Norah-Lärmwirkungsstudie: Fluglärm lässt Kinder langsamer Lesen lernen

Norah-Lärmwirkungsstudie: Fluglärm lässt Kinder langsamer Lesen lernen

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Ständiger Fluglärm lässt Kinder langsamer Lesen lernen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Auswirkungen von Lärm rund um den Frankfurter Flughafen untersucht hat.

Geräusche begleiten unser Leben. Ob sie als unangenehm empfunden werden, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Fluglärm mag dagegen niemand. Eine Studie zeigt jetzt, dass er auch das Lesenlernen von Grundschülern bremst.

Ständiger Fluglärm lässt Kinder langsamer Lesen lernen. Mindestens einen Monat länger als andere brauchen Zweitklässler dafür in Grundschulen rund um den Frankfurter Flughafen. Das ist das Ergebnis einer Studie über die Auswirkungen von Lärm rund um Deutschlands größten Airport. Im Frühjahr 2012 wurden dafür im Rhein-Main-Gebiet 85 Schulklassen an 29 Schulen in vier unterschiedlich vom Fluglärm betroffenen Gebieten untersucht. Der Dauerschallpegel zur Unterrichtszeit reichte von 39 Dezibel bis 59 Dezibel.

Fakten zur Norah-Lärmwirkungsstudie

  • Was bedeutet Norah?

    Der Name der Norah-Lärmwirkungsstudie leitet sich aus dem englischen Titel „Noise-Related Annoyance, Cognition, and Health“ ab. „Zusammenhänge zwischen Lärm, Belästigung, Denkprozessen und Gesundheit“ - so übersetzen es die Initiatoren.

  • Was wird untersucht?

    Es gibt fünf Teilstudien: zur Lebensqualität, zum Schlafverlauf, zur Häufigkeit von Krankheiten im Rhein-Main-Gebiet, zur Veränderung des Blutdrucks in Lärm-Gebieten und zur kindlichen Entwicklung. In der Norah-Kinderstudie befassen sich die Forscher mit den Folgen chronischen Fluglärms auf die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten von Grundschulkindern. Studienleiterin ist Prof. Maria Klatte von der Abteilung „Kognitive und Entwicklungspsychologie“ der Technischen Universität Kaiserslautern. Sie ging der Frage nach, ob und wie Fluglärm Kinder im Rhein-Main-Gebiet beeinflusst.

  • Wer steckt hinter der Studie?

    An Norah beteiligt sind Wissenschaftler aus Medizin, Psychologie, Sozialwissenschaft, Akustik und Physik. Untersuchungen werden vorwiegend im Rhein-Main-Gebiet gemacht. Die Gesamtkoordination haben Rainer Guski von der Bochumer Ruhr-Universität und Dirk Schreckenberg vom ZEUS-Zentrum für angewandte Psychologie (Hagen).

  • Wer sind die Auftraggeber der Studie?

    Auftraggeber der Studie ist die Umwelt- und Nachbarschaftshaus GmbH in Kelsterbach, eine Tochtergesellschaft des Landes Hessen. An der Finanzierung sind neben dem Land Hessen unter anderem die Kommunen, der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport und die Luftverkehrsgesellschaften beteiligt.

  • Wer wurde für die Studie befragt?

    Für die Studie wurden im Frühjahr 2012 Tests, Befragungen und Messungen an 29 Schulen in 85 Schulklassen im Rhein-Main-Gebiet unternommen. Die Schulen lagen in vier unterschiedlich betroffenen Gebieten - ihr Dauerschallpegel reichte tagsüber von 39 Dezibel bis 59 Dezibel. Gesprochen haben die Wissenschaftler mit 1243 Zweitklässlern, 1185 Eltern und 85 Lehrern, die unter anderem nach ihrer eigenen Einschätzung der Lärmbelastung gefragt wurden.

  • Was ist das zentrale Ergebnis von Norah?

    Die Autoren fanden heraus: Je stärker die Lärmbelastung, desto langsamer lernen Kinder lesen. Wächst der Dauerschallpegel um 10 Dezibel, sind die Kinder in den lärmbelasteten Schulen im Vergleich zu anderen einen Monat im Rückstand beim Lesenlernen, bei 20 Dezibel mehr sind es zwei Monate.

Die Autoren fanden heraus: Je stärker die Lärmbelastung, desto langsamer lernen Kinder Lesen. Wächst der Dauerschallpegel um 10 Dezibel, sind die Kinder in den lärmbelasteten Schulen im Vergleich zu anderen einen Monat im Rückstand beim Lesenlernen, bei 20 Dezibel mehr sind es zwei Monate. „Der Statistische Effekt ist klein“, sagte Studienleiterin Prof. Maria Klatte. „Wir wissen aber nicht, wie sich der relativ kleine Effekt auf die weitere Entwicklung (der Kinder) auswirkt.“

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Die Lernverzögerung habe sich bei Kindern ohne Migrationshintergrund deutlicher gezeigt. Bei Kindern mit Migrationshintergrund war er kaum messbar. Das könne daran liegen, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund eine ganze Reihe ungünstiger Bedingungen hätten, wie schlechtere Deutsch-Kenntnisse oder weniger Unterstützung in der Familie, sagte Klatte.

Deutschlands Lärmquellen in Dezibel

  • 0 Dezibel

    Stille

  • 10 Dezibel

    Schneefall

  • 20 Dezibel

    Ticken einer Taschenuhr

  • 30 Dezibel

    Flüstern

  • 40 Dezibel

    Kühlschrank

  • 50 Dezibel

    Leises Gespräch, ruhiger Bach

    Optimaler Schutz laut Deutscher Gesellschaft für Akustik: 50 dB tagsüber und 40 dB nachts

  • 60 Dezibel

    Normales Gespräch

    Zielwerte des Umweltbundesamts und der WHO: 65 dB tagsüber und 55 dB nachts

  • 70 Dezibel

    Lautes Gespräch, Rasenmäher, sieben Meter entfernt

    Grobe Richtschnur für Richter: 70 dB tagsüber und 60 dB nachts gelten meist als zumutbar

  • 80 Dezibel

    Starker Straßenverkehr, laute Radiomusik

    Unzumutbare Dauerbelastung: 75 dB Lärm gilt unter Experten als langfristig nicht mehr tolerierbar

  • 90 Dezibel

    Airbus A319 in 450 Meter Höhe, Presslufthammer, Güterzug

  • 100 Dezibel

    Alter Güterzug, Boeing 747 in 450 Meter Höhe

  • 110 Dezibel

    Alter Güterzug auf schlechten Schienen

  • 120 Dezibel

    Kampfjet in sieben Meter Entfernung

  • 130 Dezibel

    Schmerzgrenze

Die Wissenschaftler sprachen mit 1243 Zweitklässlern, 1185 Eltern und 85 Lehrern, die unter anderem nach ihrer eigenen Einschätzung der Lärmbelastung gefragt wurden. Ihr Befinden schilderten die Schüler selbst wie auch ihre Eltern als überwiegend sehr gut, bei zunehmendem Fluglärm ein wenig schlechter.

Für den Vorsitzenden der Frankfurter Fluglärmkommission, den Raunheimer Bürgermeister Thomas Jühe (SPD), ist das Ergebnis der Studie in der Debatte um Lärmbelastung ein „Riesenfortschritt“. Die hessische Landesregierung kündigte „wirksame Maßnahmen“ an. Mit der Reduzierung des Fluglärms müsse „das Übel an der Wurzel“ gepackt werden, sagte Regierungssprecher Michael Bußer (CDU). Außerdem müsse darüber nachgedacht werden, wie die Lesedefizite der betroffenen Kinder kompensiert werden könnten. Dies könne an den Schulen geschehen oder auch über verstärktes Vorlesen der Eltern.

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Der Flughafenbetreiber Fraport sieht den Einfluss von Fluglärm als weniger gravierend als sozioökonomische Einflüsse oder Rahmenbedingungen des Unterrichts. Kinder aus Haushalten mit wenigen Kinderbüchern hätten einen Leserückstand von 3,5 Monaten, teilte Fraport in einer Reaktion mit. Die Luftfahrtwirtschaft empfindet die Studie als hilfreich für die Debatte: „Die Ergebnisse haben die Basis für eine sachlich fundierte Diskussion zu den Auswirkungen von Lärm auf Zweitklässler geschaffen“, sagte Klaus-Peter Siegloch, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft laut Mitteilung. Es habe sich auch gezeigt, dass die Luftfahrt mit ihren bisherigen Lärmschutz-Maßnahmen auf dem richtigen Weg sei.

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