Prähistorische Fußspuren: Indigene Fährtenleser helfen Archäologen

Prähistorische Fußspuren: Indigene Fährtenleser helfen Archäologen

, aktualisiert 12. Mai 2017, 12:26 Uhr
Bild vergrößern

Die Fährtenleser George Aklah aus Kanada, Ui Thao und Ui Kxunta aus Namibia (l.-r.) auf der Konferenz „Prehistoric Human Tracks“ in Köln. Archäologen hoffen, durch indigene Fährtenleser mehr über prähistorische Fußspuren zu erfahren.

Quelle:Handelsblatt Online

Groß oder klein, alt oder jung, verärgert oder entspannt – Fußspuren verraten vieles über den Menschen, wenn man sie lesen kann. Indigene Völker haben diese Kenntnisse noch bewahrt und helfen damit Archäologen.

KölnFür die drei San-Jäger aus Namibia sind Fußspuren wie ein offenes Buch – sie brauchen kein Handy, um zu wissen, wo ihre Kinder gerade sind. Leah Umbagai vom australischen Aborigine-Volk der Worrorra kann aus dem Fußabdruck sogar auf die Stimmung des Menschen schließen, der sie hinterlassen hat.

George Aklah, Inuit aus dem nordkanadischen Nunavut-Territorium ist ein Jäger, der das Lesen der Spuren der Eisbären und Karibus von Kindesbeinen an gelernt hat. Für die Inuit ist diese Fähigkeit überlebenswichtig.

Anzeige

Aus Afrika, Australien und Nordamerika sind indigene Fährtenleser nach Köln gekommen. Auf dem Platz zwischen den heruntergekommenen Baracken der Forschungsstelle Afrika des Instituts für Ur- und Frühgeschichte haben die Wissenschaftler Andreas Pastoors und Tilman Lenssen-Erz – Experten für eiszeitliche Felsbildmalerei – eine ziemlich untypische Konferenz initiiert. Rund um ein rauchiges Lagerfeuer sitzen die Vertreter indigener Völker zusammen mit renommierten Archäologen und Paläoanthropologen aus aller Welt.

Auf der ersten internationalen Konferenz zu prähistorischen Fußspuren tauschen sich Forscher und Fährtenleser aus. Sogar ein Software-Ingenieur aus dem Erzgebirge ist dabei, der Wolfsspuren liest und die Bio-Daten als „Cybertracker“ für die Forschung erfasst.

Die Wissenschaftler erforschen etwa die rund 17.000 Jahre alten Fußspuren der Eiszeitmenschen in den französischen Pyrenäen-Höhlen, 80.000 Jahre alte Fußabdrücke der Neandertaler in der Normandie oder sogar rund 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren der Vorläufer des Menschen in Tansania.

2013 hatte eine Expedition mit den namibischen Buschleuten in die französischen Pyrenäen-Höhlen mit den berühmten Wandmalereien der Steinzeitmenschen Aufsehen erregt. Die San-Jäger stellten nach der Begutachtung der jahrtausendealten versteinerten Fußabdrücke die bisherige Vermutung infrage, es habe dort rituelle Tänze gegeben. Nach ihrer Einschätzung sind Menschen in den Höhlen hin- und hergelaufen, um Lehm zu lösen.

Die Kölner Konferenz ist ein weiterer Schritt, das Wissen indigener Völker für die Erforschung prähistorischer Spuren nutzbar zu machen. „Wir sind nicht sicher, was dabei herauskommt“, sagt Lenssen-Erz. „Es ist ein Experiment. So eine Konferenz haben wir noch nie erlebt.“


Eine Kunst, die man das ganze Leben lernen muss

Die San-Jäger Tsamkxao Ciqae, Thui Thao und Ui Kxunta aus Namibia können aus Fußspuren ablesen, ob es sich um einen Mann oder Frau handelt, alte oder junge Menschen, ob sie eine Last tragen und welchen Gang sie haben. Sie wissen, wie alt eine Spur ist und was der Wind mit ihr macht.

„Fährten zu lesen, hat Gott uns gegeben“, sagt Ui Kxunta. Ein guter Jäger müsse Spuren lesen können. „Das ist unser Leben und unser Wissen.“

Für Leah Umbagai bedeutet das Spurenlesen auch, ihre Kultur und ihr Land besser zu begreifen. „Es ist eine Kunst, die man das ganze Leben lernen muss.“ Und der Fortschritt kommt hinzu. Sie kann inzwischen auch Spuren von Autoreifen lesen.

Aber können die Experten für frische Spuren auch versteinerte prähistorische Fußabdrücke richtig interpretieren? „Es ist schwer, diese Kenntnisse auf 3,6 Millionen Jahre alten Spuren des Australopithecus afarensis anzuwenden“, sagt David Raichlen von der University of Arizona. Er erforscht die bisher ältesten gefundenen menschenähnlichen Fußspuren in Tansania. Für Lysianna Ledoux, die die rund 29.000 Jahre alten Spuren in der Höhle von Cussac in der Dordogne erforscht, ist das Wissen der indigenen Fährtenleser zumindest ein „Ansatz“.

Matthew Bennett von der britischen Bournemouth University ist skeptisch. Um nachprüfbare Ergebnisse zu erlangen, müsse man wissenschaftlich fundierte Messreihen und Blindstudien erstellen, fordert er.

Pastoors sagt, das Wissen der Fährtenleser sei erprobt und anerkannt. Denn: „Ihr Leben hängt davon ab.“ Lenssen-Erz ergänzt, auf lange Sicht werde es Studien geben. „Aber wir wollen nicht mit Data Control starten.“

Alle Teilnehmer der Kölner Konferenz nehmen zumindest eine Erkenntnis mit: Auf der Flucht vor einem Elefanten soll man immer einen Haken nach rechts schlagen.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%