Notfallkabine in Flugzeugen : Wenn ein Rettungssystem zum Risikofaktor wird

Notfallkabine in Flugzeugen : Wenn ein Rettungssystem zum Risikofaktor wird

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Die Kapsel soll Passagiere während eines Absturzes sicher zum Boden bringen.

von Lisa Oenning

Eine Kapsel sprengt sich während eines Flugzeugabsturzes von der Maschine ab und rettet so die Passagiere. Medien bezeichnen die Notfallkabine des Ingenieurs Tatarenko als technischen Durchbruch. Doch Experten zweifeln.

Das mulmige Gefühl vor dem Fliegen beschleicht so manche Passagiere nicht erst seit der Germanwings-Katastrophe im vergangenen Jahr. Und dabei war das Jahr 2015 laut dem niederländischen Flugunfallbüro Aviation Safety Network das sicherste Jahr in der zivilen Luftfahrt. 560 Menschen sind bei Flugzeugabstürzen ums Leben gekommen. Während die Zahl der Passagiere jährlich steige, sinke die Zahl der Verunglückten kontinuierlich.

Vladimir Tatarenko hat versucht, das Risiko weiter zu minimieren und deshalb eine Notfallkabine für Flugzeuge entwickelt. Diese soll Passagieren bei einem Absturz das Leben retten. Sie löst sich im Notfall vom Rest der Maschine und landet mit Hilfe von Fallschirmen auf dem Boden oder zu Wasser. Drei Jahre hat der Ukrainer an seinem Prototypen gearbeitet.

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Endlich gibt es ein Rettungssystem für Flugzeugabstürze - so lautet der Tenor der Medien. Dabei ist die Idee schon ein paar Jahrzehnte alt: 1939 meldete Hans Regelin ein Patent für ein mehrmotoriges Landflugzeug mit schwimmfähiger Kabine an. Fast ein halbes Jahrhundert später registrierte Erick Neubeck ein Luftnotrettungssystem für Großraumflugzeuge beim Patentamt. Auf dem Markt ist allerdings kein vergleichbares Rettungssystem für Flugzeuge.


Taugt die Kapsel überhaupt etwas?


Experten zweifeln stark daran, dass sich die Kabine in der Zukunft in Flugzeugen etablieren wird. "Technisch gesehen ist eine Notfallkabine in Flugzeugen zwar realisierbar", sagt Andreas Bardenhagen, Fachgebietsleiter am Institut für Luft- und Raumfahrt in Berlin. "Doch die Kapsel ist mit vielen Problemen verbunden und enorm teuer."

Die Kabine würde nach Einschätzung von Bardenhagen - inklusive Fallschirmen, Raketen, die die Kapsel während eines Absturzes abbremsen und Raketensprengstoff - sehr viel mehr wiegen. "Durch die Kabine wäre das Flugzeug zehn bis 15 Prozent schwerer als vorher." Dadurch erhöhe sich auch der Treibstoffverbrauch um zehn bis 15 Prozent. Was bei der Kostenkalkulation aber noch das kleinere Übel wäre. Denn um eine solche Kapsel überhaupt verwenden zu können, müssten die Flugzeugbauer erstmal ein ganz neues Flugzeugmodell entwickeln – was bis zu zehn Jahre dauern kann. "Die Kosten für ein neues Flugzeugmodell liegen ungefähr im einstelligen Milliardenbereich", sagt der Experte. Diese würden die Airlines über höhere Ticketpreise an die Passagiere weitergeben.

Doch die Kosten sind nicht das einzige Problem. Um die Kapsel vom Flugzeug abzutrennen, will Tatarenko Sprengstoff verwenden – was an Bord unzulässig ist und als Teil des vermeintliches Sicherheitssystems einen Risikofaktor darstellt. Außerdem müsste die Kapsel sauber vom Rest und ohne Druckverlust separiert werden, sodass die Passagiere weiterhin Luft bekommen.

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Und da immer das Risiko besteht, dass sich ein Fallschirm der Kapsel nicht öffnet, müssten die Entwickler weitere Ersatzfallschirme im Flugzeug unterbringen – die für zusätzliches Gewicht sorgen. Ein weiteres Problem in Sachen Fallschirm: "Er müsste aus unterschiedlichen Höhen, Lagen und bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten automatisch auslösen können", sagt Bardenhagen.
Bei einem Brand oder Explosion in der Flugzeugkabine hilft übrigens auch die Sicherheitskapsel nicht mehr. Allgemein gibt es kaum Fälle, in denen sie zum Einsatz käme. "Die meisten Flugzeugunfälle passieren beim Start oder bei der Landung – in diesen geringen Höhen kann keine Kapsel abgesprengt werden, um dann mit dem Fallschirm zu landen."
Selbst wenn ein Triebwerk ausfällt, könne das Flugzeug noch weiterfliegen und sicher auf einem Ausweichflughafen landen. Schließlich gibt es in allen Maschinen mindestens zwei Triebwerke. Bardenhagen kann sich kaum einen konkreten Fall vorstellen, in dem solch ein Rettungssystem benötigt werde – zumal die Konstruktion selbst in diesen Fällen immer wieder Gefahren bergen würde. Deswegen hält er die Idee einer absprengbaren Kapsel für ineffizient. "Man muss sich vor Augen führen, dass sich mit weniger Aufwand die Sicherheitsstandards wesentlich besser erhöhen und mehr Leben retten ließen."

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