegenheit, an der Studie teilzunehmen, auch wenn ihr die Ärzte sagten, sie könnten nicht für eine Heilung von der Hepatitis garantieren.

Nach der Transplantation nahm sie zusätzlich zu den üblichen Medikamenten drei Monate lang täglich eine Tablette gegen Hepatitis. Untersuchungen zeigten, dass das Virus rasch aus ihrem Blut verschwand. Ihre neue Niere arbeitet gut, und sie hat nun genug Energie, um mit ihrem kleinen Enkel zu spielen. „Das gibt Menschen in meiner Lage neue Hoffnung“, sagt sie.


Neue Medikamente gegen Hepatitis C

Nierenspezialisten verfolgen die Forschungsarbeiten genau. „Es ergibt Sinn für mich“, sagt Matthew Cooper, ein Transplantationschirurg am MedStar-Krankenhaus der Washingtoner Georgetown-Universität, der nicht an der Studie beteiligt ist. Verwendet werden sollten nur hochwertige Nieren von jungen Menschen, und die Patienten müssten über die Risiken Bescheid wissen, mahnt er.

Hepatitis C kann, wenn sie nicht behandelt wird, im Lauf von zwei bis drei Jahrzehnten die Leber eines Infizierten zerstören. Mindestens 2,7 Millionen Menschen in den USA haben chronische Hepatitis C. Bis vor wenigen Jahren konnte die Krankheit nur mit Medikamenten behandelt werden, die gravierende Nebenwirkungen hatten und häufig nicht wirkten.

Neue Medikamente versprechen nun einen Heilungserfolg in 95 Prozent der Fälle bei weniger Nebenwirkungen – für Menschen, die sie sich leisten können. Eine Behandlung kostet mehrere Zehntausend Dollar.

Normalerweise werden mit Hepatitis C infizierte Organe nur Patienten transplantiert, die das Virus bereits selbst tragen. Hepatitis-C-positive Organe negativen Empfängern zu transplantieren sei erlaubt, wenn der Patient zustimme, doch es komme selten vor, sagt David Klassen, Chefmediziner von Unos.

Auch die Kosten spielen eine Rolle

Viel häufiger sortieren Krankenhäuser infizierte Organe aus, darunter oft solche von potenziellen Spendern, die an einer Überdosis Drogen gestorben sind. Ohne Infektionsrisiko wären Organe solcher meist jüngeren Menschen begehrt.

Die kleinen Studien an den beiden Universitäten sind ein erster Schritt. Deutlich größere Studien sind nötig um herauszufinden, ob eine routinemäßigere Verwendung solcher Organe für Empfänger, deren Immunabwehr unterdrückt wird, wirklich funktioniert.

Auch die Kosten spielen eine Rolle. Das Pharmaunternehmen Merck & Co. unterstützt die Pilotstudien und stellt sein Medikament Zepatier kostenfrei zur Verfügung. Eine Behandlung damit kostet 54.000 Dollar (50.000 Euro) – laut Klassen von Unos immer noch weniger als eine lebenslange Dialyse, die jährlich etwa 75.000 Dollar kostet.

Die Studien begannen mit Nieren, weil die Nachfrage nach ihnen so hoch ist. Wenn sich das Verfahren als sicher und effektiv erweise, sehe er aber keinen Grund, warum es nicht auch an anderen Organen erprobt werden könne, sagt Penn-Transplantationschirurg David Goldberg.

Doch selbst wenn sich die infizierten Organe als nützlich erwiesen, brauche das Land dringend mehr Spender, sagt Studienleiter Desai. „Es ist eine praktische Lösung, um einigen der Menschen zu helfen. Es wird das Problem nicht lösen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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