Organ-Transplantation: Wem die Spenderniere gebührt

Organ-Transplantation: Wem die Spenderniere gebührt

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Offenbar gab es mehr Manipulations- und Betrugsfälle als zu Beginn des Transplantationsskandals 2012 bekannt war.

Die Bundesärztekammer hat deutsche Transplantationszentren kontrolliert. Das Ergebnis: Die Kontrollen greifen – aber es gab mehr Betrugsfälle als gedacht.

11.000 Menschen warten in Deutschland dringend auf ein Spenderorgan, um überleben zu können. Doch solche Organe sind Mangelware. Und seit im Sommer 2012 bekannt wurde, dass an mehren deutschen Transplantationszentren betrogen und gemauschelt worden war, um für die eigenen Patienten schneller an ein Organ zu kommen, ging die ohnehin schon sehr bescheidene Organspendenbereitschaft weiter drastisch zurück. Der Effekt: Noch mehr Patienten sterben, weil ihre Lebern, Herzen oder Nieren versagen, bevor sie ein Ersatzorgan bekommen.

Inzwischen sind die Regelungen und Kontrollmöglichkeiten drastisch verschärft worden. Ihren aktuellen Jahresbericht legte die Prüfungs- und der Überwachungskommission zur Prüfung der Herz-, Nieren-, Pankreas- und Lebertransplantationsprogramme der Bundesärztekammer gerade vor.

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Das Ergebnis ist durchwachsen. Einerseits greifen die Kontrollen, die nun auch ohne konkreten Verdacht in 33 Fachzentren durchgeführt werden durften. Allerdings stießen die Prüfer dabei auf weitaus mehr Manipulations- und Betrugsfälle als zu Beginn des Skandals 2012 bekannt waren. Bisher standen die Zentren in Göttingen, Leipzig, Münster und München (Rechts der Isar) im Rampenlicht, die Verfahren laufen noch. Nun bemerkten die Kontrolleure auch Regelverstöße in Berlin, Regensburg und Hamburg. Beim Deutschen Herzzentrum Berlin fanden sich nach Angaben der Prüfer sogar Hinweise auf bewusste Manipulationen.

Das dürfte wohl kaum wieder wie gewünscht das Vertrauen in die Transplantationsmedizin stärken.

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Melanie Perske Quelle: Foto: Andreas Chudowski für Wirtschaftswoche

Warum aber machen Ärzte sich strafbar – und ihre Patienten formal kränker, als sie es eigentlich sind? Damit sie schneller an ein Spenderorgan kommen, ganz einfach. Das ist gesetzeswidrig und kann inzwischen mit Geldstrafen und Gefängnis geahndet werden, denn es widerspricht den Spielregeln der Organvergabe. Diese Vergaberegeln berücksichtigen – ethisch ganz korrekt - vorrangig jene Patienten, die am längsten auf der Warteliste stehen und bei denen der Gefahr am größten ist, dass sie ohne ein Spenderorgan versterben. So soll auch verhindert werden, dass Organe gehandelt werden – und nur die Meistbietenden überleben.

Doch diese Regeln treiben engagierte Mediziner zuweilen in ein Dilemma. Denn aus wissenschaftlicher Sicht sind die bedürftigsten Patienten leider meist nicht die idealen Organempfänger. Weil sie schon schwer vorgeschädigt sind, kann eine Transplantation ihnen zwar möglicherweise das Überleben sichern, aber kein wirklich gesundes, beschwerdefreies Leben mehr ermöglichen. Oft sterben sie sogar kurze Zeit nach der Transplantation, einfach weil das Organ für sie viel zu spät kam.

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Eine Mitarbeiterin der Deutschen Stiftung für Organtransplantation trägt eine spezielle Kühlbox für Spenderorgane. Quelle: dpa

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Sind die Kriterien für die Vergabe von Spenderorganen richtig gewählt? Und ließe sich solch eine Abwägung zwischen ethischen und medizinischen Fragen in nachvollziehbare, objektive Richtlinien umsetzen? Wäre es ethisch vertretbar, diejenigen zu bevorzugen, die am meisten von einem Organ profitieren?

Es wäre ein Spagat zwischen Bedürftigkeit und Erfolgsaussichten. Keine Frage. Da allerdings eine Novelle der Vergabe-Richtlinien bis Ende des Jahres ansteht, wäre es dringend notwendig, diese Diskussion ganz offen anzugehen, statt sie wie bisher lieber unter den Tisch zu kehren.

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