Neuer Wirkstoff Lugdunin: Ein Antibiotikum aus der Nase

Neuer Wirkstoff Lugdunin: Ein Antibiotikum aus der Nase

, aktualisiert 28. Juli 2016, 09:03 Uhr
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Jedes Jahr sterben tausende Menschen in Deutschland durch MRSA-Infektionen. Jetzt haben Forscher einen neuen Wirkstoff gegen den Keim entdeckt.

Quelle:Handelsblatt Online

Forscher haben ein Antibiotikum an einem ungewöhnlichen Ort entdeckt: in der menschlichen Nase. Es hat eine andere Struktur als bisher bekannte und bekämpft auch Erreger, die gegen Antibiotika eigentlich resistent sind.

TübingenAusgerechnet in der menschlichen Nase haben deutsche Forscher ein neues Antibiotikum entdeckt. Der Stoff mit dem Namen Lugdunin tötet Laborbefunden zufolge auch Bakterienstämme, die gegen andere Antibiotika resistent sind. Andreas Peschel von der Universität Tübingen und seine Kollegen berichten über ihre Entdeckung in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature“.

Bakteriologen suchen seit vielen Jahren nach einem Weg, Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (kurz MRSA) zu bekämpfen. „Diese Erreger sind in Krankenhäusern ein großes Problem, jedes Jahr sterben mehrere 1000 Menschen in Deutschland durch MRSA-Infektionen“, erläutert Peschel. Es gebe sogar Schätzungen, nach denen in den kommenden Jahrzehnten mehr Menschen an antibiotikaresistenten Bakterien sterben könnten als an Krebs, ergänzt Co-Autor Bernhard Krismer.

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Die Forscher sahen sich die mikrobiologische Lebensgemeinschaft in der menschlichen Nase an, wo das Bakterium Staphylococcus aureus bei etwa einem Drittel der Bevölkerung natürlicherweise vorkommt. Bei gesunden Menschen ist das kein Problem, doch bei Kranken und Geschwächten wird die Mikrobe zu einer tödlichen Gefahr.

Im Labor testeten die Forscher nun andere Bakterien aus der Nase einzeln auf eine mögliche Wirkung gegen MRSA. Mit Erfolg: Die Bakterienart Staphylococcus lugdunensis liefert die Basis für einen Stoff, den die Wissenschaftler Lugdunin nannten – und der den gefährlichen Erreger absterben ließ. Die weitere Forschung ergab, dass Lugdunin auch bei anderen Bakterienstämmen hilft, die gegen Antibiotika resistent sind.

„Die Entdeckung von Lugdunin zeigt wieder einmal, wie wichtig geduldige Grundlagenforschung ist“, betont Peschel. Zusammen mit seinen Kollegen konnte er belegen, dass Lugdunin eine Infektion mit Staphylococcus aureus auf der Haut von Mäusen bekämpfen kann.

Einen weiteren Hinweis auf die Wirksamkeit von Lugdunin brachten Proben aus den Nasen von 187 Menschen zu Tage: Bei Probanden, in deren Nase S. lugdunensis siedelte, kamen nur in 5,9 Prozent der Fälle auch S. aureus vor. Bei Patienten ohne S. lugdunensis waren es 34,7 Prozent.


Gut gemachte Studie

„Normalerweise werden Antibiotika nur von Bodenbakterien und Pilzen gebildet“, so Peschel. „Die Vorstellung, dass die menschliche Mikroflora ebenfalls eine Quelle von antimikrobiellen Stoffen sein könnte, ist eine neue Entdeckung.“ Die Forscher hoffen, mit dieser Entdeckung eine Tür zu weiteren Quellen von Antibiotika geöffnet zu haben.

Chemisch gesehen bildet Lugdunin eine neue Stoffklasse, die sich zwar aus bekannten Aminosäuren zusammensetzt, deren Kombination aber keinem anderen bislang bekanntem Antibiotikum ähnelt. Besonders auffällig ist eine große Ringstruktur, in der Peschel auch den Ursprung für den Wirkmechanismus vermutet.

In einem „Nature“-Kommentar bescheinigen Kim Lewis und Philip Strandwitz von der Northeastern University in Boston (USA), dass das Vorgehen der Tübinger Forscher einen allgemeinen Ansatz zur Suche nach Antibiotika bei Bakterien bietet, die den Menschen besiedeln. Schwierigkeiten für eine klinische Anwendung von Lugdunin könnte jedoch der Wirkmechanismus bereiten, der wahrscheinlich an der Synthese größerer Zellstrukturen wie der Membran ansetze und somit möglicherweise auch menschlichen Zellen gefährlich werden könnte.

Dietmar Pieper vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, der nicht an der Studie beteiligt war, geht davon aus, dass die Erforschung des neuen Wirkstoffs gerade erst begonnen hat: „Bei der Entwicklung von Antibiotika rechnet man in Jahrzehnten.“ Staphylococcus lugdunensis und Lugdunin müssten auf alle möglichen Wechselwirkungen im Körper hin genau untersucht werden. Insgesamt aber beurteilt er die Arbeit der Forscher als „gut gemachte Studie“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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