Medizin: Künstliche Hände aus dem Drucker

Medizin: Künstliche Hände aus dem Drucker

, aktualisiert 25. Juni 2017, 10:03 Uhr
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Mehr als 500 Menschen haben bereits eine Handprothese des Erfinders erhalten - die meisten davon Kinder.

Quelle:Handelsblatt Online

Schon als Jugendlicher gewann der Argentinier Gino Tubaro Preise für seine Erfindungen. Mit 18 stellte er seine erste Handprothese mit einem 3D-Drucker her. Seitdem half er Hunderten Kindern ohne Finger.

Buenos AiresSie glänzen in rotem und blauen Kunststoff und machen die achtjährige Kaori Misue zum Star auf dem Spielplatz. Das argentinische Mädchen kam ohne Finger zur Welt und hat jetzt seine erste Prothese aus dem 3D-Drucker erhalten.

Mithilfe ihrer Handgelenksmuskulatur kann Kaori die Plastikfinger beugen und so im Kunstunterricht mit Klebeband und Stickern arbeiten. Sie kann Fahrradfahren, Seil springen und mit ihrer Mutter Kekse backen. Ihre staunenden Freunde haben schon gebettelt, die am Handgelenk festgeschnallte künstliche Hand ausleihen zu dürfen, die an farbenfrohe Spielzeug-Action-Figuren à la Transformers erinnert.

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„Es war magisch“, erinnert sich Kaoris Mutter Karina Misue. Die künstlichen Gliedmaßen gäben Kindern enormes Selbstvertrauen: „Sie tragen sie mit Stolz.“

Kaori ist eines von mehrere Hundert Kindern in Argentinien, die ohne Finger zur Welt kamen und die nun schreiben, Sport treiben und musizieren können. Zu verdanken haben sie das den günstigen Handprothesen des 21-jährigen Erfinders Gino Tubaro. Der damalige US-Präsident Barack Obama hatte Tubaros Arbeit bei einem Besuch in Argentinien im vergangenen Jahr gelobt.

Das Projekt „Limbs“ (Gliedmaßen) des jungen Erfinders ist Teil eines Trends von Open-Source-Initiativen zur 3D-Drucktechnik weltweit. Dazu zählt auch die Nonprofit-Organisation „e-NABLE“ zur Versorgung von Bedürftigen mit Hand- und Armprothesen und das Studio „Build It Workspace“, das Interessierte im Umgang mit Hightech-3D-Druckern schult.

4500 Menschen stehen auf der Warteliste

Initiator Tubaro fing schon in der Kindheit mit Tüfteleien an, wie er sich erinnert. Er habe Haushaltsgeräte auseinander geschraubt, um sie in neue Apparate umzuwandeln. Anstatt zu schimpfen meldeten seine Eltern ihn zu einem Experimentier-Workshop an. Rasch gewann der Junge erste Preise für seine Entwürfe.

Als er anfing, 3D-Drucker zu verwenden, wandte sich die Mutter eines Jungen an ihn, dem eine Hand fehlte. Sie bat Tubaro, eine Hand für ihren Sohn zu entwerfen. Der Designer lieferte diese 2014 ab, als er noch zur Schule ging.

Bis heute haben mehr als 500 Menschen, die meisten von ihnen Kinder, ähnliche Prothesen erhalten. 4500 weitere stehen auf einer Warteliste. Die Prothesen beruhen auf Prototypen, die dann mit Hilfe von Orthopäden an die speziellen Bedürfnisse der Empfänger angepasst werden.

Am „Limbs“-Projekt beteiligen sich Freiwillige auf der ganzen Welt, die 3D-Drucker besitzen. Sie drucken die notwendigen Teile, setzen sie zusammen und liefern die künstlichen Hände aus.

Die Preise reichen von umgerechnet nur 13 Euro für einfache Modelle bis zum Tausendfachen für aufwendige Entwürfe. Einzelne Teile können für bestimmte Zwecke ausgetauscht werden, etwa zum Tischtennis spielen, zum Halten einer Gabel und zum Fahrrad fahren.


Handprothesen von Iron Man oder Batman

Wenn ein Kind aus einer Prothese herausgewachsen ist, kann diese leicht ersetzt werden, nach Wunsch auch mit einem anderen Design. Zur Wahl stehen etwa ein schwarzes Batman-Modell, das kleine Plastikscheiben durch die Gegend schleudern kann, und eine rot-goldene Iron-Man-Variante, die Gummibänder abfeuert.

Tubaro bezeichnet das Projekt, das sich zum Teil aus Spenden und Preisgeldern finanziert, als „wundervolle Erfahrung“. Er erhalte aus Ländern wie Thailand, Mexiko und Ägypten Fotos von Kindern mit Prothesen, „die Dinge tun, die sie vorher nicht tun konnten“.

„Der Anblick eines Kindes, das eine Handprothese von Iron Man, Batman oder Prinzessin Elsa (aus „Die Eiskönigin“) trägt, erfüllt uns mit viel Stolz“, sagt der Erfinder, der zusätzlich zu dem Projekt an der Technischen Universität in der Hauptstadt Buenos Aires Elektrotechnik studiert.

Karina Misue erfuhr von der Initiative, als sie im Fernsehen Obamas Lobrede auf Tubaro hörte. Sie füllte auf der Website atomiclab.org einen Antrag auf eine Handprothese für Kaori aus und schickte ein Foto von der Hand ihrer Tochter auf kariertem Papier mit.

Kaori wünschte sich ursprünglich ein hellblau-weißes Modell von Prinzessin Elsa. Da dieses aber ausverkauft war, bekam sie eine hellblau-rote Prothese, die gut zu ihrer Lieblingskleidung passt. „Jetzt habe ich diese Farben bekommen, und es sieht aus wie Wonder Woman“, sagt Kaori und greift mit der künstlichen Hand nach einem Cupcake, den ihre Mutter gebacken hat. „Es fehlt nur Gelb, aber das macht nichts, weil ich etwas Gelbes anziehen kann.“

Tubaros Atomic Lab in Buenos Aires, aus dem Kaoris neue Hand stammt, ist geschmückt mit ausgedruckten Hand-Zeichnungen von Leonardo da Vinci und Entwürfen für die Iron-Man-Roboterhand. Auf Holztischen reiht sich ein 3D-Drucker von der Größe einer Mikrowelle an den nächsten. Daneben stehen Container, die bis zum Rand gefüllt sind mit Plastikteilen für die Prothesen. Zuletzt hat Tubaro hier eine Plastikhand für den Jazztrompeter Juan Pablo Pelaez fertiggestellt.

„Dank der Prothese kann ich viel besser mit meinem Instrument kommunizieren“, sagt der 33-jährige Musiker, der im Alter von 14 Jahren seinen Arm bei einem Autounfall verlor. „Es ist eine totale Freude und etwas Gutes für die eigene Seele: Zu wissen, dass Technik solche Dinge ermöglichen kann, ist wunderbar.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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